Sven Schulze (CDU), 47, ist seit Januar 2026 Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und tritt bei der Landtagswahl am 6. September als Spitzenkandidat an.
WELT: Herr Schulze, die AfD liegt in den Umfragen zur Landtagswahl am kommenden Sonntag bis zu 20 Prozentpunkte vor der CDU. Haben Sie einen Wahlsieg abgeschrieben?
Sven Schulze: Es wäre vermessen, zu sagen, dass wir jetzt noch einen Rekordwert für die CDU erreichen können. Aber wir erleben gerade, dass sich viele Menschen noch einmal überlegen, wie sie bei der Erst- und Zweitstimme entscheiden. Mein persönlicher Wert ist deutlich stärker als der meiner Partei. 48 Prozent der Menschen sagen, dass sie mich gern als Ministerpräsidenten behalten würden. Deshalb müssen wir den Menschen sagen: Wenn ihr mich unterstützt, braucht natürlich auch meine Partei diese Unterstützung. Ich werbe um beide Stimmen für die CDU.
WELT: Was wäre für Sie ein Wahlerfolg? Reicht es, die absolute Mehrheit der AfD zu verhindern?
Schulze: Ein Erfolg wäre, wenn wir danach in der Lage sind, eine Regierung zu bilden, die dieses Land weiter nach vorn bringt. Es geht um eins: Bekommt die AfD die absolute Mehrheit oder nicht? Wer das nicht möchte und seine Stimme nicht verschenken will, etwa an eine kleine Partei, die womöglich nicht in den Landtag kommt, muss mich wählen. Aber ich warne davor, allein die Verhinderung einer absoluten AfD-Mehrheit als Erfolg zu betrachten. Es geht um viel mehr.
WELT: Nämlich?
Schulze: Wir müssen die Menschen in Zukunft stärker mitnehmen. Ich habe in diesem Wahlkampf sehr viele positive Rückmeldungen auf die vielen Gespräche bekommen. Diesen Weg müssen wir auch außerhalb von Wahlkämpfen verstärkt gehen. Wir sind eine große Partei, aber wir müssen wieder viel stärker auf die Menschen zugehen.
WELT: Sie sind jeden Tag im Land unterwegs und reden mit den Leuten, trotzdem erholen sich Ihre Umfragewerte nicht. Was machen Sie falsch?
Schulze: Wir hatten bis vor Kurzem eine Situation, in der die AfD gesagt hat, sie werde hier die absolute Mehrheit schaffen. Davon ist sie im Moment weg. Aber sechs Tage vor der Wahl rufe ich deswegen doch keinen Erfolg aus. Jetzt geht es darum, um jede Stimme zu kämpfen. Es gibt in der Bevölkerung eine große Unzufriedenheit, und viele Menschen fragen sich: Wem vertrauen wir für die Zukunft? Diese Unzufriedenheit bekommen Sie in einem Landtagswahlkampf nicht mal eben weg. Da spielen Landesthemen hinein, Bundesthemen und vieles andere. Wir haben in der Vergangenheit vielleicht zu sehr zugelassen, dass es der AfD gelingt, unser Land so negativ darzustellen, wie sie das permanent macht.
Kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt liegt CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze mit seiner Partei weit abgeschlagen hinter der AfD. Im Interview mit WELT-Chefredakteur Helge Fuhst erklärt er, wie er jetzt noch punkten will.WELT: Viele Menschen sehen die Lage in Sachsen-Anhalt offenbar negativ.
Schulze: Natürlich gibt es Themen, bei denen die Menschen sagen: Das war früher vielleicht anders oder besser. Aber wir müssen auch dagegenhalten und über die andere Seite sprechen. Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Kriminalität waren in den 90er-Jahren in Sachsen-Anhalt weit höher als heute. Vielleicht war es ein Fehler von uns, dass wir zu wenig über die Entwicklung dieses Landes gesprochen haben. Wir dürfen kommunikativ nicht denen die Oberhand überlassen, die ausschließlich darüber sprechen, was schlecht läuft, und die uns in eine längst überwundene Vergangenheit zurückführen wollen.
