Ignorierte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu wenige Tage vor dem 7. Oktober Terror-Warnungen aus dem Ausland? Und hätte das Massaker vom 7. Oktober möglicherweise verhindert werden können? Diese Fragen wühlen Israel auf, seit am Dienstag erste Auszüge eines Enthüllungsbuches des Journalisten und Filmemachers Shlomi Eldar und der Investigativjournalistin Ruth Yuval veröffentlicht wurden. Eldar verfolgt die israelische Politik im Gaza-Streifen sowie das Vorgehen der Armee seit Jahren kritisch.
Laut ihren Recherchen warnte der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed Bin Zayed Al Nahyan den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu wenige Tage vor dem Massaker vom 7. Oktober davor, dass die Hamas eine größere Operation gegen Israel plane. „Eineinhalb Wochen vor dem 7. Oktober rief der Emir Netanjahu aus dem Präsidentenpalast in Abu Dhabi an und sprach 45 Minuten lang mit ihm.“
Weiter heißt es in dem Buch mit dem Titel „Kidnapped: 843 Days of Abandonment“ („Entführt: 843 Tage im Stich gelassen“): „Während dieses Gesprächs teilte Bin Zayed Netanjahu mit, dass Jahja Sinwar, der Anführer der Hamas im Gaza-Streifen, eine großangelegte Operation gegen Israel plane. Der Emir äußerte die Sorge, dass ein solches Ereignis nicht nur zu Blutvergießen führen, sondern auch die gesamte Region erschüttern und die Abraham-Abkommen gefährden würde.“
Netanjahus Büro dementiert die Darstellung des Buches kategorisch. „Eine absolute Lüge! Ministerpräsident Netanjahu hat in dem fraglichen Zeitraum nicht mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate gesprochen und keinerlei Warnung von ihm erhalten“, heißt es in einer Stellungnahme.
Schin Bet empfahl Tötung Sinwars
Laut den Enthüllungen hat Netanjahu auf die Informationen aus dem Telefonat relativ gelassen reagiert und geantwortet, er gehe davon aus, dass die Hamas beabsichtige, im Westjordanland zu operieren. Zugleich habe er dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate versichert, Israel sei auf jedes Szenario vorbereitet.
Die Buchautoren berufen sich unter anderem auf drei hochrangige ausländische Quellen sowie einen Berater von Mohammed Bin Zayed Al Nahyan, der über das Gespräch in Kenntnis war. Etwa zur gleichen Zeit habe auch eine Warnung des ägyptischen Geheimdienstchefs General Abbas Kamel das Büro von Netanjahu erreicht, laut der die Hamas „etwas Außergewöhnliches, eine schreckliche Operation“ plane.
Am 1. Oktober, also weniger als eine Woche vor dem Angriff vom 7. Oktober, habe sich der damalige Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, Ronen Bar, mit Netanjahu getroffen und ihm empfohlen, Sinwar gezielt zu töten. Darüber hinaus schlug er eine Reihe weiterer gezielter Tötungen hochrangiger Mitglieder der Organisation vor.
Einer Quelle aus Sicherheitskreisen zufolge sagte Bar zu Netanjahu, der Schin Bet habe Hinweise darauf, dass die Hamas „etwas Extremes vorbereite“. In dem Gespräch soll er zudem den Begriff „Erdbeben“ verwendet haben. Netanjahu habe die Empfehlung, Sinwar und weitere hochrangige Hamas-Funktionäre gezielt zu töten, jedoch nicht angenommen. In diesem Gespräch habe er auch die Warnung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht erwähnt.
Sohn eines getöteten Soldaten erhebt schwere Vorwürfe
„Es ist sehr schwer, nicht darüber nachzudenken, was möglicherweise hätte verhindert werden können. Man hätte angesichts solcher Informationen zumindest Vorsichtsmaßnahmen treffen können. Was wäre gewesen, wenn an diesem Morgen doppelt oder dreimal so viele Soldaten dort gewesen wären? Vielleicht hätte es deutlich weniger Opfer gegeben. Mein Sohn wäre vielleicht noch am Leben“, sagt Ruby Chen im Gespräch mit WELT.
Sein Sohn Itay Chen war 19 Jahre alt, als er am 7. Oktober 2023 als Soldat im Kampf gegen Hamas-Terroristen fiel. Sein Leichnam wurde anschließend nach Gaza verschleppt und erst im November 2025 nach Israel zurückgebracht.
