Marco Rubio erwähnte es nur beiläufig, was Sekunden später über die Nachrichtenticker der Welt lief: Donald Trump hat Wladimir Putin zum G-20-Gipfel nach Miami eingeladen. Die USA richten das Treffen dieses Jahr aus und der US-Präsident empfängt seine Amtskollegen in seiner Wahlheimat in Florida.

Sollte sich Putin zur Reise über den Atlantik entscheiden, wäre das seine erste physische Teilnahme an einem G-20-Gipfel seit sieben Jahren. Trumps Einladung ist aus dessen Logik heraus wenig überraschend – Sprengkraft birgt sie jedoch für das Verhältnis zu den Europäern.

Als sich die G-20-Finanzminister Ende August auf Einladung von Scott Bessent in Asheville im Bundesstaat North Carolina zu ihren Beratungen trafen, entschloss sich der deutsche Finanzminister Lars Klingbeil zu einem drastischen Schritt. Zusammen mit seinen Amtskollegen aus Frankreich, Italien und Großbritannien drohte er, dem traditionellen Familienfoto fernzubleiben, sollte der russische Finanzminister Anton Siluanow, der von den USA eingeladen wurde, ebenfalls drauf sein. „Das gemeinsame Vorgehen der Europäer, da bin ich auch sehr dankbar, hat am Ende dazu geführt, dass es dieses Familienfoto eben ohne den russischen Finanzminister, ohne die russische Delegation gab“, so Klingbeil im Anschluss.

Kritik an Putins Gipfelteilnahme

Der SPD-Politiker kritisierte die Teilnahme des Russen an dem Gipfel als „Normalisierung“ des Landes auf dem diplomatischen Parkett. Bislang war es den meisten Europäern erspart geblieben, Putin auf internationaler Bühne begegnen zu müssen. Ihnen war immer viel daran gelegen, Russland diplomatisch so isoliert wie möglich zu halten. Eine Reihe von Gründen sorgte bisher dafür, dass Putin abseits von Auftritten bei Gipfeltreffen der BRICS-Vereinigung, ein Zusammenschluss von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, der sich kürzlich um mehrere Mitglieder erweitert hat, kaum internationale Gipfel mit westlichen Teilnehmern besuchte.

Dem G-20-Gipfel unmittelbar nach Beginn des Ukraine-Krieges 2022 in Bali blieb Putin fern. Das darauffolgende Zusammentreffen in Neu-Delhi sagte Putin ab, weil er sich um die „militärische Spezialoperation“, also den Angriffskrieg gegen die Ukraine, kümmern müsse, teilte der Kreml damals mit. Beobachter gingen damals jedoch davon aus, dass er aus Rücksicht auf Gastgeber Narendra Modi absagte. Der indische Premier wollte den Gipfel nutzen, um sich als Anführer des globalen Südens zu inszenieren, und eine Konfrontation zwischen Putin und dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden hätte dies überschattet. Putin nahm dafür an einem virtuellen Gipfel unter indischer Leitung im selben Jahr teil.

Im November 2024 entschied sich Putin selbst gegen eine Teilnahme am G-20-Gipfel in Rio de Janeiro, denn im Jahr zuvor hatte der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehl gegen Putin erlassen. Brasilien, das das Römische Statut ratifiziert hat, hätte Putin bei der Einreise verhaften müssen, genauso wie Südafrika, das den Gipfel im vergangenen Jahr ausrichtete. Also blieb der russische Präsident beiden Treffen fern.

Bei einer Reise in die USA, die dieses Jahr den G20-Vorsitz innehaben, droht Putin keine Verhaftung, da Washington den Gerichtshof in Den Haag nicht anerkennt – im Gegenteil. Bei seiner Rede vor den Vereinten Nationen am Dienstag wetterte Trump in scharfen Worten gegen die Institution. Er bezeichnete sie als „Schurkeninstitution“ und forderte die anwesenden Staat- und Regierungschefs, Minister und Diplomaten aus aller Welt auf, aus dem Römischen Statut auszutreten.

Trumps Einladung an Putin, nach Miami zu kommen, dürfte für den russischen Präsidenten somit verlockend sein. Dem US-Präsidenten würde er einen großen Gefallen tun, da dieser hochkarätige Zusammenkünfte liebt. Trump reklamiert das Attribut des „Dealmakers“ für sich und hat bereits unter diesem Deckmantel in der Vergangenheit Gipfeltreffen mit Staatschefs von den USA feindlich gesinnten Ländern abgehalten. So traf er während seiner ersten Amtszeit dreimal Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. Ergebnisse brachten diese keine, abgesehen von einer rhetorischen Deeskalation, die Trump im Vorfeld aber selbst auf die Spitze getrieben hatte.

Trumps Schritt zeigt, wie wenig er auf die Befindlichkeiten der Europäer Rücksicht nimmt. Spätestens nach dem Eklat in Asheville dürfte Washington klar sein, dass niemandem eine solche diplomatische Aufwertung Putins gelegen kommt. Damit befinden sich Bundeskanzler Friedrich Merz, Italiens Premierministerin Giorgia Meloni, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Großbritanniens Premier Andy Burnham und die EU-Spitzen Ursula von der Leyen und António Costa, die immer an G-20-Gipfeln teilnehmen, in einer Zwickmühle. Boykottieren sie den Gipfel, würden sie Trump verärgern – reisen sie an, werten sie Putin auf.

Warum die Reise für Putin heikel wäre

Sollte Putin die Einladung annehmen, bietet der Gipfel für die Europäer allerdings auch eine Chance, denn eine Anreise ist für den russischen Präsidenten nicht gänzlich ohne politisches Risiko. Seine Teilnahme dürfte das Treffen völlig überschatten, was einen Fokus auf Putins Krieg in der Ukraine und dessen Unwillen, diesen zu beenden, garantiert. War Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit überzeugt, dass der ukrainische Präsident das Hindernis für einen Frieden ist, hat sich seine Haltung mittlerweile verschoben. Selenskyj hat nun unzählige Male betont, zu einem Waffenstillstand bereit zu sein – Putin dagegen hat sich einer umfassenden Waffenruhe bis heute verweigert. Auch einem limitierten Waffenstillstand auf Energieanlagen, den Trump vorgeschlagen hatte, stimmte Moskau – anders als Kiew – nicht zu.

Trump hatte versprochen, den Krieg zu beenden. Bislang konnte er das noch nicht erfüllen. Ein von ihm ausgerichtetes Gipfeltreffen mit Teilnahme Putins, das ohne Zugeständnisse des russischen Präsidenten zu Ende geht, könnte Trump düpieren. Erst im vergangenen Jahr lud er ihn zu einem Treffen in Alaska ein, was Putin eine lang ersehnte diplomatische Aufwertung bescherte. In der Sache bewegte er sich jedoch nicht, was bei Trump zu so viel Verärgerung sorgte, dass er ein für nach dem bilateralen Treffen angesetztes Mittagessen der Delegationen beider Länder kurzerhand absagte und Putin früher als geplant abreiste.

Ein ähnlicher Verlauf in Miami könnte sich negativ auf Trumps Verhältnis zu Putin auswirken, das vom US-Präsidenten immer noch als hervorragend beschrieben wird und ihn dazu veranlasst, den Druck auf Moskau gering zu halten.

Gregor Schwung berichtet für WELT seit Juli 2026 als US-Korrespondent aus Washington, D.C. Zuvor war er außenpolitischer Korrespondent in Berlin.

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