Lana Nusseibeh ist seit April 2024 Staatsministerin im Außenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Zuvor war sie zehn Jahre lang Ständige Vertreterin der VAE bei den Vereinten Nationen.
WELT: Frau Nusseibeh, seit Beginn des Konflikts mit dem Iran hat Deutschland wiederholt seine Solidarität mit den Vereinigten Arabischen Emiraten erklärt. Praktisch haben andere europäische Staaten aber mehr getan, Frankreich etwa mit der Entsendung von Kriegsschiffen. Wie zufrieden sind Sie mit der Unterstützung der Deutschen?
Lana Nusseibeh: Solidarität war in einer sehr schwierigen Zeit für unseren Teil der Welt wichtig. Die VAE waren mehr als 3000 Drohnen- und Raketenangriffen aus dem Iran ausgesetzt. Der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz im Februar und der von Außenminister Johann Wadephul im März, nahezu unmittelbar nach den ersten Angriffen, bedeuteten uns viel. Das war ein sehr wertvolles Zeichen der Unterstützung. Am Donnerstag beginnt der historische erste Staatsbesuch eines Präsidenten der VAE in Deutschland. Wir stehen davor, unsere Beziehungen zu einer strategischen Partnerschaft auszubauen. Während dieser drei Tage werden voraussichtlich 40 bis 45 Vereinbarungen zwischen Regierungen und Unternehmen unterzeichnet – mit Investitionen in Milliardenhöhe in die deutsche Wirtschaft und, umgekehrt, Chancen für deutsche Unternehmen in den Emiraten.
WELT: Sind wir Europäer denn interessante Partner für Ihr Land? In der EU hatten wir zuletzt das Gefühl, dass wir in Ihrem Teil der Welt ziemlich irrelevant geworden sind.
Nusseibeh: Wirklich? Tatsächlich sind Sie Europäer und wir am Golf sehr wichtig füreinander. Im aktuellen Konflikt wurden unsere beiden Gesellschaften auf die Probe gestellt. In den Emiraten leben viele Europäer und sie konnten sich bei uns genauso sicher und zu Hause fühlen wie die Emiratis. Wir sind wechselseitig bedeutende Handelspartner: die VAE als Tor zum Nahen Osten, Europa als riesiger Wirtschaftsraum. Deshalb verhandeln wir ambitioniert mit der EU über ein Freihandelsabkommen, das innerhalb der nächsten sechs Monate abgeschlossen werden soll. Das würde weiteres enormes wirtschaftliches Potenzial freisetzen. Schon heute investieren wir europaweit mehr als 75 Milliarden Euro in KI-Rechenzentren und Start-ups, etwa in Frankreich und Italien, und sprechen auch mit Deutschland und anderen Ländern. Immerhin ist Deutschland führend bei Technologie, Innovation und sauberer Energie.
WELT: Sie rechnen wirklich mit einem Freihandelsabkommen innerhalb von sechs Monaten? Mit anderen Partnern verhandelte die EU jahrzehntelang.
Nusseibeh: Die Gespräche mit der EU laufen seit fast einem Jahr. Das Abkommen mit Indien haben wir in 88 Tagen ausgehandelt, jenes mit Kanada haben wir in 60 Tagen geschafft. Für ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Emiraten gibt es viel Motivation und echten Ehrgeiz unter den Entscheidern, bei uns wie bei den Europäern. Wir sind optimistisch. Einige Punkte werden noch von den technischen Teams verhandelt und in etwa einem Monat folgt eine weitere Gesprächsrunde. Ich hoffe auf Fortschritte vor Jahresende.
WELT: Wie steht es bei der Zusammenarbeit in der Außen- und Sicherheitspolitik? Sie selbst haben kürzlich den deutschen Verteidigungsstaatssekretär Jens Plötner in Abu Dhabi getroffen.
Nusseibeh: Der Iran-Krieg hat in den Emiraten zu vielfältigen, mehrgleisigen Partnerschaften und zu Anpassungen an neue Formen der Kriegsführung geführt. Wir suchen darum breiter aufgestellte Kooperationen mit Sicherheitsanbietern – und wollen auch selbst Sicherheit bereitstellen. Ein Beispiel: Unsere Streitkräfte konnten 95 bis 97 Prozent der iranischen Drohnen und Raketen abfangen. Das ist eine bemerkenswerte Zahl, die man so auch bei anderen Armeen kaum findet. Entscheidend war eine gestaffelte Architektur, die unterschiedliche Verteidigungssysteme auf verschiedenen Ebenen der Verteidigung integrierte. Aber es geht auch um kollektive Sicherheit. Dazu gehören etwa Freiheit der Schifffahrt und offene Seewege. Und es geht um Diplomatie. Durch die Vermittlung der Emirate im russisch-ukrainischen Konflikt wurden mehr als 8000 Gefangene ausgetauscht. Wir halten Kanäle zu beiden Seiten offen und übermitteln Botschaften für ein Ende des Krieges in Europa.
