Samstagvormittag im Alten Theater Magdeburg. Eine Woche vor der Landtagswahl tritt der AfD-Landesvorsitzende Martin Reichardt auf die Bühne. Die Jugendorganisation der Rechtsaußen-Partei, die sich seit einer Neugründung im vergangenen Jahr Generation Deutschland (GD) nennt, hat zu ihrem zweiten Bundeskongress geladen.

Reichardt, der auch im Bundesvorstand seiner Partei sitzt, ist in der AfD und im Bundestag für radikale Reden bekannt. Seinem Image wird der 57-Jährige auch an diesem Tag gerecht. „Vater Staat ist ein nach Dope stinkender fauler Asi, der sein Geld fürs Nichtstun bekommt, um regelmäßig die Internationale zu lallen“, ruft er.

Martin Reichardt

Die Muttersprache sei ein „aufgedunsenes, intersektionales, feministisches Flittchen“ mit grünen und zersausten Haaren, „weil Vater Staat sie dreimal täglich durchgendert“. Der Saal tobt. „Wir werden der verlotterten deutschen Linken das Sorgerecht für Deutschland entziehen!“, ruft der Bundestagsabgeordnete noch – und ist aufgrund des lauten Jubels kaum noch zu verstehen.

Reichardt wird für den Fall einer AfD-Regierung unter Ulrich Siegmund als Leiter der Staatskanzlei gehandelt. Siegmund, seit Monaten im Dauerwahlkampf, wird am späten Samstagnachmittag vom ganzen Saal als Stargast bejubelt. In seiner Rede lobt der 35-Jährige zunächst „sehr klare und notwendige Worte“, die sein Landeschef Reichardt gefunden habe.

Dann gibt er bezüglich des Ausgangs der Landtagswahl einen Ausblick auf zwei Szenarien. Sollte die AfD die absolute Mehrheit knapp verfehlen, wäre das der „Anfang einer neuen Zeit in allen anderen Bundesländern und auch auf Bundesebene“, prophezeit er – schließlich müsste die CDU dann mit der Linkspartei zusammenarbeiten.

„Das würde diese Partei über kurz oder lang zerreißen“, sagt Siegmund. „Dann klappt es halt bald in Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Rheinland-Pfalz, überall in Deutschland.“ Das werde aber ohnehin nicht passieren. „Wir werden hier Geschichte schreiben“, ruft er, das Publikum applaudiert stehend. Für seine jungen Parteifreunde hat er noch einen Rat: „Verliert nicht die Liebe zu unserem Vaterland!“

Jean-Pascal Hohm (l) und Ulrich Siegmund

Die AfD hatte die Vorgängerorganisation Junge Alternative im vergangenen Jahr aufgelöst, da der offiziell unabhängige Verein vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft worden war und diesem ein Verbot drohte. Die Bundesspitze war der Ansicht, bei Grenzüberschreitungen durch eine Eingliederung der Jugend in die Partei besser durchgreifen zu können.

Mit einer inhaltlichen Mäßigung geht die Neugründung allerdings nicht einher, das wird auch an diesem Tag erneut deutlich. Etwa bei der Neuwahl eines Beisitzerpostens für den Bundesvorstand. Diese war notwendig geworden, da der im November 2025 gewählte Beisitzer Kevin Dorow von der AfD-Spitze zum Rücktritt gedrängt wurde – unter anderem, weil dieser in seiner Bewerbungsrede die Parole „Jugend muss durch Jugend geführt werden“ verwendet und geschrieben hatte, es sei „vernünftig, zwischen dem ‚Passdeutschen‘ und dem ‚Volksdeutschen‘ zu unterscheiden“.

Die Parole hatte die Hitlerjugend aus der völkisch geprägten Jugendbewegung übernommen und zu einem zentralen Leitsatz gemacht. Dorows Äußerungen legten „jedenfalls in ihrer Gesamtheit offensichtlich eine Nähe zum Nationalsozialismus“ nahe, schrieb der Bundesvorstand um Alice Weidel und Tino Chrupalla in einem WELT vorliegenden Papier, mit dem man den Parteiausschluss beantragen wollte. Der Antrag wurde dann nach einem Proteststurm aus dem besonders radikalen Lager zurückgezogen – unter der Bedingung eines Ämterverzichts.

