Der frühere österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz gilt als vehementer Verfechter eines Anti-Migrations-Kurses. In einem Interview zu seinem 40. Geburtstag sagt er bei der Zuwanderung eine weitere Dynamik voraus: In wenigen Jahren werde es darum gehen, Migranten nicht nur an den Grenzen zurückzuweisen, sondern sie in größerem Stil außerhalb Europas zu bringen.

„Es wird selbstverständlich sein, dass man niemand mehr hineinlassen möchte – und es wird noch wesentlich restriktiver werden“, sagt Kurz der Nachrichtenagentur dpa. Generell empfiehlt der Konservative den Konservativen in Europa klare Ansagen. „Ganz oft trauen sich bürgerliche Kräfte nicht, das auszusprechen, was sie sich denken.“

Er selbst war in den mehr als drei Jahren seiner Kanzlerschaft bekannt für politische Formeln, die nicht zuletzt die Fans der rechtsnationalen FPÖ anlocken sollten – und sie tatsächlich scharenweise zu den Konservativen wechseln ließen. Kurz gewann für die ÖVP zwei Wahlen spektakulär.

Migrationspolitik habe Aufstieg der AfD begünstigt

Den Aufstieg der AfD sieht er durch das Verhalten der anderen Parteien und die Migrationspolitik unter der damaligen deutschen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stark begünstigt. „Durch die Politik der offenen Grenzen ist die AfD stark gewachsen“, sagt der ehemalige Regierungschef. „Die Ab- und Ausgrenzung durch alle anderen Parteien fördert auch noch ein Alleinstellungsmerkmal.“

Kurz 2025 nach dem Ende einer Berufungsverhandlung am Oberlandesgericht

Zum Interview habe Kurz die dpa in seinem Büro in Wiener Bestlage empfangen. Er sei seinem Auftreten treu geblieben, heißt es: der Slim-Fit-Anzug, das betont freundliche, unprätentiöse Zugehen auf andere Menschen, sein fokussierter Blick auf ausgewählte Themen.

Sein Unternehmen ist milliardenschwer

Der inzwischen zweifache Vater galt einst als Hoffnungsträger vieler Konservativer in Österreich, aber auch darüber hinaus. In Deutschland wurde er zeitweise als mögliches Vorbild für die Union gefeiert.

Doch sein Abschied von der Politik 2021 war nicht freiwillig. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Kurz wegen möglichen Fehlverhaltens in der „Inseraten-Affäre“ legte ihm der grüne Koalitionspartner den Rücktritt nahe. Das Oberlandesgericht Wien hatte Kurz in einem anderen Fall von einem Vorwurf der Falschaussage freigesprochen.

Kurz, in Wien geboren, begann eine zweite Karriere als Unternehmer. „Ich hatte zunächst keinen Plan“, gibt er zu. Aber nach vielen Gesprächen und Kontakten bekam er die Chance zur Mitgründung des KI-Unternehmens Dream, das seine Produkte Regierungen und Betreibern kritischer Infrastruktur anbietet.

Von seinen ursprünglich 33 Prozent der Anteile hält er aktuell noch 15 Prozent. Das Unternehmen, das in Wien, Abu Dhabi und Tel Aviv rund 350 Mitarbeiter beschäftigt, wurde zuletzt auf drei Milliarden Dollar geschätzt. „Ich bin finanziell unabhängig“, sagt Kurz über seinen wirtschaftlichen Erfolg.

Wohlstand Europas sei durch KI bedroht

Die wichtigste Frage heute sei die der Wettbewerbsfähigkeit Europas, so der ehemalige Regierungschef. Viele Menschen in Deutschland und Österreich seien sich nicht bewusst, wie dramatisch ihr Wohlstand in einer von KI bestimmten Welt bedroht sei, sagt der Mitinhaber einer KI-Firma. Große Energieprojekte, Bildung, der Kampf um die besten Köpfe und der unbedingte Wille, zu den Gewinnern der neuen Ära zu zählen, wären aus seiner Sicht zentrale Punkte, die die Politik verkörpern müsste. „Ich habe das Gefühl, im Moment ist das Gegenteil der Fall.“

All diese Aussagen und Bemerkungen mache er als politischer Beobachter, eigene politische Ambitionen seien daraus nicht abzuleiten, betont der Ex-Regierungschef. Für innenpolitisches Aufsehen sorgte zuletzt ein Treffen von Kurz mit FPÖ-Chef Herbert Kickl. Der Vorgang ist nicht ohne Brisanz. Kickl hat beste Chancen, bei Wahlen als deutlicher Sieger hervorzugehen. Und Kickl war unter Kurz Innenminister, der auf Druck des Kanzlers seinen Stuhl räumen musste. „Man soll das Gespräch nicht überinterpretieren. Ich treffe mich mit unterschiedlichen Politikern und Weggefährten“, sagt Kurz jetzt dazu.

Kurz selbst steht möglicherweise noch eine Anklage ins Haus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Inseraten-Affäre. Der Verdacht: Unter Mitwissen von Kurz soll Steuergeld aus Ministerien genutzt worden sein, um politisch nützliche Umfragen und wohlwollende Medienberichterstattung zugunsten von Kurz und der ÖVP zu finanzieren. Der Beschuldigte bezeichnet das Ganze als „haarsträubendes Verfahren“. „Ich habe eines gewonnen, das Zweite werde ich noch gewinnen“, sagt Kurz mit Blick auf seinen Freispruch zum Vorwurf der Falschaussage in einem Untersuchungsausschuss.

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