Abdoulaye Diop weiß nicht mehr, wie oft er diese Strecke gefahren ist. Nachts peitscht der trockene Wind von Dakar durch das geöffnete Fenster seines Taxis, während er Reisende zum internationalen Flughafen Blaise Diagne bringt.
Immer wieder schießt ihm dabei derselbe Gedanke durch den Kopf: Wann werde ich selbst nach Europa reisen?
Lange behält er diesen Wunsch für sich. Vor allem gegenüber Mohamed. So nennt sich ein Mann, der solche Reisen organisieren kann – ein Schleuser, dessen Netzwerk sich nach Aussagen von Betroffenen über Senegal, Marokko, Tunesien bis nach Italien erstreckt. Sein Geschäft ist der illegale Transport von Menschen.
Eines Tages erzählt Diop ihm doch von seinen Plänen. Danach geht alles schnell. Mohamed verlangt 7600 Euro. Diop zahlt 3000 Euro an und verpflichtet sich, den Rest nach seiner Ankunft zu begleichen. Wenige Wochen später bekommt er ein Ticket von Dakar nach Casablanca und zusätzlich ein Rückflugticket – offenbar, um den Behörden eine reguläre Reise vorzutäuschen.
Mit seinem eigenen senegalesischen Pass fliegt Diop nach Marokko. Dort übergibt ihm ein Verbindungsmann einen französischen Aufenthaltstitel und ein weiteres Ticket: über Tunesien nach Portugal. Doch am Flughafen von Lissabon endet die Reise. Die Grenzpolizei erkennt, dass der Aufenthaltstitel gefälscht ist. Diop wird festgenommen.
Er beteuert bis heute, nichts von der Fälschung gewusst zu haben.
Der dichte Verkehr der senegalesischen Hauptstadt DakarSein Fall ist einer von unzähligen. Diop wurde Teil eines großen Geschäfts. Viele Westafrikaner wollen nach Europa; zugleich hat die Europäische Union ihre Außengrenzen über Jahrzehnte immer stärker gesichert. Strengere Visavorschriften, biometrische Kontrollen und eine engere Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten haben die Möglichkeiten legaler Einreise begrenzt. Für Schleuser und Dokumentenfälscher ist daraus ein lukrativer Markt entstanden.
Nach Berichten des European Network Against Crime and Terrorism, das mit Interpol zusammenarbeitet, hat sich Senegal zu einem wichtigen Transitland für Menschenschmuggel in Westafrika entwickelt. Experten bezeichneten das Land zudem als Brennpunkt für Dokumenten- und Visabetrug. WELT hat mit Betroffenen und Ermittlern gesprochen – und undercover Fälscher kontaktiert, um das System besser zu verstehen.
Ein Netzwerk mit vielen Verbindungen
Diop verbringt rund zwei Monate in portugiesischer Haft. Danach stellt er einen Asylantrag und reist weiter nach Deutschland. Er landet zunächst im baden-württembergischen Mössingen, später in Deggendorf in Bayern. Dort beginnt er, Deutsch zu lernen und erhält zunächst eine befristete Aufenthaltserlaubnis.
Eines Morgens stehen Polizisten vor seiner Tür. Diop wird in Handschellen gelegt und zurück nach Portugal gebracht. Nach den Dublin-Regeln ist das Land für sein Asylverfahren zuständig. Denn dort betrat der Afrikaner zuerst die Europäische Union.
Doch damit endet sein Problem nicht. Auch in Senegal gerät seine Familie unter Druck. Weil Diop den Schleusern die restlichen 4500 Euro nicht zahlen will, erstattet Mohameds Netzwerk Anzeige gegen ihn. Diop sagt WELT: „Er hatte mir nicht gesagt, dass ich verhaftet würde, also weigerte ich mich zu zahlen.“
Die Anzeige liegt dieser Redaktion vor. Nach Diops Darstellung wurde daraufhin sein Bruder von der Gendarmerie vorgeladen. Für ihn ist das ein Hinweis darauf, wie weit die Verbindungen des Netzwerks reichen könnten: bis in die Ermittlungsbehörden und die Justiz.
Ein gefälschtes Visum für Deutschland, konfisziert von der senegalesischen PolizeiUm mehr über die Strukturen herauszufinden, nimmt die WELT-Reporterin Kontakt zu Mohamed auf. Sie gibt sich als Senegalesin in Europa aus, die ihren Bruder nachholen möchte. Mohamed reagiert sofort.
