Russland wird vorgeworfen, Geheimdienstmitarbeiter zur Einschüchterung finnischer Abgeordneter in deren Wohnungen geschickt zu haben. Ein Politiker soll dabei sogar fremde Fäkalien in seiner Toilette gefunden haben. Ein solcher Vorgang wäre eine bizarre Eskalation der russischen hybriden Kriegsführung gegen den Westen.
Vergangene Woche wurde bekannt, dass rund 20 finnische Abgeordnete rätselhafte Einbrüche in ihre Appartements gemeldet hatten. Der Abgeordnete Ben Zyskowicz von der regierenden konservativen „Nationalen Sammlungspartei“ hält das Vorgehen für Teil einer russischen Strategie, finnische Parlamentarier zu verunsichern. „Es ist eine Methode für den russischen Geheimdienst, zu zeigen, dass Menschen überwacht werden, um Verwirrung oder Sorgen zu erzeugen“, sagte Zyskowicz.
Das Eindringen in die Wohnungen von Abgeordneten und Diplomaten gehört seit Langem zur Taktik der russischen Geheimdienste. Dabei würden Agenten persönliche Gegenstände verschieben, Fenster öffnen oder Alarme auslösen, um ihre Ziele zu zermürben und einzuschüchtern.
Jussi Halla-aho (r.), der Präsident des finnischen Parlaments, erklärte, dass die Einbrüche derzeit untersucht werdenZu dieser Arbeitsweise gehört außerdem, dass Spione die Toiletten von Diplomaten und Journalisten benutzen, ohne ihre Hinterlassenschaften zu entsorgen. Damit soll demonstriert werden, dass es keine Privatsphäre gibt, die nicht kompromittiert werden kann. In einem der berüchtigtsten Fälle hat 2023 ein Agent des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB während eines Russland-Besuchs in den Koffer eines hochrangigen US-Beamten defäkiert, berichtete das „Wall Street Journal“.
Sarah Rainsford, die frühere Russland-Korrespondentin der BBC, schilderte in ihren Memoiren „Goodbye to Russia“, Spione seien in ihre Wohnung eingedrungen und hätten „in jeder Toilette eine große, nicht heruntergespülte Hinterlassenschaft“ zurückgelassen – als eine Art Visitenkarte.
Die US‑Regierung berichtete 2014, dass gegen ihre Diplomaten ebenfalls Techniken der sowjetischen Spionageabwehr eingesetzt worden sind. Dazu gehörten das Aufschlitzen von Reifen und mehrere rätselhafte Einbrüche. In einigen Fällen seien Fenster offengelassen oder persönliche Gegenstände verschoben worden. Der frühere US-Botschafter in Russland, Michael McFaul, beklagte damals, fast überall verfolgt zu werden. Zudem seien sein E-Mail-Postfach gehackt und seine Telefone abgehört worden.
„Operative Psychologie“
Auch Luke Harding, Reporter des „Guardian“, behauptete, FSB-Offiziere seien wiederholt in seine Moskauer Wohnung eingebrochen. Einmal hätten die Agenten dort ein Sex-Ratgeberbuch zurückgelassen – kurz vor seiner Ausweisung aus Russland im Jahr 2011. Die Strategie reicht laut Harding bis in den Kalten Krieg der 1960er-Jahre zurück. Der KGB habe damals die „operative Psychologie“ entwickelt, schrieb der Reporter in seinem Buch „Mafia State“.
Harding zufolge ließen sich die Sowjets dabei von Agenten der Stasi inspirieren. Diese hätten die Wohnungen von Dissidenten ins Visier genommen, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, den Verstand zu verlieren.
Die Agenten würden Bilder von den Wänden entfernen oder eine Teesorte gegen eine andere austauschen. Ihre Opfer wussten meist nicht, dass die Stasi hinter den Veränderungen steckte. In einem besonders beunruhigenden Fall sei der Ehefrau eines Betroffenen ein Vibrator geschickt worden. Einige Opfer erlitten psychische Zusammenbrüche oder nahmen sich infolge der Schikanen das Leben. Der von der Stasi ins Visier genommene Schriftsteller Jürgen Fuchs beschrieb das Konzept der „Zersetzung“ als „Angriff auf die menschliche Seele“.
Bis zu seinem Tod 1999 war Fuchs überzeugt, dass die Staatssicherheit ihn absichtlich radioaktiver Strahlung ausgesetzt und dadurch seine tödliche Krebserkrankung verursacht habe. Zuvor waren innerhalb kurzer Zeit drei Dissidenten an ähnlich seltenen Formen von Leukämie gestorben.
Finnland untersucht die Einbrüche
Die jüngste Serie von Vorfällen scheint die erste Anwendung solcher Methoden in Finnland zu sein. Das Land hatte Russland verärgert, als es nach der russischen Invasion der Ukraine der Nato beitrat.
Der finnische Parlamentspräsident Jussi Halla-aho kündigte eine Untersuchung der „erheblichen“ Serie von Einbrüchen an. Er sagte, in den Wohnungen von Politikern seien Hinweise zurückgelassen worden. Sie sollten zeigen, dass jemand dort gewesen sei – obwohl es keine Spuren eines gewaltsamen Eindringens gebe und nichts gestohlen oder beschädigt worden sei. „Ich kann mich nicht genau zur Zahl der uns bekannten verdächtigen Fälle äußern. In jedem Fall handelt es sich um eine erhebliche Zahl“, sagte Halla-aho. Die Vorfälle hätten sich im vergangenen Jahr ereignet.
Sechs Monate vor den Parlamentswahlen sind die Behörden wegen möglicher Sabotage- oder Einflusskampagnen des Kremls in hoher Alarmbereitschaft. Entlang Finnlands langer Grenze zu Russland bleiben die Spannungen hoch.
Auf die Vorfälle angesprochen, sagte der finnische Präsident Alexander Stubb: „Ein Angriff auf ein Parlamentsmitglied ist ein Angriff auf die Demokratie. Das darf in keiner Form zugelassen oder akzeptiert werden … Ich stehe hinter jedem Mitglied des Parlaments.“
Dieser Text erschien zuerst bei der WELT-Partnerpublikation „The Telegraph“. Übersetzt, gekürzt und redaktionell bearbeitet von Jakob Eckstein.
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