Queen Elizabeth sprach in ungewohnter Offenheit von einem „annus horribilis“. Das war 1992, in einer Rede zum 40. Jahrestag ihrer Thronbesteigung. Es war tatsächlich ein „schreckliches Jahr“ für die royale Familie, so ihre Majestät.
Nur Tage zuvor hatte Windsor Castle gebrannt. Und die Schlagzeilen in der Boulevardpresse ließen nicht nach: Ihr Sohn Andrew trennte sich von seiner Frau Sarah, seine Schwester Anne ließ sich scheiden, intimste Details über die Ehekrise von Prinzessin Diana und Prinz Charles gelangten an die Öffentlichkeit. Zwei Wochen nach der Rede gaben auch die beiden ihre Trennung bekannt.
Auch die vergangenen zwölf Monate waren keine gute Zeit für die Royals. Die Familie, die eine gespaltene Nation immer wieder kulturell vereinen konnte und für Stabilität in politisch turbulenten Zeiten sorgte, wirkt selbst zerstritten und angeschlagen. Andrew ist durch seine Verwicklungen in den Epstein-Skandal in Ungnade gefallen und büßte seine Privilegien ein. Zudem wurde das Königshaus von schweren Erkrankungen heimgesucht. Sowohl König Charles als auch Prinzessin Kate gingen erstaunlich offen mit ihren Krebsleiden um.
Vergangene Woche kam dann eine überraschende Botschaft aus den USA: Prinz Harry und Meghan kehren ins Vereinigte Königreich zurück. 2020 waren sie aus dem Familienbetrieb ausgestiegen, um ihr Glück in Hollywood zu suchen – „Megxit“, so spottete die britische Presse.
Am Mittwoch landeten sie mit einem Privatjet wieder in Birmingham, von wo aus sie laut „Telegraph“ von zwei Fahrzeugen mit verdunkelten Scheiben und einem Transporter zu ihrer neuen Residenz an einem unbekannten Ort gebracht wurden. Die Ankunft erfolgte still und ohne offiziellen Empfang. Laut BBC gab es nicht einmal eine Polizeipräsenz, da das Paar sich selbst um seine Sicherheit kümmern muss.
Medial hat die Entscheidung des Herzogs und der Herzogin von Sussex, sich wieder in Großbritannien niederzulassen, für einen gewaltigen Rummel und viele Spekulationen gesorgt, auch wenn über ihre Pläne bislang nur wenig bekannt ist.
Für das Königshaus sei die Rückkehr „sowohl ein potenzielles Problem als auch eine potenzielle Chance“, sagt der Palast-Experte Ed Owens, der zwei Bücher über die britische Monarchie geschrieben hat, im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. Falls es zu einer offiziellen Versöhnung kommt, traut Owens Meghan und Harry zu, das Image des Königshauses bei jungen Briten zu verbessern, unter denen es besonders gelitten hat.
Prinz William (l.) mit dem damaligen Prinzen Charles und seiner Frau Camilla (r. mittig) sowie Prinz Harry (r. oben) im September 2022 bei der Beerdigung der QueenGegangen waren die einstigen Hoffnungsträger der Royals im Streit. Und ungetrübte Freude ist im Palast auch über die Heimkehr nicht zu spüren. Es gebe keine Garantie dafür, dass Harry, Meghan und ihre Kinder, erst fünf und sieben Jahre alt, dieses Jahr überhaupt zum traditionellen Weihnachtsfest im Sandringham House eingeladen werden. Das entscheide allein der König, heißt es – Harrys Vater.
Dessen Thron verliert messbar an Rückhalt. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos ziehen nur noch 55 Prozent der Briten eine Monarchie einer Republik vor – der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung 1993. Bei den 18- bis 34-Jährigen hat sich das Verhältnis inzwischen umgekehrt: Nur 33 Prozent sind für die Monarchie, 45 Prozent für eine Republik.