Ruby Chen erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen die Regierung Netanjahu: „Wenn diese Informationen tatsächlich beim Premierminister angekommen sind, warum hat er dann offenbar nicht entsprechend gehandelt? Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit Ihrem Auto, überfahren eine rote Ampel und töten dabei jemanden. Das nennt man Fahrlässigkeit – und dafür kann man ins Gefängnis kommen.“
Chen setzt sich seit Langem für eine unabhängige Untersuchungskommission zur Aufarbeitung des Versagens der israelischen Sicherheitsbehörden rund um den 7. Oktober ein. Doch bislang blockiert Netanjahus Regierung eine solche Kommission. „Ich bin zutiefst enttäuscht über den Gedanken, dass der Premierminister möglicherweise Gründe haben könnte, nicht zu wollen, dass die Wahrheit durch eine Untersuchungskommission ans Licht kommt.“
Herausforderer Netanjahus reagiert scharf
Netanjahu gerät durch die Enthüllungen unter erheblichen politischen Druck. Am 27. Oktober finden in Israel Parlamentswahlen statt. Die bisher ausgebliebene politische Aufarbeitung des Massakers gleicht für viele Israelis einer Wunde, die sich nicht schließt. Dementsprechend scharf reagiert die Opposition auf die Buchveröffentlichung.
„Der heute Morgen veröffentlichte Bericht, wonach Benjamin Netanjahu zehn Tage vor dem 7. Oktober vor Sinwars Absichten gewarnt worden sein soll, ist äußerst beunruhigend“, sagte Yonatan Shalev, der für die Partei B’Yachad bei den Parlamentswahlen antritt, im Gespräch mit WELT.
„Sollte sich dies bestätigen – der ehemalige Ministerpräsident Naftali Bennett erklärte bereits, er wisse, dass der Bericht zutreffe –, trägt Netanjahu persönlich unmittelbare Verantwortung dafür, eine eindeutige Warnung ignoriert, die Führung der Sicherheitsbehörden nicht alarmiert und das Land nicht vorbereitet zu haben“, sagte Shalev.
„Stattdessen setzte Netanjahus Regierung ihre Politik fort, sich von der Hamas vorübergehende Ruhe zu erkaufen, während sie eine Warnung nach der anderen in den Wind schlug und einem verheerenden und gefährlichen Konzept verhaftet blieb“, so Shalev weiter. Auch Netanjahus aussichtsreichster Herausforderer bei der Wahl, der israelische Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot, griff den amtierenden Premierminister frontal an.
Zweifel an alleiniger Schuld Netanjahus
„Netanjahu hat Dutzende Warnungen vor dem 7. Oktober erhalten und hat sie alle ignoriert“, erklärte Eisenkot auf dem sozialen Netzwerk X. Der frühere Premierminister Yair Lapid erklärte in einer Stellungnahme, Netanjahu habe die Warnungen aus den Arabischen Emiraten, aus Ägypten und von seinen eigenen Sicherheitsdiensten nicht ernst genommen. „Seine einzige Reaktion bestand darin, bei Channel 14 aufzutreten und zu sagen, es gebe keinen Grund zur Sorge. Wenn Netanjahu seine Arbeit gemacht hätte, wäre das Massaker verhindert worden“, so Lapid.
Professor Danny Orbach, Militärhistoriker an der Hebräischen Universität Jerusalem, erklärt, Netanjahu stehe an der Spitze des Systems und trage daher letztlich die Verantwortung für dessen Versagen. Dennoch warnt er davor, den kritischen Blick auf die Rolle der Institutionen am 7. Oktober zu vernachlässigen.
„Was die verschiedenen Sicherheitsbehörden betrifft, die Netanjahu angeblich gewarnt haben, drängt sich eine Frage auf: Warum haben sie aufgrund dieser Warnungen nicht selbst gehandelt?“ Sie hätten keine Genehmigung des Premierministers benötigt, um ihre eigene Einsatzbereitschaft zu erhöhen oder ihre grundlegenden Annahmen über Gaza zu überprüfen. „Tatsache ist, dass auch sie von dem Angriff völlig unvorbereitet getroffen wurden“, sagte Orbach zu WELT.
Die brisante Frage nach der Verantwortung für das Sicherheitsversagen hat Potenzial, die Parlamentswahl zu entscheiden. Laut einer Umfrage des Israel Democracy Institute zählt der 7. Oktober unter jüdischen Wählern zu den Themen, die ihre Wahlentscheidung am stärksten beeinflussen.
Jan Philipp Burgard ist Axel Springer Global Reporter für den Nahen Osten.
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