Donald Trump erinnert an Sylvester Stallone. In dem Film „Demolition Man – ein eiskalter Bulle“ zerlegt der Gesetzeshüter unbeirrt einen ganzen Häuserblock. Der US-Präsident geht einen ähnlichen Weg. Der Unterschied: Er nutzt vorweg politische Waffen wie Zwang und Erpressung. Trump behandelt Amerikas uralte Freunde in Europa, Kanada und Ostasien wie Feinde.
Sicherheitsgarantien werden zerpflückt, Truppen abgezogen. Trump möchte sich das dänische Grönland greifen; er nimmt Kanada als „51. Staat“ ins Visier und verhängt 50-Prozent-Zölle. Da geht sie dahin, die nordamerikanische Freihandelszone. Gegen die EU spielt er Strafzölle von 15 bis 30 Prozent aus; bis Trumps erster Amtszeit galten drei Prozent. Dabei sind EU und USA füreinander die besten Handelspartner; das Volumen umfasst eine knappe Billion Euro. Doch geht es um viel mehr als schnödes Geld – es geht um die Frage, wer auf dem Schachbrett der Macht wen besiegt, ganz im Sinne Lenins.
Trump füßelt mit Russland, China und Nordkorea, mit der „Achse der Autoritären“. In Asien bangen Japan, Taiwan und Südkorea um ihre Sicherheit, um die einst verlässlichen Gelübde der USA. Dito die Europäer. Die Ukraine kämpft um ihr Leben, während Trump mit ihr Achterbahn fährt. Mal will er einen Zwangsfrieden, der Moskaus Eroberungen ratifiziert. Mal darf Kiew US-Waffen kaufen. Die Rechnung begleichen die Europäer – ein gutes Geschäft für die US‑Rüstungsindustrie. Was er tut, hängt von der Tagesverfassung ab.
Er attackiert Iran, ohne sich um Kosten und Konsequenzen zu kümmern. Den alten Helmuth von Moltke hat er nicht gelesen; der dozierte: Kein Plan überlebe die erste Feindberührung. Seine Generäle haben ihn gewarnt, präzise Irans „asymmetrische Kriegsführung“ vorausgesagt, die Amerikas Wunderwaffen entwertet. Die Mullahkratie werde die Straße von Hormus schließen, durch die ein Viertel der maritimen Öltransporte fließt, und Amerikas arabische Schützlinge mit Luftangriffen terrorisieren. So ist es geschehen.
Trotzdem hat sich Trump rund dreißigmal mit seinem „totalen und kompletten Sieg“ gebrüstet. Das Regime in Teheran bröckelt nicht, sondern verschärft die Repression. Dass der Rest der Welt unter hochschießenden Energiepreisen ächzt, kümmert den Traumtänzer so wenig wie das Wohl seiner Wähler. Daheim sind die Benzinpreise seit Januar, als der Trumpinator den Krieg gegen den Iran entfesselte, um ein Drittel gestiegen; die öffentliche Meinung hat sich voraussagbar gegen den Krieg und den Präsidenten gedreht.
Die Moral? Fange nicht an, was du nicht gewinnen kannst – es sei denn, du behältst die „Eskalationsdominanz“. Bomben allein bringen keinen Sieg. Der erfordert letztlich Bodentruppen, um den Golf zu sichern – ein Horrortrip, den Trump wohlweislich vermeidet. Jedenfalls gibt es keine Blitzsiege mehr, das lernt auch Wladimir Putin seit vier Jahren in der Ukraine. Dito Israel in Nahost, obwohl seine Luftwaffe zu den besten der Welt gehört.
Donald Trump am Freitag in Morristown, USAEin Regimewechsel aus der Luft funktioniert nicht gegen totalitäre Systeme wie das iranische, welches das eigene Volk im Würgegriff hält. Nun will Trump den totalen Wirtschaftskrieg, um Teheran in die Knie zu zwingen. Er verkennt das Wesen solcher Regime. Das Volk blutet, der Machtapparat gedeiht, weil die Revolutionsgarden große Teile der Wirtschaft kontrollieren. Die Machthaber leiden ebenso wenig wie im alten Sowjetreich. Oder in Nordkorea. Kim Jong-un besitzt mindestens sechs superteure Luxus-Karossen.