WELT: Frankreich hat viel Energie in den Aufbau einer Koalition für eine Marinemission in der Straße von Hormus gesteckt. Deutschland saß mit am Tisch, aber bisher gibt es keine praktischen Ergebnisse. Hätte das Projekt jetzt Chancen?
Nusseibeh: Dass ein Anrainerstaat die weltweite Versorgung mit Rohstoffen, Düngemitteln oder Krankenhausbedarf nach Belieben an- und abschalten kann, ist für jeden, der sich dem Völkerrecht verpflichtet fühlt, ein völlig inakzeptabler Präzedenzfall. Die Achtung des Völkerrechts und das Interesse an Versorgungssicherheit durch freie Schifffahrt verbinden Deutschland und die Emirate. Der Iran hat die Straße von Hormus zur Waffe gemacht. Abschreckung muss wiederhergestellt und internationale Prinzipien müssen verteidigt werden. Ob dies durch eine international abgestimmte Marinekoalition geschehen sollte oder durch mehr Druck auf den Iran? Wahrscheinlich braucht es eine Kombination aus beidem.
WELT: Die Emirate scheinen wieder auf den Iran zuzugehen. Es gibt angeblich wieder Kontakte zwischen den Regierungen, Flüge und Handel scheinen wieder begonnen zu haben.
Nusseibeh: Wir alle werden einen pragmatischen Umgang mit dem Iran finden müssen. Aber Vertrauen wiederherzustellen, ist natürlich eine andere Dimension. Der Iran ist unser Nachbar, so ist nun mal die Geografie. Zugleich werden wir die US-Sanktionspolitik in vollem Umfang und mit größtmöglicher Härte umsetzen. Wir sind offen für eine diplomatische Annäherung und der Staat Katar leistet gute Arbeit als Vermittler. Aber wir wissen auch, was in den vergangenen vier Monaten des Krieges geschehen ist, und sind auf jedes Szenario vorbereitet.
WELT: Ihr Land hat 2020 im sogenannten Abraham-Abkommen diplomatische Beziehungen zum Staat Israel aufgenommen – unter der Bedingung, dass Israel Annexionen palästinensischer Gebiete im Westjordanland unterlässt. Vor Kurzem haben Sie erneut vor Annexionen gewarnt, nachdem die Regierung Netanjahu neue Siedlungsbauten genehmigt hat. Hält sich Israel noch an die damaligen Vereinbarungen?
Nusseibeh: Die Abraham-Abkommen stammen aus der Zeit vor dem 7. Oktober und dem Gaza-Krieg. Dabei ging es uns auch um die Stabilisierung der Region. Wie in der gesamten Region gibt es in diesem Konfliktgebiet ideologisch getriebene Extremisten auf allen Seiten, die keine Stabilisierung wollen, sondern Chaos. Das sah man bei der Herrschaft der Hamas im Gazastreifen. Aber auch auf israelischer Seite gibt es Extremisten mit maximalistischen Ambitionen, die die Lebensfähigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung untergraben wollen. Dagegen haben wir klar Stellung bezogen.
WELT: Die VAE werden für ihre Rolle im Bürgerkrieg im Sudan kritisiert, wo sie als Verbündete der paramilitärischen Rapid Support Forces gegen die Regierungstruppen gelten. Schürt Ihre Regierung diesen Konflikt, der unermessliches Leid über die Bevölkerung bringt?
Nusseibeh: Den Vereinigten Arabischen Emiraten die Verantwortung zuzuschreiben, ist fehlgeleitet. Es ist ein entsetzlicher Konflikt in einem Land, in dem der Aufbau einer stabilen Zivilregierung wiederholt gescheitert ist. Es ist gut, dass die internationale Gemeinschaft – auch die Deutschen – ihren Blick weiter auf den Sudan richtet. Die Lage im Sudan muss gelöst werden, und zwar rasch. Deshalb arbeiten wir im von den USA geführten Quad-Format mit Saudi-Arabien und Ägypten zusammen, um mit den Sudanesen einen Ausweg aus diesem Konflikt zu suchen. Der Sudan darf kein Rückzugsgebiet für Terrorismus werden, kein Umschlagplatz für Lieferungen der iranischen Revolutionsgarden an eine Konfliktpartei im Sudan oder an die Huthi-Rebellen im nahegelegenen Jemen – und kein weiterer Engpass für die Handelsschifffahrt am Roten Meer.
Daniel-Dylan Böhmer, Senior Editor im Ressort Außenpolitik, bereist die Länder des Nahen Ostens seit Jahrzehnten. Er befasst sich vor allem mit regionalen und globalen Sicherheitsthemen.
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