„Mehrschichtiger Schokoladenkuchen“ nennen sie das kanadische Außenministerium im Volksmund. Eine verniedlichende Bezeichnung für den braunen, mehrstufigen Betonbau am Ufer des „Ottawa River“ in der kanadischen Hauptstadt, der in Wahrheit eher an einen hässlichen 50er-Jahre-Bau im Ruhrpott erinnert. Außen pfui, aber innen hui: Als Außenminister Johann Wadephul (CDU) und seine kanadische Amtskollegin Anita Anand hier im neunten Stock vor einer großen Fensterscheibe vor die Presse treten, strahlt hinter ihnen die Herbstsonne auf das Wasser und die schon leicht rötlich gefärbten Bäume.

Wadephul ist auf Kurzbesuch hier: Bis Donnerstagnachmittag war er noch in New York bei den Vereinten Nationen, dann flog er schnell rüber nach Ottawa, sprach dort kurz bei einem Empfang in der deutschen Botschafterresidenz und stach das lokale Oktoberfest-Fass an. Und schon am Freitagnachmittag, nach kaum 24 Stunden in Kanada, fliegt er wieder nach New York zurück – weil er dort am Samstag noch seine Rede vor der UN-Generalversammlung halten muss.

Außenminister Wadephul beim Fassbieranstich in der Residenz des deutschen Botschafters in Ottawa

Der Abstecher war ihm trotzdem wichtig: Erst vor kurzem hat sich Kanada in einem hart umflochtenen Bieterwettbewerb für den milliardenschweren Kauf von bis zu zwölf deutsch-norwegischen U-Booten entschieden und damit eine deutlich engere Sicherheitspartnerschaft eingeleitet.

Außerdem sind die vom Zollstreit mit US-Präsident Donald Trump gebrandmarkten Kanadier auf der Suche nach neuen engen Verbündeten. Auf den Straßen Ottawas fallen Autos mit „F*ck Trump“-Stickern auf, welche das Ausmaß des Frustes über den südlichen Nachbarn deutlich machen. So erklärt sich der verstärkte Blick nach Europa. Sogar von einer „assoziierten EU-Mitgliedschaft“ ist die Rede. Doch dazu gleich mehr.

Zunächst geht es bei der Pressekonferenz jedoch um Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine: Am Rande der UN-Generalversammlung haben die USA eine Einladung an Wladimir Putin ausgesprochen, am G-20-Gipfel im Dezember in Miami teilzunehmen. Das Angebot an den wegen seines Krieges seit vielen Jahren diplomatisch isolierten und mit internationalem Haftbefehl belegten russischen Präsidenten ist hochkontrovers. Doch Wadephul sieht auch eine Chance: für einen Fortschritt im Friedensprozess, und um Putin in dieser Frage unter Druck zu setzen.

„Ich glaube, diese Einladung, die ja jede Präsidentschaft aussprechen kann, wird ein Lackmustest für Wladimir Putin sein: Ob er bereit ist, ernsthaft zu verhandeln“, sagt der Außenminister. „Derartige Chancen müssten genutzt werden.“ Er bezieht damit eine auffallend andere Handlung als Italiens Premierministerin Giorgia Meloni, welche Zugeständnisse von Russland einfordern will, anstatt Putin diplomatisch aufzuwerten, oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der davor warnte, die Beziehungen zu Russland zu normalisieren.

Auch Regierungssprecher Stefan Kornelius hatte am Vortag in Berlin noch eine zurückhaltendere Haltung ausgedrückt: Man nehme die Einladung für Putin „zur Kenntnis“, sagte Kornelius, betonte aber: „Für die Bundesregierung gibt es angesichts des Krieges in der Ukraine keine Normalität im Umgang mit Russland.“

Wadephul trägt in Ottawa ein Gegenargument vor: „Wir haben mehrfach die russische Regierung und Wladimir Putin aufgefordert, an den Verhandlungstisch zu kommen. Wenn das ein Weg ist, dann wäre es zumindest mal der Beginn von ernsthaften Verhandlungen“, sagt der Außenminister. Seine kanadische Kollegin stimmt ihm zu: „In der Diplomatie kommt es vor allem darauf an, am Verhandlungstisch zu bleiben und schwierige Diskussionen zu führen“, sagt Anand. Ein Boykott des G-20-Gipfels, nur weil Putin komme, schließt sie aus: „Wir werden da sein“