Der neue Beisitzer im Jugend-Bundesvorstand, Tim Demuth, bezeichnet Dorow in seiner Bewerbungsrede am Samstagnachmittag als „einen unserer herausragendsten Vertreter“. „Europäer zu sein“, sagt er weiter, „ist mehr als nur der Besitz einer Staatsangehörigkeit, es ist die Fortführung einer uralten Traditionslinie und sie wird auch mit uns nicht enden“. Der „Brüsseler Apparat“ der Europäischen Union sei jedoch „mit antideutscher und antiweißer Ideologie besetzt“. Demuth wird mit 87,7 Prozent in die GD-Bundesspitze unter dem Vorsitzenden Jean-Pascal Hohm gewählt.

Hohm nutzt den Bundeskongress, um seine Forderung von millionenfachen Abschiebungen zu wiederholen. „Millionen sind gegen Recht und Gesetz in dieses Land gekommen, Millionen müssen dieses Land wieder verlassen“, ruft er auf der Bühne. „Deutschland muss das Land der Deutschen bleiben, dieser Grundsatz ist nicht verhandelbar.“ Man werde „entschlossen dafür kämpfen, dass die ethnokulturelle Identität unseres Volkes erhalten bleibt“.

Der 29-Jährige verweist darauf, dass die GD mittlerweile vier Plätze in der AfD-Parteispitze besetzt. Weitere dortige Funktionäre wurden in der Jugendorganisation politisch sozialisiert. „Die vermeintliche Altherrenpartei hat mittlerweile den jüngsten Bundesvorstand aller Parteien in Deutschland“, sagt er. Das kann er auch als eigenen Erfolg und Beitrag für die Professionalisierung der Jugend und Partei verbuchen.

Für den AfD-Bundesvorstand ist der Brandenburger Landtagsabgeordnete Dennis Hohloch vor Ort. In Zusammenhang mit dem demografischen Wandel sagt der 37-Jährige, es brauche nicht mehr Wohnungen, Kitas, Schulen und Lehrer, da die Bevölkerung schrumpfe. „Wir als AfD sagen ganz klar: Deutschland braucht keine 80 Millionen, es kann auch mit 60 Millionen leben“, sagt er.

Radikale Töne sind auf der Bühne auch bei mehreren Gastreden von Vertretern internationaler Jugendorganisationen zu hören. „Wir in Ungarn blicken auf euch als letzte Widerstandskämpfer für ein christliches und weißes Europa“, ruft Csaba Binder von der Jugendorganisation der rechtsextremen Partei Mi Hazánk. „So wie ihr in der jüngeren Geschichte oft auf die Ungarn zählen konntet, werden wir nun Hand in Hand an eurer Seite stehen.“

Melanie Mair von der Jungen Süd-Tiroler Freiheit sagt in ihrer Rede mit Bezug auf deutschsprachige und italienischsprachige Schüler in ihrer Heimat: „Vermischung kann keine Option für uns sein.“ Mair hatte in Südtirol kürzlich für Aufregung gesorgt, da sie am Sommerfest des neurechten Verlags Antaios in Schnellroda teilgenommen hatte.

Verleger Götz Kubitschek ist am Sonntag auch beim Bundeskongress der GD mit einem eigenen Stand vor Ort, ebenso wie Oliver Hilburger vom Verein Zentrum, der als Gewerkschaft auftritt. Hilburger war zwischen 1989 und 2009 – also bis in seine späten Dreißiger – Teil der Neonazi-Rockband „Noie Werte“.

Das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg hatte Hilburger 2008 des Amtes als ehrenamtlicher Richter beim Arbeitsgericht Stuttgart enthoben, da die Liedtexte seiner Band laut Beschluss „Assoziationen zum nationalsozialistischen Regime“ weckten und „gewaltverherrlichend“ seien.

Hier zeigt sich auch ein Konflikt mit der Bundesspitze der AfD – schließlich war es insbesondere die Chefin Weidel, die sich 2021 innerhalb des Vorstands erfolgreich dafür eingesetzt hatte, Hilburgers Verein auf die Unvereinbarkeitsliste der Partei zu setzen. Weidel sprach damals öffentlich von einem „hochtoxischen Verein“. Auf dem Bundesparteitag im Juni 2022 entschied die AfD dann allerdings, den Verein wieder von der Liste zu streichen. In Magdeburg gibt es nun erneut den offenen Zusammenschluss.

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