WELT: Man merkt, dass Sie im Wahlkampf deutlich stärker auf Angriff umgeschaltet haben. Hätten Sie das früher tun müssen? Und hätten Sie womöglich früher Ministerpräsident werden müssen, um mehr Anlauf vor dieser Wahl zu haben?
Schulze: Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Für mich war wichtig, dass ich in meinen ersten sechs Monaten Dinge auf den Weg bringe, bei denen die Menschen sehen: Der Schulze macht etwas. Wir haben beispielsweise eine Verwaltungsreform begonnen.
WELT: Warum sollte eine Verwaltungsreform die Menschen bewegen?
Schulze: Das ist kein sexy Thema, ich weiß. Aber seit 19 Jahren gab es keine mehr, und warum mache ich das? Weil wir zu viele Mitarbeiter in der Verwaltung und zu viele Ebenen haben. Wir brauchen schnellere und schlankere Strukturen. An solche Themen trauen sich viele nicht heran, weil man sich damit zunächst einmal Feinde macht. Trotzdem braucht das Land diese Reform. Mir war wichtig zu zeigen: Es weht ein anderer Wind. Ich habe andere Ideen. Das ist überhaupt keine Kritik an Reiner Haseloff (Schulzes Amtsvorgänger von der CDU, d. Red.). Aber wenn jemand neu kommt, muss er auch neue Dinge bringen. Dafür bekommt man nicht sofort Applaus. Aber die Menschen sehen: Der Schulze packt an.
Vielleicht hätte man manches mit mehr Zeit noch sichtbarer machen können. Aber ich kann nur mit der Situation arbeiten, die ich habe. Und natürlich bin ich jetzt in einem anderen Angriffsmodus, weil es in den letzten Tagen darauf ankommt, zu zeigen: Ich lasse unser Land nicht schlechtreden.
WELT: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unterstützt Sie im Wahlkampf. Brauchen Sie ihn überhaupt – oder wäre es angesichts der Stimmung im Bund nicht besser, wenn er sich heraushielte?
Schulze: Mir ist wichtig, dass wir einen guten Draht zur Bundesregierung haben. Montagabend war Friedrich Merz in Quedlinburg. Unsere Probleme vor Ort lösen wir selbst. Aber dort, wo wir Unterstützung aus Berlin und Brüssel brauchen, brauche ich auch den Kanzler, die Bundesminister und andere Ministerpräsidenten.
Bei seinem ersten Wahlkampfauftritt in Sachsen-Anhalt ist Friedrich Merz ausgepfiffen und beschimpft worden. Der Kanzler zeigte sich kämpferisch, „weil meine feste Überzeugung ist, dass wir etwas vorzuweisen haben“. Sehen Sie hier sein Statement in voller Länge.WELT: Versteht der Kanzler tatsächlich die Sorgen der Menschen in Sachsen-Anhalt? Im ARD-Sommerinterview sagte er beispielsweise, Migration spiele in den Wahlkämpfen derzeit kaum eine Rolle.
Schulze: Das sehe ich nicht ganz so. Migration ist bei uns ein Thema. Ich vermute allerdings, dass der Kanzler seine Aussage etwas anders gemeint hat und auf die inzwischen eingeleiteten Maßnahmen abzielte. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat das Thema zur Chefsache gemacht. Im ersten Halbjahr 2026 hatten wir in Sachsen-Anhalt nur noch rund 1000 neue Zugänge. Das ist ein Bruchteil dessen, was wir in vergangenen Jahren erlebt haben. Wir sind damit ungefähr wieder bei Zahlen aus den Jahren 2011 oder 2012. Die Migrationswende ist da. Trotzdem bleibt Migration für viele Menschen bei uns ein großes Thema im Wahlkampf.