Wadephul verbindet seine begrüßenden Worte jedoch mit einer Einschränkung: „Ein Waffenstillstand ist aus meiner Sicht zusätzlich geboten, um wirklich ernsthaft verhandeln zu können.“ Diese Bedingung hat allerdings derzeit wenig Aussicht auf Erfolg: So lehnte der russische Außenminister Sergei Lawrow erst diese Woche im UN-Sicherheitsrat einen Waffenstillstand explizit ab. Russland sei zwar „bereit zu verhandeln“, sagte Lawrow, aber „wir werden unsere militärische Spezialoperation nicht pausieren.“

Keine Vollmitgliedschaft für Kanada

Am Rande der Pressekonferenz unterzeichnen Wadephul und Anand zudem ein Geheimschutzabkommen, das den Austausch von als besonders vertraulich eingestuften Dokumenten vereinfachen soll. Dies ist angesichts der vertieften Sicherheits- und Rüstungskooperation beider Länder wichtig: Vor den Journalisten lobt Wadephul nochmals die kanadische U-Boot-Entscheidung, die „großes Potenzial“ für beide Länder und die maritime Sicherheit ermögliche.

Auch in anderen Bereichen soll die „strategische Partnerschaft“ zwischen Deutschland und Kanada vertieft werden. Beide Seiten betonen wachsende Verbindungen durch das CETA-Handelsabkommen, Weltraum- und KI-Kooperation sowie kritische Rohstoffe. Kanada hat große Vorkommen von seltenen Erden und kann Deutschland somit helfen, bei den für Wirtschaft und Verteidigungsindustrie essenziellen Mineralien unabhängiger von China zu werden. Sicherheit entscheide sich heute auch zunehmend in der Frage: „Woher beziehen wir unsere Rohstoffe? Wie sicher sind unsere Lieferketten?“, sagt Wadephul. Man wolle sicherstellen, „dass unsere Lieferketten für kritische Rohstoffe nicht in Geiselhaft genommen werden können“, fügt Anand an.

Trikottausch für 75 Jahre diplomatische Beziehungen: Außenminister Wadephul mit seiner kanadischen Amtskollegin Anita Anand

Bleibt nur eine Frage offen: Was genau verbirgt sich hinter der „assoziierten Mitgliedschaft“, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Kanadiern letzte Woche bei ihrer „State of the Union“-Rede in Straßburg angeboten hatte, und die auch Kanadas Premier Mark Carney begrüßt hatte? Schließlich existiert solch ein Begriff im EU-Recht noch gar nicht. Und es gibt Verwirrung, weil die Bezeichnung erst vor wenigen Monaten in einem ganz anderen Kontext aufgetaucht war.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte östlichen Partnern wie der Ukraine und Moldau ebenfalls eine „assoziierte Mitgliedschaft“ vorgeschlagen – als abgespeckte Vorstufe eines Vollbeitritts. Damit könnten diese Staaten einen Beobachterstatus in EU-Gremien bekommen oder eigene Abgeordnete ins Europaparlament entsenden, wenn auch ohne Stimmrecht.

Soll Kanada jetzt etwa auch Parlamentarier nach Straßburg und Brüssel entsenden? Ottawas Außenministerin bremst: „Kanada strebt keine Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union an.“ Man verknüpfe das Streben nach engeren Beziehungen mit der EU mit „keinen bestimmten Bezeichnungen“, sagt Anand. Schon jetzt nehme man an EU-Projekten, etwa zur Rüstungsfinanzierung, teil – dies solle ausgebaut werden.

Dem pflichtet Wadephul bei. Es gehe für ihn „weniger um Begrifflichkeiten als darum, dass wir in dem wichtigen Bereich wirklich vertieft zusammenarbeiten“. Wie genau diese Partnerschaft im Detail ausgestaltet werden solle, „werden wir auch mit den anderen Mitgliedstaaten und der EU-Kommission weiter besprechen.“

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