Wenn Deutschlands ranghöchster Soldat über seinen Eintritt in die Bundeswehr im Jahre 1984 spricht, erinnert er sich an Telefone mit Wählscheiben und „eingetuppertes Netflix“, also VHS‑Kassetten. An Gespräche in seiner Gemeinde und mit dem Pfarrer, die seine Entscheidung, zum Militär zu gehen, nicht nachvollziehbar fanden. Und an das Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg, das aber auch ein „Gleichgewicht der Regeln“ gewesen sei.
Aber heute, sagt Generalinspekteur Carsten Breuer am Dienstagabend in einer kleinen Kirche, sei „die gefährlichste Situation, die ich in meinen 42 Jahren als Soldat erlebt habe“.
Die Garnisonkirche in Potsdam hat zu einem Bürgerdialog eingeladen, rund 100 Gäste haben sich in den überschaubaren Räumlichkeiten eingefunden. Der ehemalige CDU-Generalsekretär Peter Tauber moderiert.
Breuer steht kurz vor einem Berufswechsel. Im kommenden Jahr übernimmt er den Vorsitz des Nato-Militärausschusses und wird der wichtigste militärische Berater des Nato‑Generalsekretärs. Hier gibt es ihn nun einen Abend lang zum Anfassen.
Es ist ein interessiertes Publikum gekommen – bürgerlich vor allem, aber in seiner Altersverteilung durchmischt. Rund ein Drittel der Besucher macht eine Schulklasse des Potsdamer Helmholtz-Gymnasiums aus, die einen mehrtägigen Workshop zum Thema „Krieg und Frieden“ hinter sich hat.
In den vergangenen Jahren hatte Breuer vor allem damit Schlagzeilen gemacht, die Gesellschaft bei der „Zeitenwende“ in die Pflicht zu nehmen. „Resilienz“ lautet eines seiner Lieblingswörter – die Fähigkeit der Bevölkerung, in Krisenzeiten zusammenzustehen und vorzusorgen. Breuer erzählt an diesem Abend, wie er im „Spiegel“ einmal empfohlen hatte, sich Wasservorräte und Batteriespeicher für Krisensituationen anzulegen. Dann habe ihn seine Frau gefragt, wo sich diese Reserven eigentlich in ihrer Wohnung befänden. Inzwischen seien diese organisiert.
Bei einem Ukraine-Besuch in Charkiw habe Breuer erlebt, wie eine Nation Resilienz aufbaut, die seit Jahren mit einem Aggressor konfrontiert ist. Dort habe er gepflegte Parks, intakte Porsche-Schaufenster und volle Cafés gesehen, auch wenn die vor allem von jungen Frauen besucht waren statt von Männern, die an der Front kämpften. Ein Militärattaché habe ihm von einem Delfinarium in der Stadt erzählt, nur 35 Kilometer von der Front entfernt. „Wenn sie mit Leuten in Charkiw sprechen, dann sagen die ihnen: Wir machen all das nicht trotz des Krieges – sondern der Krieg unterbricht ab und zu unsere Normalität. Das ist, glaube ich, Resilienz.“
Dass der Ukraine-Krieg auch Deutschland verändert, merkt man in Potsdam etwa daran, dass die Bundeswehr hier eines von bundesweit 24 neuen Musterungszentren einrichten will. Für diesen Freitag haben Schüler eine Demonstration gegen die Wehrpflicht angekündigt.
„Russland meint es ernst“, schärft Breuer seinem Publikum ein. Das Land sehe „Krieg als ein Kontinuum, in dem man beliebig rauf und runter eskalieren kann“, immer unterhalb des Bündnisfalls. Der jüngste Fall sei die mit Sprengstoff beladene Drohne in Leipzig gewesen. „Das waren keine Amateure. Wir haben Glück gehabt, dass dort nichts Schlimmeres passiert ist“, sagt Breuer.
Fragen nach Soldaten-Fitness und „Gender Pay Gap“
Dann wird die Runde für Fragen geöffnet. Ein Schüler fragt, wie die von Breuer geforderte Geschlossenheit in einer polarisierten Gesellschaft möglich sein soll. Der Generalinspekteur entgegnet, dieses Auseinanderdriften dürfe keine Entschuldigung dafür sein, sich nicht selbst zu engagieren, etwa bei der Feuerwehr. Jemand anderes möchte wissen, wie unvernünftig Breuer die Abschaffung der Wehrpflicht fand. Worauf der diplomatisch antwortet, man habe sich die Entscheidung damals sicher nicht leicht gemacht, hinterher sei man immer schlauer.