Das iranische Regime mäßigt sich nicht, es wird radikaler. Gegenüber dem heutigen Religionsführer wirkt der Vorgänger Ali Chamenei wie ein Liberaler. Weil die Existenz der herrschenden Klasse auf dem Spiel steht, erstickt sie den Protest mit Terror und Blutrunst. Die Grausamkeit ist rational. Fällt die Mullahkratie, droht denen, die sie gestützt haben, der Galgen. Folglich macht der Druck von außen, ob militärisch oder ökonomisch, die Hardliner wilder, nicht milder.
Zumal Russland und China, die Trump hofiert, clevere Waffen liefern. Der Irankrieg ist ein Gottesgeschenk für beide, schwächt er doch die USA in der gefährlichsten Arena der Weltpolitik, wo die Großen seit Jahrtausenden kämpfen. Mosche Dajan, Israels legendärer Kriegsheld, behält Recht: Die Levante ist der „Elefanten-Trampelpfad der Geschichte“, wo seit Jahrtausenden die Imperien aufeinanderprallen.
Nun zum weiten Erdenrund, wo Donald Trump mit seinen täglich wechselnden Sprüchen nur in einem Bereich glänzt: in der globalen Aufmerksamkeitsökonomie. Auf dieser Bühne ist er der Star aller Stars, wirken hiesige Größen nur wie Statisten. Es geht Trump nicht um Staatsräson, sondern um „Ich, ich und sonst keiner“. Sigmund Freud hätte von „Narzissmus“ gemurmelt. Derlei Instant-Diagnosen sind bloße Psycho-Spielerei, die nicht die tektonischen Brüche der Weltpolitik einbezieht.
Offenkundig ist: Der Mann mit der Abrissbirne zerlegt eine insgesamt segensreiche Ordnung – lassen wir Amerikas törichte Kriege in Vietnam, Irak oder Afghanistan beiseite. In allen dreien sind die USA blutig gescheitert, sie konnten ihr proklamiertes Ziel, die Demokratisierung, nicht durchsetzen. Trotzdem: Noch nie seit dem Westfälischen Frieden 1648 hat ein 80-jähriger Frieden zwischen den Großmächten gehalten. Die Ausnahme, welche die Regel bestätigt, liegt 73 Jahre zurück – der Korea-Krieg, China gegen USA.
Von Amerikas Macht profitierten viele andere
Der Bühnenstar Trump durchschaut nicht, welche hervorragende Rolle sein eigenes Land seit dem Zweiten Weltkrieg gespielt hat. Nach 1945 ist Amerika nicht in den alten Isolationismus zurückgefallen. Machtpolitik gewiss, auf die verzichten die Großen nie. Zum Beispiel Präsident Eisenhower, der die befreundeten Briten und Franzosen in der Suezkrise 1956 aus Nahost vertrieb, um deren Platz in der Region einzunehmen, dem Scharnier dreier Kontinente.
Das wirklich Neue im Spiel der Mächte? Es herrschte unter Trumps Vorgängern nicht der ungezügelte Egoismus – also „mehr für mich und weniger für dich – am besten gar nichts“. Sondern eine weisere Strategie: „Wir können beide gewinnen.“ Es sei denn, „du bist ein existenzieller Feind wie die Sowjetunion“. Der gebührte Abschreckung und Eindämmung. Für Freunde und Verbündete galt: „Gut für dich ist auch gut für mich.“
Natürlich regierte nicht purer Edelmut, sondern wohlbedachtes Eigeninteresse, das die Bedürfnisse der anderen mitnahm. So konnte Amerika Gefolgschaft und Legitimität gewinnen. Außerdem darf sich eine Demokratie im Kreise anderer wohlfühlen, im Geiste eines „Die sind wie wir“. Fazit: Win-win auf beiden Seiten – Selbstsucht gepaart mit interessengeleitetem Altruismus.
Trump setzt auf Nullsummenspiel
Wie funktionierte das neue Spiel? Ein Wort: Institutionenbau. Washington tat sich als geradezu obsessiver Architekt hervor – zum eigenen Wohle wie dem der Partner. Hier die Kürzel. Allianzen wie Nato in Europa und SEATO in Südostasien, ANZUS mit Australien plus Bündnisse mit Japan und Südkorea. Globale Bauwerke wie die UN mit Dutzenden Gliederungen. In der Weltwirtschaft: IWF für Geldstabilität und Kredite, OECD, der Verbund der entwickelten Nationen. GATT und WTO für Freihandel. Nicht zu vergessen der Marshall-Plan, der dem darniederliegenden Europa auf die Beine half.