„Madame, Sie vergeuden Ihre Zeit, wenn Sie versuchen, über den konsularischen Weg zu gehen“, sagt er am Telefon. Für 7622 Euro könne der Bruder innerhalb eines Monats nach Europa kommen. Später gibt Mohamed auch die Nummer eines Mannes weiter, der sich Alphonse nennt und eine zentrale Rolle in Dakar spielen soll.
Nur eine Woche später wird Mohamed vorsichtiger. Die senegalesische Spezialeinheit gegen Migrantenschmuggel hat gerade mehrere mutmaßliche Dokumentenfälscher festgenommen. Die Lage sei „derzeit kompliziert“, erklärt er.
Ein Informant mit Kenntnis über das Schleusernetzwerk beschreibt WELT ein Büro im Viertel Grand Yoff in Dakar. Dort würden falsche Pässe hergestellt und gefälschte Aufenthaltstitel aus Europa angenommen. Senegalesen, Guineer und Kongolesen seien Teil des Netzwerks. Der eigentliche Kopf der Organisation sitze demnach in Italien.
Gefälschte Pässe, Visa und Aufenthaltstitel
Am Flughafen Blaise Diagne beschäftigen solche Fälle die Behörden regelmäßig. Verdächtige werden dort Spezialisten für Dokumentenbetrug übergeben. Ermittler zeigen beschlagnahmte Papiere aus zahlreichen Ländern – darunter Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und Deutschland.
Allein im ersten Quartal 2025 wurden nach Angaben der Behörden 141 Dokumente bei 122 Personen sichergestellt. In einem weiteren Drei-Monats-Zeitraum waren es 74 Dokumente, darunter 22 Pässe.
Dabei ist nicht jeder, der mit falschen Papieren erwischt wird, selbst Teil des kriminellen Netzwerks. „Viele sind Opfer der Fälscher“, sagt ein senegalesischer Ermittler. Im ersten Halbjahr 2025 wurden nach Ermittlungen lediglich 24 Personen angeklagt.
Ein gefälschter Pass wurde aus dem Verkehr gezogenDie Methoden der Fälscher werden derweil immer professioneller. Nach Angaben der Ermittler testen sie Dokumente sogar mit UV-Geräten, bevor sie sie ihren Kunden übergeben.
2025 wurden laut senegalesischen Behörden insgesamt 1048 Menschen im Zusammenhang mit Migrantenschmuggel und verwandten Delikten festgenommen. Der größte Teil entfiel auf Schleusungen über den Seeweg. Hinzu kamen Fälle von Visabetrug, Urkundenfälschung, Identitätsdiebstahl und Menschenhandel.
Wie viele Fälle unentdeckt bleiben, ist offen.
Neue Routen nach Europa
Die Täter nutzen nicht nur klassische Fälschungen. Teilweise machen sie sich internationale Einreise- und Transitregeln zunutze.
Ermittler berichten etwa von Menschen aus dem Nahen Osten, Zentralafrika oder dem Horn von Afrika, die zunächst nach Dakar reisen und dort mit manipulierten europäischen oder anderen Pässen weiterfliegen. Andere buchen Reisen mit einem Zwischenstopp in einem Schengen-Land und beantragen während des Transits Asyl.
Auch Casablanca gilt den senegalesischen Behörden als wichtiger Umschlagplatz. Im Jahr 2025 seien dort 151 Senegalesen wegen Betrugs zurückgewiesen worden; bei ihnen seien 176 Dokumente sichergestellt worden.
Eine weitere Route führe über Dubai und Singapur nach Europa. In Singapur erhielten Reisende demnach französische oder spanische Pässe beziehungsweise gefälschte Aufenthaltstitel.
Manchmal sind die Methoden erstaunlich simpel. Originaldokumente werden an Personen verliehen, die dem eigentlichen Inhaber ähnlich sehen. Ein Ermittler berichtet von brasilianischen Dokumenten, die für rund 7600 Euro vermietet würden. Der Besitzer begleite den Kunden auf einem Teil der Reise, übergebe das Dokument während des Transits und kehre anschließend zurück.
Nach der Ankunft in Europa werde der Pass schlicht per Post zurückgeschickt.
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