Urplötzlich bildete sich am Donnerstagmittag vor dem Westflügel des Weißen Hauses eine riesige Traube an Journalisten. TV-Kameras übertrugen live, was sich abspielte. Und das war nicht der im Inneren stattfindende Staatsbesuch von Chinas Präsident Xi Jinping – es war die Ankunft der CNN-Journalistin Betsy Klein. Den ganzen Vormittag lang hatte das Weiße Haus eine in der Nacht erfolgte richterliche Anordnung nicht umgesetzt, die verlangte, dass die Reporter von CNN, MS NOW und Politico ihre Zugangspässe zum Gelände wiederbekommen.

Donald Trump hatte sie ihnen am Freitag vergangener Woche entzogen, weil er ihnen „Fake News“ vorwirft. Ein Bundesrichter verhängte eine befristete einstweilige Verfügung gegen den Schritt. Erst am Mittag durften einige Reporter der drei Medien das Gelände wieder betreten. Der Ausschluss hatte zur Folge, dass die amerikanischen Fernsehsender aus Solidarität den parallel stattfindenden Staatsbesuch von Xi boykottierten.

Ausgerechnet die Bilder, auf die es Trump ankam, sahen die Amerikaner nicht. Während Trump Xi auf der Südseite des Weißen Hauses in Empfang nahm, ein militärisches Zeremoniell im Rosengarten samt Überflug eines B-2-Tarnkappenbombers mit vier F-22-Kampfjets abnahm oder ein Grußwort im Foyer sprach, sendeten die US-Sender ihr normales Programm.

Eigentlich wollte Trump diesen Besuch nutzen, um seine große Nähe zu Xi Jinping medial zu inszenieren. Der US-Präsident hat sich stets damit gebrüstet, sich mit allen Widersachern der USA gut zu verstehen und immer zu Treffen bereit zu sein. Ein gut laufender Besuch des chinesischen Präsidenten sollte auf sein Image als „Dealmaker“ einzahlen – schließlich lassen die für die zwei Supermächte zu lösenden Probleme nicht nach. Während an der Oberfläche alles nach Harmonie klang, klangen zwischen den Zeilen deutliche Misstöne durch.

Trump sparte nicht an Höflichkeiten. Es sei ein „großes Privileg“ gewesen, Xi in Peking besucht zu haben, und deshalb nun eine „Ehre“, ihn in Washington zu empfangen, sagte er. Der US-Präsident sprach von einer „wahrhaft großartigen Freundschaft“, die ihn mit seinem Gast verbinde, und kündigte eine Zusammenarbeit an, die eine „bessere Zukunft formen“ würde. Trump holte Xi sogar am Mittwochabend am Flughafen ab, eine Ehre, die früheren US‑Präsidenten der jüngeren Geschichte nur dem Papst zuteilwerden ließen. Am Donnerstagabend richtete er ein Staatsbankett für Xi aus und am Freitag wird er das Nationalarchiv besichtigen, wo die US-Verfassung, die Unabhängigkeitserklärung und die Bill of Rights ausgestellt sind. Schon im Vorfeld verzichtete Trump auf Kritik an China, das laut US-Geheimdienstberichten dem Iran mit Satellitenbildern hilft, um US‑Soldaten anzugreifen, und Cyberangriffe gegen amerikanische Firmen durchführt.

Subtiler Affront

Xi tat Trump im Gegenzug einen Gefallen und schmeichelte ihm. „Präsident Trump und ich haben Respekt füreinander“, sagte er, bedankte sich für die „warme Gastfreundschaft“ und beglückwünschte das „schöne Land“ zu 250 Jahren Unabhängigkeit.

Trump saß währenddessen lächelnd auf einem Stuhl hinter ihm und schien die Kritik, die zwischen den Zeilen bei Xi durchklang, gar nicht wirklich wahrzunehmen. So stichelte Chinas Präsident gegen dessen Nullsummenlogik in der Außenpolitik. „Wir sollten aufrichtig kooperieren“, sagte er. Er erkannte an, dass es einen Wettbewerb beider Länder gebe, mahnte aber, dass dieser „ein Wettlauf sein sollte, bei dem man einander einholt, und kein Kampf, bei dem einer gewinnt und der andere verliert“.

