Die Ermittler kamen am Mittwoch. An mehreren Adressen in Brüssel und Umgebung durchsuchte die belgische Polizei Wohnungen im Rahmen eines Geldwäscheverfahrens. Die Betroffenen gehören zur Familie und zum Umfeld des kongolesischen Präsidenten Félix Tshisekedi. Die Spur führt also zu Einnahmen aus jenem Wirtschaftszweig, mit dem sich der Kongo als wichtiger Partner des Westens empfiehlt: dem Bergbau.
Einen Tag später folgte die aufschlussreiche Reaktion aus Kinshasa. Das Präsidialbüro untersagte seinen Mitarbeitern Kontakte zur belgischen Botschaft. Notwendige Kontakte müssen fortan über das Außenministerium genehmigt und abgewickelt werden. Warum die Mitarbeiter plötzlich Abstand zu den belgischen Diplomaten halten sollten, stand nicht in dem Rundschreiben.
Es war die zweite Nachricht innerhalb weniger Tage, die Tshisekedi unter Druck setzte. Zuvor hatten sich in Goma, weit im Osten seines Landes, die bewaffneten Gegner des Präsidenten neu aufgestellt. An der Spitze ihrer am Montag vorgestellten Allianz steht nun sein Vorgänger Joseph Kabila. Ihr erklärtes Ziel ist der Sturz der Regierung, auch mit Gewalt. Kabila soll mit seinen alten Verbindungen in Politik und Armee dabei helfen, den bislang vor allem im Osten verankerten Konflikt auf weitere Landesteile auszudehnen.
Beides trifft die Rohstoffpläne der USA und Europas. Ein breiterer Krieg könnte den Zugang zu wichtigen Rohstoffen gefährden. Die Ermittlungen wiederum werfen kein gutes Licht auf die kongolesische Regierung, mit der der Westen diesen Zugang sichern will. Besonders Washington setzte zuletzt auf Geschäfte mit Kinshasa, um seine Abhängigkeit von chinesisch dominierten Lieferketten zu verringern. Tshisekedi aber gerät derweil militärisch und politisch immer mehr unter Druck.
Dabei führt an dem Land bei einigen Rohstoffen kaum ein Weg vorbei. Nach Schätzungen der amerikanischen Geologiebehörde USGS kamen im Jahr 2025 rund 73 Prozent des weltweit geförderten Kobalts aus dem Kongo. Das Metall wird unter anderem für Batterien und hitzebeständige Legierungen benötigt. Hinzu kommen Kupfer für Stromnetze und Elektrifizierung sowie Tantal aus Coltan für diverse Elektronik und Luftfahrt.
Timo Roujean, Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kinshasa, sieht auch nach den jüngsten Nachrichten keine unmittelbare Gefahr für all diese Geschäfte. Die aktuelle Entwicklung werde Investoren voraussichtlich nicht davon abhalten, bei einer geeigneten Gelegenheit in der Region tätig zu werden, so Roujean.
Die Anzeige gegen die Personen in Tshisekedis Umfeld hatten kongolesische Nichtregierungsorganisationen im vergangenen Jahr in Belgien eingereicht. Ihren Anwälten zufolge geht es um die mutmaßliche Aneignung von Bergbauressourcen und die Geldwäsche daraus erzielter Einnahmen.
Mehrere der genannten Personen besitzen die belgische Staatsangehörigkeit und leben dort. Die Bundesstaatsanwaltschaft bestätigte die Durchsuchungen, nannte aber keine Betroffenen. Anwälte der Präsidentenfamilie weisen die Vorwürfe als unbegründet und verleumderisch zurück.
Aufmerksamkeit auf den Präsidenten gelenkt
Roujean hält insbesondere die Reaktion aus dem Präsidialbüro für politisch brisant. „Bisher wurde nicht gegen den Präsidenten ermittelt, sondern nur gegen Familienangehörige“, sagt er. Mit der Kontaktsperre gegenüber belgischen Botschaftsmitarbeitern lenkt dessen Büro nun zusätzliche Aufmerksamkeit auf den Fall.
„Da hat jemand richtig Muffe“, meint Roujean – möglicherweise auch vor Informationen, die aus der eigenen Administration nach außen gelangen könnten. Gerade in Katanga könnten die Vorwürfe nach seiner Einschätzung mehr Proteste befeuern als Kabilas neue Position an der Spitze der Rebellen. In der wirtschaftlich bedeutendsten Region des Landes brodelt seit Längerem der Vorwurf, dass wichtige Ämter gezielt Angehörigen seiner Familie oder seiner Volksgruppe zugeschachert worden seien.
Die Vorwürfe betreffen Berichten zufolge Bergbaugeschäfte in Haut-Katanga und Lualaba, den südöstlichen Provinzen mit ihren großen Kupfer- und Kobaltvorkommen. Und sie fallen in eine Zeit, in der Washington seine Beziehungen zum kongolesischen Rohstoffsektor ausbaut.