Lange bleibt die Fragerunde ein respektvolles Abtasten. Moderator Tauber will schon langsam abmoderieren, als sich plötzlich immer mehr Schülerhände melden. Eine Teenagerin will wissen, ob Breuer Frauen bei einer Wehrpflicht einschließen würde – trotz „Gender Pay Gap“ und der ungerechten Verteilung von Care-Arbeit.
Breuer bejaht, auch wenn er sich immer gegen eine entsprechende Grundgesetzänderung angesichts des zeitlichen Drucks ausgesprochen hatte. Die politische Debatte wäre zu langwierig gewesen. Laut Artikel 12a können in Deutschland nur Männer ab 18 Jahren zum Wehrdienst verpflichtet werden.
„Hier geht es um das Fundament unserer Gesellschaft“, sagt er. „Ohne Sicherheit ist alles nichts. (…) Damit stelle ich überhaupt nicht in Abrede, dass man alle Punkte, die Sie angesprochen haben, nicht angehen muss. Aber wir heilen es nicht dadurch, dass wir im Falle des Falles (…) sagen würden: „Dann Frauen aber nicht“.
Ein anderer, sichtlich fitter Schüler in engem T-Shirt spricht Breuer auf Zahlen des Verteidigungsministeriums an, laut denen zuletzt jeder vierte Wehrdienst-Interessent als wehrdienstunfähig ausgemustert wurde. „Unsere Jugend ist nicht fit genug für die Bundeswehr“, resümiert der Teenager. „Wieso wird nicht mehr Geld in den Schulsport investiert oder Jugendlichen kostenfrei ermöglicht, Kampfsport zu lernen? Eine Mitgliedschaft in einem MMA-Studio kostet 100 Euro!“
Er wird damit belehrt, dass es bei der Bundeswehr eher auf Ausdauer als auf Muskeln ankomme. „Aber sind die denn wirklich fit, die Soldaten? Ich hab’ da anderes gehört …“, hakt der Schüler nach, worauf Tauber ihm scherzhaft, aber bestimmt, das Wort entzieht und zur nächsten Frage überleitet.
Auch zu deutschen Waffenlieferungen nach Nahost muss Breuer Stellung beziehen, als ein Schüler nach der moralischen Vertretbarkeit fragt, die „viele Jugendliche“ beschäftige.
Schüler wollen nach dem Bürgerdialog die Diskussion mit General Breuer fortsetzenBreuer merkt an, dass eher Israel Waffen nach Deutschland liefere als umgekehrt. „Ich glaube, wir haben eine besondere Verantwortung als Deutschland gegenüber Israel, aber in diese Verantwortung gehört auch immer wieder mit hinein, wenn, nicht Israel, sondern eine Regierung sich nicht dem Völkerrecht entsprechend verhält.“ Bei allen Diskussionen müsse aber klar sein, dass die Aggression am 7. Oktober von der Hamas ausgegangen ist. Breuer hat Israel nach der Terrorattacke selbst besucht. Wenn man das gesehen hat, versteht man, warum Deutschland hinter dem Selbstverteidigungsrecht von Israel steht, sagt er.
Und dann fragt noch eine Schülerin nach der Nato als Wertegemeinschaft. Breuer hatte zuvor erwähnt, dass auf die Zusammenarbeit mit den USA Verlass sei. „Wie kriegen wir das in eine Bahn, dass wir unsere Werte in Kooperation mit einem anderen Land verteidigen, was diese immer mehr abschafft?“, will sie wissen. Dafür erhält sie Szenenapplaus. „Da hat sie Ihnen jetzt nochmal ein richtiges Brett hingelegt“, kommentiert Tauber amüsiert Richtung Breuer.
„Unsere Werteordnung steht unter Druck“, antwortet Breuer diplomatisch. „Wir müssen sehr genau darauf achten, welche Werte hier gerade mit herausbrechen und welche Werte dann auch verschwinden.“ Er will das Beispiel der Schülerin „kontern“ – und bringt Ungarn ins Spiel.
Dort habe Viktor Orbán über Jahre die Demokratie immer weiter eingeschränkt. Nun würden sich die politischen und gesellschaftlichen Strukturen wieder verändern. Als Militär sehe er jedoch weiterhin die enge Zusammenarbeit und Werteverbundenheit. „Ich glaube, wir müssen immer und überall, wo wir das noch können, sowohl diplomatisch als auch politisch, aber auch militärisch immer wieder darauf hinwirken, dass wir genau auf diesem festen Wertegerüst stehen.“
Dann ist die Runde zu Ende. Viele Schüler wollen noch Fotos mit dem General oder die Diskussion fortsetzen. Von Berührungsängsten ist zumindest in diesem Moment nichts zu spüren.
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