Xi klang so, als sähe er die USA und China als ebenbürtige Länder an, die beide die Möglichkeit hätten, das Rennen um die Vorherrschaft für sich zu entscheiden – und dabei lediglich eine Konfrontation vermeiden müssten. Wer genau hinhörte, konnte aus einem subtilen Satz heraushören, dass er die USA für das schwächere Land hält: „Die Thukydides-Falle kann überwunden werden“, so Xi. China und die USA sollten in Frieden koexistieren, sagte er.

Der Begriff der Thukydides-Falle geht auf den griechischen Historiker Thukydides zurück, der den Peloponnesischen Krieg zwischen der aufstrebenden Macht Athen und dem etablierten Sparta, das aufgrund des schnellen Aufstiegs Athens um seine Stellung fürchten muss, analysierte. Er kam zu dem Schluss, dass eine militärische Auseinandersetzung deshalb unausweichlich war. Der amerikanische Politikwissenschaftler Graham Allison interpretierte diese Dynamik zwischen zwei Mächten als Falle, die in der Geschichte schon häufiger zu Kriegen geführt hatte. Die Furcht der alten Macht vor dem Verlust ihres Status und das wachsende Selbstbewusstsein des Herausforderers erzeugen Spannungen, bei denen Fehleinschätzungen schnell zu einer militärischen Eskalation führen können – und in 12 von 16 Fällen historischer Rivalitäten sei es deshalb zum Krieg gekommen, stellte Allison fest.

Xi hatte den Begriff in der Vergangenheit schon öfter verwendet, um die Beziehungen zwischen China und den USA zu beschreiben – was stets eine Chiffre war, um sein Land als das Aufstrebende zu bezeichnen und die USA als dasjenige vor dem Niedergang. Dass er den Begriff am Donnerstag in Gegenwart des US-Präsidenten benutzte, war ein subtiler Affront.

In der Sache wenig Neues

Dass Xi die Falle für überwindbar hält, lässt sich zugleich als Botschaft an Washington lesen: Ein Konflikt ist vermeidbar – wenn die USA Peking in Taiwan gewähren lassen. Schon beim Gipfel in Peking im Mai hatte Xi gewarnt, ein falscher Umgang mit Taiwan könne zu Zusammenstößen und sogar Konflikten führen. Im Gespräch mit Trump hat Xi laut der chinesischen Zusammenfassung gegenüber Trump dann die „Hoffnung“ geäußert, dass er die „Taiwan-Frage“ mit „Klugheit“ handhabe.

Darüber hinaus brachte der Besuch in der Sache wenig Neues – das Wichtigste war schon vorher geregelt. Kurz nach Xis Landung am Mittwoch verkündete Finanzminister Scott Bessent die Einigung auf eine zweimonatige Verlängerung der Aussetzung der Zölle, die am 10. November ausgelaufen wäre. Auch bei der künstlichen Intelligenz stand das Ergebnis vorab fest: Bereits am Sonntag hatten beide Seiten eine Hotline für KI-Sicherheitsvorfälle vereinbart. Weiter wollte Trump nicht gehen; er hatte vorab erklärt, er wolle bei der KI alles so lassen, wie es ist. Xi dagegen warb dafür, gemeinsam gegen den Missbrauch der Technologie vorzugehen. Eine amerikanische Zusammenfassung des Gesprächs lag bis zum Abend nicht vor.

Xi kann mit dem Besuch zufrieden sein. Es ist ihm gelungen, Trump in dem Gefühl einer aufrichtigen Freundschaft zu bestärken – was den US-Präsidenten davon abhalten dürfte, eine konfrontative Politik zu verfolgen, die Chinas Aufstieg bremst. Trump wiederum hatte sein pompöses Ereignis. Nur sahen es die meisten Amerikaner nicht.

Gregor Schwung berichtet für WELT seit Juli 2026 als US-Korrespondent aus Washington, D.C. Zuvor war er außenpolitischer Korrespondent in Berlin.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke