Nach der spektakulären Flucht des Untersuchungshäftlings Dijvar Gündüz in Essen werden weitere Details bekannt. Bei dem Überfall auf zwei Justizbeamte wollte einer der Wachmänner offenbar seine Dienstwaffe einsetzen. Ein Schuss löste sich jedoch nicht.
Nach Informationen von „Bild“ hatte einer der Beamten bereits den Abzug seiner Dienstwaffe betätigt, um die Helfer des Häftlings zu stoppen. Die Pistole sei jedoch offenbar nicht unmittelbar schussbereit gewesen und dem Beamten kurz darauf aus der Hand geschlagen worden.
Caroline-Ann Schlösser, Sprecherin der Landesjustizvollzugsdirektion, sagte „Bild“: „Im Regelfall sind die Waffen der Beamten teilgeladen und gesichert. Das Magazin ist in der Waffe, es sind keine Patronen im Lauf. Die Waffe muss entsichert und durchgeladen werden, damit Patronen in den Lauf kommen.“
Ob die nicht abgefeuerte Waffe eine Rolle dabei spielte, dass Gündüz entkommen konnte, ist bislang unklar. „Die Anhörungen beider Justizbeamten sind noch nicht abgeschlossen“, sagte Schlösser. Die Dienstwaffe werde von der Polizei untersucht.
Gefangene erfahren erst kurz vor einem Arzttermin davon
Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Justizministeriums waren vor dem bereits länger geplanten Arztbesuch die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen geprüft worden. Dabei ging es unter anderem darum, welche Sicherungsvorkehrungen erforderlich waren und welche Waffen mitgeführt werden sollten.
„Im Vorhinein gibt es eine Gefährdungsanalyse“, sagte Schlösser. „Es ist immer eine Einzelfallentscheidung. Die Sicherheitslage wird geprüft und die Vorkehrungen werden entsprechend getroffen.“
Gefangene erfahren nach Angaben aus dem Bericht in der Regel erst kurz vor einem solchen Arzttermin davon. Gündüz sei am Abend vor dem Termin informiert worden. Wie seine mutmaßlichen Helfer von dem Arztbesuch erfuhren, ist Gegenstand der Ermittlungen. Am Freitag soll sich der Rechtsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags mit dem Fall befassen.
Dijvar GündüzGündüz soll auf einem E-Scooter geflüchtet sein. Laut Justizministerium saß der 34-Jährige wegen mehrerer Strafverfahren in Untersuchungshaft. Nach zwei noch nicht rechtskräftigen Urteilen musste er mit einer langen Haft rechnen: Er war im Frühjahr wegen Drogendelikten zu zwölfeinhalb und dann wegen gefährlicher Körperverletzung zu viereinhalb Jahren verurteilt worden.
Die Polizei fahndet weiterhin nach dem Mann und seinen Komplizen. Sie warnt davor, die Gesuchten anzusprechen, da sie bewaffnet sein könnten. Zeugen mit Hinweisen werden gebeten, sich über den Notruf 110 oder unter der Telefonnummer 0201/829-5149 bei der Polizei zu melden.
Fake-Granate aus Holz
Kurz nach dem Angriff auf die Justizbeamten entdeckte ein Zeuge in der Nähe einen Gegenstand, der aussah wie eine Handgranate. Einsatzkräfte sperrten den Bereich weiträumig ab, ein Entschärfer-Team des Landeskriminalamts rückte an. Doch die Experten konnten schnell Entwarnung geben: Die Handgranate war eine Attrappe aus Holz. Ob und in welchem Zusammenhang diese mit der Gefangenenbefreiung stehe, sei weiterhin Gegenstand der Ermittlungen, hieß es vonseiten der Polizei am Donnerstagmittag.
Nach dpa-Informationen ordnen die Behörden den befreiten Untersuchungshäftling dem Bereich Clankriminalität zu. Als Clankriminalität bezeichnen die Behörden Straftaten, die sich aus ethnisch abgeschotteten Subkulturen heraus entwickeln. Meist stammen die Täter in Nordrhein-Westfalen aus türkisch-arabischstämmigen Großfamilien. Allerdings ist der Begriff umstritten, weil er nach Ansicht von Kritikern Menschen mit Migrationshintergrund alleine aufgrund ihrer Familienzugehörigkeit und Herkunft stigmatisiert und diskriminiert.
Polizei warnt Nutzer auf X wegen Kommentaren
Während die Polizei weiter nach dem Flüchtigen fahndet, hat sie nunmehr auch Ärger mit Nutzern auf X. In einem Beitrag warnte sie am Mittwoch, dass der Täter bewaffnet sein könnte. Darunter häuften sich fast 500 Kommentare, darunter auch viele kritische – unter anderem, weil zu diesem Zeitpunkt noch kein Fahndungsfoto veröffentlicht wurde.
Aufgrund der negativen Reaktionen warnte die Polizei Essen in einem Kommentar: „Bitte achten Sie auch in den sozialen Medien auf Ihre Wortwahl. Wir weisen Sie darauf hin, dass alle Kommentare überprüft und bei strafrechtlich relevanten Inhalten Ermittlungen eingeleitet werden.“
Unter diesem Kommentar finden sich inzwischen sogar über 1600 Antworten. „Ihr sucht Verbrecher und droht gleichzeitig potenziellen Tippgebern mit Durchsuchung des Accounts und Strafanzeige?“, fragt ein Nutzer – und erhält dafür viel Zustimmung.
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