Das hat auch mit dem Tod von Königin Elisabeth II. im September 2022 zu tun. „Ein großer Teil der Beliebtheit der Monarchie war ihr zu verdanken, sie war eine Persönlichkeit, die weit über die Monarchie hinauswirkte“, sagt Craig Prescott, der an der Universität Royal Holloway bei London forscht.
Die Monarchie ist „schlecht für unsere Demokratie“
Graham Smith reicht diese Erklärung nicht. Der Chef der Kampagnenorganisation „Republic“ streitet seit Jahren für die Abschaffung der Monarchie. „Diese Institution ist schlecht für unsere Demokratie“, sagt er. „Sie wird den Maßstäben nicht gerecht, die wir von Menschen im öffentlichen Leben erwarten: Sie ist korrupt, undurchsichtig, verschwenderisch und scheint über dem Gesetz zu stehen.“
Das Verhalten des ehemaligen Prinzen Andrew hat der Institution am meisten geschadet, so sehen es viele Briten. Andrew Mountbatten-Windsor, wie der 66-Jährige jetzt heißt, wurde im vergangenen Herbst aller Titel enthoben – seines Herzogtitels, seiner Ritterorden, seines Ehrenrangs bei der Royal Navy. Selbst sein Profil auf der offiziellen Webseite der Royal Family wurde gelöscht.
Im Zentrum der Kritik steht seine Freundschaft mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, der 2019 in New Yorker Untersuchungshaft tot aufgefunden wurde. Virginia Giuffre, die als Minderjährige Opfer von Epsteins internationalem Menschenhandelsring wurde, warf Mountbatten-Windsor vor, sie vergewaltigt und missbraucht zu haben.
Mountbatten-Windsor bestreitet das bis heute vehement. Er einigte sich dennoch in einem außergerichtlichen Vergleich auf eine Zahlung von schätzungsweise zwölf Millionen Pfund (etwa 14 Millionen Euro) an Giuffre, die sich 2025 das Leben nahm. Das Geld soll größtenteils aus dem Vermögen der königlichen Familie gekommen sein.
Seine Freundschaft mit Epstein wurde für Mountbatten-Windsor noch aus einem anderen Grund zum Verhängnis. Im Februar wurde er von der britischen Polizei vorläufig festgenommen und verhört, sein Haus durchsucht – ausgerechnet an seinem Geburtstag. Ihm wird Amtsmissbrauch vorgeworfen. Er soll als Handelsbeauftragter der Regierung vertrauliche Dokumente an Epstein durchgestochen haben.
Der Ausgang der Ermittlungen ist noch ungewiss. Ein Foto von jenem Tag hat sich jedoch bereits tief in das kulturelle Gedächtnis des Landes eingebrannt: Mountbatten-Windsor legt sich, nach einem elfstündigen Gewahrsam auf der Polizeiwache, im Fond eines Autos zurück, um sich vor der Presse zu verstecken – mit locker gefalteten Händen und großen, ängstlichen Augen.
„Die Institution der Monarchie hat diese Person gewissermaßen hervorgebracht – jemanden mit einem angeborenen Anspruchsdenken, der seine Stellung als Mitglied der königlichen Familie missbraucht hat“, sagt Prescott. Der Vorwurf des Amtsmissbrauchs wiege besonders schwer: „Das verletzt den Kern der Monarchie, denn es geht um den Dienst an der Öffentlichkeit – und er ist das genaue Gegenteil davon.“ Ähnlich sieht es Owens: Dass die Königin offenbar bereit war, mit ihrem eigenen Vermögen eines von Epsteins Opfern zu entschädigen – „das ist wirklich ein riesiger Schandfleck für ihr Vermächtnis“, sagt er.
Durch den Skandal um Mountbatten-Windsor sind die Finanzen der Familie stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Für die Royal Lodge, sein 30-Zimmer-Haus auf dem königlichen Anwesen in Windsor, zahlte er nach Zahlung einer Prämie von rund einer Million Pfund vertraglich nur „ein Pfefferkorn (falls verlangt)“ pro Jahr. Drei Cottages auf dem Grundstück untervermietete er und behielt die Einnahmen.
Nun ziehen Prinz Harry und Meghan wieder zurück. Beliebt sind sie im Land nicht: Ihn sehen 33 Prozent, sie nur 22 Prozent der Briten in einem positiven Licht, ergab eine YouGov-Umfrage im Juli. Viele nehmen es den beiden übel, dass sie mit der Institution und mit der Tradition gebrochen haben, um ihren eigenen Weg zu gehen und eine kommerzielle Marke aufzubauen.
Meghan wird als korrumpierender Einfluss wahrgenommen. Ihr wird vorgeworfen, die Spielregeln des Hofs und der Presse zu ignorieren und sich gleichzeitig profilieren zu wollen. Harrys Autobiografie „Spare“ („Reserve“) von 2023, in der er viele Familiengeheimnisse lüftete, machte ihn nicht beliebter.
Kalifornische Karriere blieb hinter Erwartungen zurück
Zur Wahrheit gehört aber auch: Die britische Presse macht ein gutes Geschäft mit den Royals – und Stimmungsmache gegen Harry und Meghan verkauft sich gut. Das Paar wiederum geht juristisch mit aller Konsequenz gegen die Presse vor – Prinz Harry hat einen Prozess gegen die „Daily Mail“ verloren und muss zusammen mit sechs weiteren Prominenten insgesamt bis zu 34,5 Millionen Pfund zahlen.
Die kalifornische Karriere des Paares blieb hinter den Erwartungen zurück. Harry und Meghan kamen in den USA mit üppigen Deals mit Spotify und Netflix im Gesamtwert von rund 120 Millionen Dollar an, doch sie gehen ohne den großen Durchbruch. Außer der sechsteiligen Serie „Harry & Meghan“, dem besten Dokustart in der Geschichte von Netflix, waren ihre Serien Flops. Der Exklusivvertrag wurde 2025 durch einen deutlich kleineren First-Look-Deal ersetzt. Für Spotify realisierten sie lediglich eine einzige Podcast-Reihe mit zwölf Folgen – für 20 Millionen Dollar. Ein Spotify-Manager beschimpfte das Paar hinterher als „verdammte Betrüger“.
Harry und Meghan, 41 und 45 Jahre alt, hätten der königlichen Familie dennoch etwas zu bieten, glaubt Prescott. „Die Monarchie hat ein echtes Problem mit jungen Menschen“, sagt er. „Die Royal Family hat ihr Vertrauen verloren und muss wieder eine Verbindung zu den Unter-25-Jährigen herstellen.“ Harry und Meghan hätten eine Bereicherung für die Familie sein können, so Prescott weiter. „Institutionell gesehen wurde da eine große Chance verpasst.“
Owens glaubt: „Junge Menschen, die sich mit der eher progressiven politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Agenda von Harry und Meghan identifizieren, würden sich ihnen noch stärker verbunden fühlen, auch wenn sie keine aktiven Mitglieder des Königshauses wären – sofern es zu einer Versöhnung käme.“ Ein erster Schritt: Im Juli hatte Charles Sohn, Schwiegertochter und Enkel empfangen.
Die Zukunft der Monarchie hänge vor allem davon ab, so Owens, ob es dem künftigen König Prinz William und Prinzessin Kate gelingt, das Königtum zu modernisieren und zukunftssicher zu machen. Der Monarchie-Gegner Smith gibt seine Hoffnung nicht auf. „Große Dinge können schnell geschehen, alles ist möglich“, sagt er. Schließlich habe niemand mit dem Brexit gerechnet.
Nicholas Potter ist Chefreporter der PREMIUM-Gruppe (WELT, „Politico“, „Business Insider“).
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