Im Dezember 2025 kündigten der Staatskonzern Gécamines und der Rohstoffhändler Mercuria eine von der amerikanischen Entwicklungsfinanzierungsagentur DFC unterstützte Partnerschaft an. Im Januar folgten Pläne, 100.000 Tonnen Kupfer aus der Produktion von Tenke Fungurume für den amerikanischen Markt zu vermarkten.
Während im Südosten solche Geschäfte vorbereitet werden, ordnet Kabila seine Allianz. Die Front zur Neugründung der Nation, kurz FRN, bündelt Kräfte der bisherigen AFC/M23-Rebellion. Die von Ruanda unterstützten Rebellen kontrollieren erhebliche Teile des Ostens. Ihr neuer Anführer kennt die Machtverhältnisse weit darüber hinaus.
Kabila übernahm das Präsidentenamt 2001 mit nur 29 Jahren, nachdem sein Vater von einem Leibwächter erschossen worden war. Bis 2019 regierte er das Land. Anschließend arrangierte er sich zunächst mit Tshisekedi, bevor dieser den Einfluss seines Vorgängers zurückdrängte. Aus dem Zweckbündnis wurde erbitterte Feindschaft. Nun steht Kabila an der Spitze einer Bewegung, die seinen Nachfolger mit Gewalt aus dem Amt drängen will.
Seine Kontakte könnten Offiziere und regionale Machtgruppen zum Seitenwechsel bewegen, denen die von Ruanda unterstützte M23 bislang zu fremdbestimmt erschien. Ob daraus zusätzliche Fronten entstehen, ist jedoch offen.
„Das ist der achte Krieg, den wir beendet haben“
Eine Ausweitung der Kämpfe im Raum Uvira und Fizi in der Provinz Süd-Kivu hält Roujean für vorstellbar. Dort könnte die Allianz versuchen, ihren Einfluss auf Handelswege für Gold und den Zugang zum Tanganjikasee zu vergrößern. Das würde den Druck auf die Zentralregierung erhöhen und die Interessen der Nachbarstaaten berühren. „Aber einen solchen Durchmarsch Richtung Süden traue ich ihm nicht zu“, sagt der Stiftungsmann. „Dafür sind die Kräfteverhältnisse auch momentan zu ausgewogen.“
Für Ruanda dagegen kann seine Führungsrolle nützlich sein. Es könne jetzt stärker darauf verweisen, dass ein früherer kongolesischer Präsident den Aufstand anführe, erklärt Roujean. Kabila sei „der perfekte Vorwand“, um die eigene Rolle in den Hintergrund zu rücken und den Krieg als innerkongolesische Angelegenheit darzustellen.
Dabei sollte der Krieg nach amerikanischer Darstellung längst beendet sein. Als Tshisekedi und Ruandas Präsident Paul Kagame im vergangenen Dezember in Washington ein Friedensabkommen bekräftigten, verkündete Donald Trump das als seinen Erfolg. „Dies ist der achte Krieg, den wir in weniger als einem Jahr beendet haben“, sagte der US‑Präsident. Im Osten des Kongo gingen die Kämpfe weiter.
Parallel vermittelt Katar zwischen Kinshasa und den Rebellen. Gerade diesen Prozess hält Roujean durch die Neuordnung der Allianz für gefährdet. Das zwischenstaatliche Abkommen zwischen dem Kongo und Ruanda habe eher Bestand als die von Katar vermittelten Vereinbarungen mit den Rebellen. Auch deren bisherige Zusagen seien ohnehin nicht umgesetzt worden. „Vor Ort wird immer noch nicht eingehalten, was auf dem Papier vereinbart wurde“, sagt Roujean.
Versprechen für eine Mine, die er nicht kontrolliert
Für die Rohstoffversorgung des Westens bleibt vorerst der Abstand zwischen den Fronten und den großen Minen entscheidend. Die Kupfer- und Kobaltgebiete liegen im Südosten, abseits der bisherigen Kriegsschwerpunkte. „Unmittelbar hat es keine Auswirkungen“, sagt Roujean über Kabilas neue Rolle. „Kupfer, Kobalt, Lithium und andere kritische Rohstoffe sind jetzt erst mal noch nicht in Reichweite.“
Wie groß die Kluft zwischen den Versprechungen der kongolesischen Regierung und den Verhältnissen vor Ort sein kann, zeigt allerdings schon heute die Bergbauregion Rubaya im Osten. Dort wird Coltan für die Tantalgewinnung abgebaut. Im Februar setzte Kinshasa die Lagerstätte auf eine Projektliste für die Rohstoffpartnerschaft mit den USA. Damit versprach Tshisekedi amerikanischen Investoren eine Perspektive für eine Mine, die er nicht kontrolliert. In Rubaya haben weiterhin die Rebellen das Sagen – nun unter Führung seines Vorgängers.
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
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