Die Ökonomen sprechen hier von „Gemeingütern“. Das Prinzip: Wenn einer deren Produktion organisiert, profitieren alle, sei’s von einem Volkspark, Bündnis oder Freihandelssystem. So entstand ein Gewebe, das allen diente und sie bei der Stange hielt. Denn: Existieren solche Güter erst einmal, können sich alle an ihnen laben. Just diese Architektur „Made in USA“ im Verbund mit anderen will der „Demolition Man“ schleifen. Er hat verkündet, 66 internationale Organisationen zu verlassen.
Warum bloß? Er behauptet, von den Freunden Amerikas finanziell ausgenommen zu werden. Er kujoniert und erpresst sie wie „Der Pate“ Marlon Brando: „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht abweisen kann.“ Derweil richtet ein Handlanger seine Pistole auf das Opfer.
Trumps Politik ist ein reines Nullsummenspiel: „Ich gewinne, wenn du verlierst.“ Das beste Beispiel ist der Rundum-Zollkrieg. Es erfordert kein VWL-Diplom, um zu verstehen, dass Amerika selbst einer der Verlierer ist. Zölle sind wie eine Verbrauchersteuer. Sie verteuern Lebensmittel, Autos, TV‑Geräte. Die Industrie muss mehr für Aluminium, Bauholz und Technologie aus dem Ausland hinlegen – und reicht die Verteuerung weiter an die Konsumenten, die ärmer werden. Sodann der Gegenschlag. Die anderen ziehen selbst Zollmauern hoch, was ihre US-Importe staucht. Die Folge: Jobverluste in Trump-Land. Und Trump behauptet von sich, dass er ein „echtes, stabiles Genie“ sei. Eher gilt: Der 47. Präsident ist sein eigener bester Feind.
Trump bewundert imperialistische Vorgänger
Der Wüterich folgt keiner Staatsräson, nur stündlich wechselnden Impulsen, die ihm die Schlagzeilen verschaffen. Seine „Staatskunst“ besteht aus Einschüchterung und Nötigung; das Wohl der eigenen Nation hinkt hinterher. Unter seinen 46 Vorgängern preist er nicht Washington, Lincoln oder Roosevelt, geschweige denn Truman. Dieser einstige Herrenausstatter aus Missouri entwarf eine Weltordnung zum Nutzen und Frommen des eigenen Landes sowie dessen Gefährten. Win-Win rundum.
Bezeichnend: Wen bewundert Trump? Den Haudrauf Andrew Jackson, der sich Florida von Spanien griff, weit nach Westen expandierte, Indianer in Reservate zwängte und im Weißen Haus besoffene Partys feierte. Ein zweiter Liebling ist der Imperialist William McKinley, der Kuba, Puerto Rico und die Philippinen kassierte. Sag mir, wer deine Vorbilder sind, und ich sage dir, wer du bist.
Die heutigen Genossen wenden sich zähneknirschend ab, weil der US-Schutzschirm, ein Gemeingut, löchriger wird. Trump kümmert es nicht, weil er seine Pappenheimer kennt. Die EU ist kein echter Staat, sondern ein Bündel von 27, das den kleinsten gemeinsamen Nenner verkörpert. Zudem sind Europas Hauptmächte, Berlin, London und Paris, Rivalen mit eigenen Interessen. Immerhin hat Trump allen einen Gefallen getan, indem er sie zwang, die Militärbudgets hochzufahren, mit Putins ungewollter Hilfe. Sie scheuen die Scheidung vom „Paten“, der sehr wohl weiß, dass Wiederaufrüstung an die zehn Jahre dauern wird.
Die Europäer wissen, dass Trump bis Januar 2029 im Geschäft bleibt. Sie müssen sich arrangieren, derweil China und Russland sich freuen, dass der mächtige Widersacher die dauerhafteste Allianz aller Zeiten beschädigt. Trump, der sich selbst zum „größten Präsidenten“ ernannt hat, schert es nicht. Er hat noch zwei Jahre, um Sylvester Stallone, den „Demolition Man“, zu geben.
Amerika bezeichnet sich als unverzichtbare Nation. Das war es 80 Jahre lang. Unter dem Bühnenakrobaten Trump winkt nicht „America First“, es dräut „America Alone“.
Der Autor hat in Stanford und Harvard zur US‑Außenpolitik gelehrt.
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