Die Szene entwickelte sich schnell zum Politikum. Nach seiner Beförderung zum Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit ließ sich CDU-Politiker Philipp Amthor dabei filmen, wie ihm ein Strandkorb auf seinen Büro-Balkon geliefert wird. Die Filmemacher Steffen Haug und Denise Jacobs haben den Moment in der ZDF-Doku-Reihe „Inside CDU“ eingefangen.

Nach spöttischen Kommentaren und dem Vorwurf, eine unpassende Abgehobenheit an den Tag zu legen, entschied sich Amthor dazu, das Möbelstück aus dem Kanzleramt entfernen zu lassen. Michael Roth, SPD-Politiker und einst Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, nimmt den 33-Jährigen nun auf Instagram in Schutz – mit deutlichen Worten.

Unter der Überschrift „Lasst Amthor doch seinen Strandkorb“ holte Roth zum Rundumschlag gegen jene Kritiker aus, die einen skandalösen Vorgang beobachtet haben wollen. Amthor habe sich einen selbst bezahlten Strandkorb auf die Terrasse seines Büros gestellt. „Das ist die ganze Affäre“, schrieb der SPD‑Politiker. „Wer einen Strandkorb sieht, denkt an Rügen oder den Darß, an Sylt oder Langeoog. An Dekadenz und Großkotzigkeit denkt normalerweise niemand.“

„Was, verdammt noch mal, ist so schlimm daran, wenn ein Norddeutscher ein Stück Küste mit nach Berlin nimmt? Geht’s noch? Habt ihr sie noch alle?“, fragte er ebenso rhetorisch wie angriffslustig. Zwischen ihm und Amthor lägen Welten – kulturell, habituell, politisch. „Aber ich weiß nicht, was ich furchtbarer finde“, ergänzte Roth. „Die Häme von Leuten, die Politikerinnen und Politikern grundsätzlich das Schlechteste unterstellen. Oder Amthors Entscheidung, vor dem Shitstorm zu kapitulieren und den Strandkorb verzagt in die norddeutsche Heimat zu verfrachten.“

Statt sich etwa über Antisemitismus, Schulprobleme oder Krieg in Europa aufzuregen, arbeite sich das halbe Land an einem Strandkorb ab. Das zeige, wie sehr die Maßstäbe verloren gegangen seien. „Ich wünsche mir ein Minimum an Gelassenheit zurück“, schrieb Roth abschließend. „Momente wie dieser erinnern mich daran, warum ich froh bin, der Berufspolitik Adieu gesagt zu haben. Ihr könnt mich mal.“

Ricarda Lang schloss sich dem Außenpolitiker an. „Inside CDU“ zeige viele Probleme der Konservativen auf, urteilte die frühere Grünen-Vorsitzende auf der Plattform X, „aber die komplett entgrenzte Aufregung über einen verdammten Strandkorb sagt mehr über die Empörungsmechanismen des politisch-medialen Betriebs als über Philipp Amthor aus.“

Menschen aus der Politik und dem Journalismus, die „es besser wissen“, täten nun so, als läge das CDU-Problem vorwiegend darin, dass „Amthor 13 Stunden am Tag im Strandkorb fläzt“, führte Lang weiter aus. „Ich finde schon, dass insbesondere wir als Abgeordnete uns fragen müssen, ob man dieses Bild mitzeichnet, weil man dafür einen kurzfristigen Gewinn gegen den politischen Gegner bekommt.“

Geradezu verständnislos zeigte sich „Zeit“-Journalistin Yasmine M’Barek. „Ich verstehe die Aufregung nicht, ich verstehe das Drama nicht, ich verstehe die Debatte nicht“, sagte sie im Podcast „Apokalypse & Filterkaffee“. „Der Strandkorb ist überhaupt nicht dekadent.“ Vielmehr handele es sich um einen hässlichen „Touri-Strandkorb“, der für den Tourismus in Amthors Heimatbundesland Mecklenburg-Vorpommern stehe.

Es sei üblich, dass sich Politiker für ein persönliches Ambiente in ihren Büros entschieden, wo sie ohnehin viel Zeit verbringen. Dass sich Philipp Amthor für einen Strandkorb entschieden habe, finde sie „sehr, sehr sympathisch“. Anders als dieser gehörten die Orientierungslosigkeit sowie ihr „Grund-Stromberg-Problem“ eher zu den Herausforderungen der CDU.

„Lasst den Mann in seinem Körbchen sitzen!“

Sidney Gennies vom „Tagesspiegel“ nannte die Entrüstung über Amthor ein „absurdes Theater“, dem „jeder Blick für Verhältnismäßigkeit verloren gegangen“ sei. Der Strandkorb sei „ein charakteristisches, fast identitätsstiftendes Möbel“ in Mecklenburg-Vorpommern. Dass sich der Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit „ein Stück Heimat auf den Balkon stellt: provinzieller, pardon, bodenständiger geht es doch nicht!“, urteilte der Journalist. „Philipp Amthor und die Union müssen sich an ihren Taten messen lassen. Nicht an der Einrichtung. Lasst den Mann in seinem Körbchen sitzen!“

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