Als die Sachsen-Anhalter am 6. Juni 2021 einen neuen Landtag wählten, erlebten die Demoskopen eine ihrer größten Überraschungen der vergangenen Jahre. Während die letzten Umfragen CDU und AfD nahezu gleichauf sahen, gewann die CDU des damaligen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff die Wahl am Ende mit deutlichem Abstand.
Die letzte Insa-Erhebung für die „Bild“ hatte die CDU zwei Tage vor der Wahl bei 27 Prozent gesehen, die AfD bei 26 Prozent. Tatsächlich kam die CDU auf 37,1 Prozent und lag damit mehr als zehn Prozentpunkte über dem Umfragewert. Die AfD erreichte dagegen 20,8 Prozent und blieb mehr als fünf Punkte hinter der Prognose zurück. Zum ersten Mal verlor die Partei bei einer Landtagswahl an Zustimmung.
Auch andere Institute unterschätzten die CDU deutlich. Die Forschungsgruppe Wahlen sah die Partei im ZDF noch drei Tage vor der Wahl bei 30 Prozent, eine Woche zuvor sogar bei 29 Prozent. Infratest dimap ermittelte für die ARD Ende Mai 28 Prozent. Das tatsächliche Ergebnis lag jeweils sieben bis neun Prozentpunkte höher.
Am Ende konnte Haseloff eine Regierung aus CDU, SPD und FDP bilden. Haseloffs CDU profitierte 2021 nicht nur von hohen Zustimmungswerten für den Ministerpräsidenten. Im Wahlendspurt mobilisierte die Partei auch zahlreiche Wähler mit der Warnung vor einem möglichen AfD-Sieg. Mit der Blockade der Erhöhung des Rundfunkbeitrags war er Ende 2020 auch deutlich auf Distanz zur Bundes-CDU gegangen.
Das sagen die Demoskopen zu den Umfragen
Wahlforscher führen die Abweichung 2021 auf die letzten Tage des Wahlkampfs zurück. Der Chef der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, sagte der Nachrichtenagentur dpa am Sonntag, die Umfragen hätten das Meinungsbild zum Zeitpunkt der Befragung korrekt abgebildet. Dieses habe sich jedoch bis zum Wahltag noch deutlich verändert. Ostdeutsche Wähler fühlten sich weniger an einzelne Parteien gebunden als westdeutsche – das mache die Wahlen schwerer prognostizierbar.
Nach Einschätzung von Insa-Chef Hermann Binkert profitierte die CDU damals von der Popularität Haseloffs. „Er hat im Wahlendspurt viele Stimmen für die CDU gewonnen“, sagte Binkert der dpa.
Vor der Landtagswahl an diesem Sonntag rechnen die Institute nicht mit einer Wiederholung dieses Effekts. Binkert erwartet keinen Effekt durch Amtsinhaber Sven Schulze wie vor fünf Jahren durch Haseloff.
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Der Chef von Infratest Dimap, Roland Abold, sagte der dpa, vor Wahlen mobilisierten die Parteien von Linken bis CDU besonders stark, wenn die AfD hohe Umfragewerte habe. Dies sei bisher in Sachsen-Anhalt allerdings kaum sichtbar. Dennoch: „In den letzten Wochen haben wir Bewegung bei den Grünen und in geringerem Ausmaß bei der SPD gesehen. Beide haben sich in den Umfragen über der Fünf-Prozent-Hürde stabilisiert – wahrscheinlich ein Effekt der Kampagnen zum taktischen Wählen. Hier könnte es noch Dynamik vor der Wahl geben.“ Taktisches Wählen meint in diesem Zusammenhang, dass AfD-Gegner nicht ihre favorisierte Partei wählen, sondern jene, von der sie hoffen, dass ihr Einzug in den Landtag eine Mehrheit für die AfD verhindern könnte. Hier mischt im Wahlkampf auch die NGO „Campact“ mit ihrer Initiative „Strategisch Wählen“ mit.
In der letzten Umfrage vor der Wahl an diesem Sonntag kam die AfD auf 41 Prozent. Die CDU lag in der am Donnerstag veröffentlichten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF bei 23 Prozent. Auf Platz drei folgte die Linke mit 11,5 Prozent, die SPD kam auf 8,5 Prozent, die Grünen standen bei 6 Prozent. Das BSW mit 4 Prozent und die FDP mit 3 Prozent würden an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern und damit den Sprung ins Parlament verpassen.
Umfragen sind generell mit einer hohen Unsicherheit behaftet. Gegenüber der Forschungsgruppe Wahlen sagten 31 Prozent der Befragten, sie seien noch nicht sicher, wen oder ob sie wählen wollten. Überraschungen sind jederzeit möglich.
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