WELT: Merz war vor seiner Kanzlerschaft deutlich populärer. Gibt es bei den Menschen eine Enttäuschung über seine ersten 15 Monate?
Schulze: Darauf werde ich natürlich angesprochen. Das liegt aber nicht allein am Kanzler. Richtig ist allerdings: Insgesamt war das Erwartungsmanagement in der Vergangenheit nicht immer das Beste. Das wissen wir, das weiß die Bundesregierung, das weiß auch der Kanzler. Ich glaube, dass man inzwischen auch kommunikativ anders unterwegs ist.
WELT: Sie sagen, Sie wollen nach der Wahl die Spaltung im Land überwinden. Zunächst müssen Sie aber überhaupt eine Regierung bilden können. Wie soll das gehen, falls die AfD keine absolute Mehrheit erreicht?
Schulze: Das kann ich Ihnen heute nicht sagen, weil ich das Wahlergebnis nicht kenne. Ich kann Ihnen aber eins versprechen: Es wird keinen Minister der AfD und keine Ministerin oder keinen Minister der Linkspartei in meinem Kabinett geben.
WELT: Die Linke stellt bereits Bedingungen für den Fall, dass ihre Stimmen für Ihre Wiederwahl benötigt werden. Wäre eine solche Unterstützung ausgeschlossen?
Schulze: Ich beschäftige mich derzeit nicht mit den Forderungen der Linken. Mit dem AfD-Programm beschäftige ich mich deshalb, weil ich permanent danach gefragt werde. Vor allem aber beschäftige ich mich mit dem, was ich selbst machen möchte. Dafür brauche ich Mehrheiten, natürlich. Meine Aufgabe wäre es dann, Menschen auch im Landtag für Vorhaben zu gewinnen. Aber ich mache mich dafür weder von links noch von rechts abhängig. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich ziemlich hart sein kann und durchaus in der Lage bin, Themen durchzusetzen. Entscheidend ist für mich: Sie müssen im Interesse Sachsen-Anhalts sein.
WELT: Aber irgendeine Form der Zusammenarbeit mit der Linken könnte nach der Wahl notwendig werden.
Schulze: Wir haben heute den 31. August – das weiß ich deshalb so genau, weil heute mein Hochzeitstag ist. Warten wir das Wahlergebnis ab. Warum soll ich heute Koalitionsmodelle oder andere Konstruktionen durchspielen?
WELT: Im MDR-Duell haben Sie gesagt, Ihr AfD-Gegenkandidat Ulrich Siegmund habe erfolgreich das Gefühl erzeugt, in Sachsen-Anhalt sei plötzlich alles möglich. Macht ihn das so erfolgreich?
Schulze: Es ist in den vergangenen Wochen tatsächlich nicht gut gelaufen für uns, weil die AfD erfolgreich den Eindruck vermittelt hat, Sachsen-Anhalt sei ein Absteigerland. Sie sagt den Menschen sinngemäß: Ihr habt gar nichts auf die Reihe bekommen. Und das scheint bei manchen zu verfangen, auch wenn das falsch ist. Aber man muss die AfD auch fragen: Wo wollt ihr eigentlich hin, zurück in die Vergangenheit? In die 90er-Jahre, als wir vielen jungen Menschen sagen mussten, geht in den Westen, weil es hier keine Arbeit gibt? Oder zurück in die DDR?
WELT: Wie beurteilen Sie den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund persönlich? Der „Spiegel“ hat ihn als den „gefährlichsten Mann Deutschlands“ auf die Titelseite gehoben. Ist er das?
Schulze: Ich würde mir nicht zutrauen, ihn persönlich zu beschreiben, weil ich ihn tatsächlich kaum kenne, eigentlich nur aus dem Landtag. Was ich bewerten kann, sind zwei Dinge: Erstens umgibt er sich mit Menschen, die ich für gefährlich halte. Nehmen Sie den AfD-Abgeordneten im Landtag, Hans-Thomas Tillschneider, und die Bilder aus seinem Büro, über die Ihr Kollege Paul Ronzheimer berichtet hat. Wenn dort eine Tasse mit einem Symbol der russischen Armee steht, ist das eben nicht irgendein vergessener Gegenstand. Dinge, die man in seinem Büro sichtbar ausstellt, sagen etwas aus. Das sind die Menschen, mit denen Herr Siegmund sich umgibt. Und die zweite Gefahr ist aus meiner Sicht, dass er für unsere Probleme keine Lösungen hat.
WELT: Sie greifen die Russland-Nähe von Teilen der AfD sehr stark an. Gleichzeitig ist das Verhältnis zu Russland gerade in Ostdeutschland doch ein sensibles Thema.
Schulze: Natürlich. Zunächst will keiner von uns die russische Armee wieder auf unserem Boden stehen haben. Gleichzeitig müssen wir Verständnis dafür haben, dass gerade in Ostdeutschland teilweise anders über Russland gesprochen wird als in Westdeutschland. Wir haben mehr als 40 Jahre erlebt, was die sowjetische Präsenz für uns bedeutet hat.
Deshalb müssen wir besser als in vergangenen Jahren immer wieder erklären, warum bestimmte Schritte notwendig sind. Wenn es konkrete Anschlagsversuche gibt, wie im Fall der Drohnen auf dem Flughafen Leipzig-Halle, ist das keine Theorie mehr, sondern Praxis. Mein Verständnis vom deutschen Staat ist: Zuerst muss geklärt werden, wer dafür verantwortlich ist. Dann muss der Verantwortliche klar benannt werden – egal, wer es ist. Und anschließend müssen Konsequenzen folgen.
WELT: Halten Sie ein AfD-Verbot für sinnvoll?
Schulze: Ich bin kein Jurist und habe mich in den vergangenen Wochen und Monaten nicht intensiv genug mit den rechtlichen Voraussetzungen beschäftigt, um das seriös beurteilen zu können. Ich möchte die AfD bei Wahlen schlagen. Das ist im Moment schwierig, das ist klar. Aber selbst wenn eine absolute Mehrheit verhindert werden kann, dürfen wir nach der Wahl nicht einfach sagen: Noch einmal gut gegangen – und danach machen wir weiter wie bisher.
Wir müssen mit den Menschen reden. Ich treffe viele Wähler, die sagen: Beim vergangenen Mal habe ich AfD gewählt, diesmal überlege ich neu. Die Themen dieser Menschen sind auch meine Themen. Und wir dürfen als CDU nicht bestimmte Themen meiden, nur weil sie vermeintlich nicht auf unser politisches Konto einzahlen. Genau das war in der Vergangenheit ein Fehler.
WELT: Ein anderes Thema, das gerade viele Menschen beschäftigt, sind die hohen Spritpreise. Aus Mecklenburg-Vorpommern kam der Vorschlag eines staatlichen Tankpreisdeckels, finanziert über eine Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne. Was halten Sie davon?
Schulze: Die Spritpreise sind im Moment so hoch, dass das für Flächenländer auf Dauer ein Riesenproblem ist. Eine Übergewinnsteuer halte ich allerdings für schwierig, schon weil man definieren muss, was ein Übergewinn überhaupt ist und wie man ihn ermittelt. Es gibt Untersuchungen und eine Kommission, aber ich sehe bisher keine wirklich überzeugende Lösung. Auch das Bundeskartellamt hat es bei international agierenden Konzernen nicht so einfach, wie man sich das manchmal vorstellt. Fakt ist: Auf dem jetzigen Niveau dürfen die Spritpreise nicht dauerhaft bleiben. Für Flächenländer wie Sachsen-Anhalt ist das nicht durchzuhalten.
Helge Fuhst ist Vorsitzender der Chefredaktionen der Premium-Gruppe (WELT, „Politico“ und „Business Insider“).
Nikolaus Doll berichtet über die Unionsparteien und die Bundesländer im Osten.
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