Laila A.* schreibt gerade einen Artikel, als ihr Telefon klingelt. Ihr Herz beginnt zu rasen, in ihrem Kopf spielen sich alle möglichen Schreckensszenarien ab. „In einem derart stressigen Umfeld zu arbeiten, ist extrem schwierig und belastend. Man lebt jeden Augenblick mit der Angst, dass etwas passieren könnte“, sagt sie.

Ihr richtiger Name ist WELT bekannt, wurde aus Sicherheitsgründen aber geändert. Laila A. ist Reporterin in Afghanistan. Seitdem die radikalislamischen Taliban das Land vor fünf Jahren erneut in ihre Gewalt gebracht haben, kann sich hinter jedem Geräusch eine Bedrohung verbergen.

Am 15. August 2021 fiel Afghanistans Hauptstadt Kabul an die Taliban, zwei Wochen später verließen die letzten amerikanischen Truppen das Land. Das Ende von zwei Jahrzehnten internationaler Militärpräsenz und westlicher Aufbauarbeit. Nach dem angekündigten Abzug der Truppen hatte die Miliz das Land in rasender Geschwindigkeit erobert, die international unterstützte afghanische Regierung brach innerhalb weniger Tage zusammen.

Die Bilder vom Flughafen Kabul gingen um die Welt: Tausende Menschen versuchten, in letzter Minute aus dem Land zu fliehen, einige klammerten sich verzweifelt an ein startendes Flugzeug der US-Luftwaffe.

16. August 2021: Dramatische Szenen auf dem Flughafen Kabul

Maryam R.*, auch sie heißt eigentlich anders, berichtete damals über die Eroberung der einzelnen Provinzen. Sie erinnert sich noch genau, was sie an diesem Sonntag vor fünf Jahren anhatte: „ein langes, sehr elegantes Kleid, hohe schwarze Stiefel und wie immer mein Kopftuch“.

Maryam saß am Computer in Kabul und veröffentlichte im Minutentakt Nachrichten über das Vorrücken der Taliban in den sozialen Medien. „Unsere Quellen aus den Provinzen berichteten voller Angst von ihrer Anwesenheit. Mein Herzschlag wurde von Minute zu Minute schneller. Wir waren völlig aufgelöst. Das Geräusch von Schüssen und Raketen kam immer näher.“

Die Bevölkerung hungert, Frauen sind entrechtet

In den vergangenen fünf Jahren haben die Taliban ihre Macht konsolidiert. Zwar sind Anschläge und Kämpfe seitdem stark zurückgegangen, doch die Rechte der Bevölkerung wurden stark eingeschränkt. Frauen und Mädchen wurden aus dem öffentlichen Leben gedrängt, haben keinen Zugang mehr zu weiterführender Bildung. Ihre Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt; vielerorts werden ihnen etwa Transporte, Behördengänge oder medizinische Leistungen ohne männlichen Begleiter verweigert.

Auch die humanitäre Situation ist dramatisch: Nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen benötigen rund 22 Millionen Menschen – fast die Hälfte der Bevölkerung – humanitäre Hilfe. Die Unterernährung habe ein bislang nicht dagewesenes Ausmaß erreicht, warnte zuletzt das Welternährungsprogramm. 47 Prozent der Minderjährigen hätten im ersten Quartal nicht ausreichend zu essen gehabt.

Grundschule in der Region Kandahar im Juli

Eine freie Presse gibt es nicht mehr: Afghanistan belegt in der weltweiten Rangliste von Reporter ohne Grenzen Platz 175 von 180. Trotz der lebensgefährlichen Bedingungen berichten Journalisten weiterhin aus dem Land. Einige arbeiten für afghanische Exilmedien wie 8AM Media, das seinen Sitz in Kanada hat. Im Gespräch mit WELT schildern mehrere Reporterinnen, wie sie den Fall Kabuls erlebt und wie sehr sich das Land und ihr Alltag seitdem geändert haben.

15. August 2021, 10 Uhr. Die Taliban haben Kabul erreicht, erste Videos kursieren in den sozialen Medien. Maryams Kolleginnen und Kollegen stellen ihre Arbeit ein. Sie ist die letzte Frau, die die Redaktion verlässt. Zu Fuß macht sie sich auf den Heimweg.

„Draußen herrschte ein unglaubliches Verkehrschaos. Es gab kein Durchkommen“, berichtet sie. Das Gesicht der Stadt hatte sich innerhalb weniger Stunden verändert. „Talibankämpfer mit langen Haaren und Raketen auf den Schultern standen in Gruppen an Kreuzungen und Straßen“, berichtet die Journalistin. „Die Angst ergriff mich. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass alle Wege vor mir verschlossen wurden. Mit Schlössern, deren Schlüssel verloren gegangen waren.“ Und genau dieses Gefühl sei seitdem mit jedem Tag mehr zur Realität geworden.

Vor 2021 hatte das noch ganz anders ausgesehen, berichtet ihre Kollegin Laila A.: „Wir hatten Zugang zu guter Technik, konnten unsere Meinung frei äußern und selbst entscheiden, wie wir uns kleideten.“

Heute ist davon nichts mehr übrig. Die Taliban knüpfen die Arbeit von Journalistinnen an Bedingungen, die kaum zu erfüllen sind. „Manchmal erklärten sie, Frauen dürften nicht teilnehmen, wenn das Publikum überwiegend aus Männern besteht, oder es müsse eine größere Anzahl von Journalistinnen anwesend sein.“ Einige lokale Medienorganisationen arbeiten mit einer Lizenz der derzeitigen Machthaber. Eine kritische Berichterstattung über die Taliban ist untersagt.

Eingesperrt in den eigenen vier Wänden

Laila A. verbringt ihre Tage in einer Ecke ihres Zimmers am Computer. „Ich treffe meine Kollegen nie persönlich und höre nicht einmal ihre Stimmen.“ Ihre Arbeit unter einem Pseudonym fühlt sich an, als lebe sie mit zwei Identitäten. „Manchmal weiß man nicht, welche man annehmen soll. Die Person, die man wirklich ist, oder die Identität, die man sich geschaffen hat, um in Sicherheit zu bleiben.“

UN Women berichtete kürzlich unter Berufung auf eine repräsentative Umfrage, dass rund 50 Prozent der befragten Frauen in Afghanistan nur zweimal oder seltener im Monat ihr Haus verlassen. Eine Realität, in der auch Samira N.* lebt. Am Telefon spricht sie mit leiser, aber bestimmter Stimme. „Ich habe das Gefühl, dass ich vor meinem Computer sitze und mit Robotern rede“, sagt sie. Samira N. ist seit etwa drei Monaten als Übersetzerin und Redakteurin tätig.

Taliban Anfang September 2021 in Kandahar

Die Arbeit ist psychisch enorm belastend. „Es gibt Tage, an denen ich während der Arbeit anfange zu weinen. Es geht um Fälle von Frauen, die brutal misshandelt und Opfer von Gewalt wurden. Jeden Tag schreibe oder übersetze ich Texte über Inhaftierungen, gezielte Tötungen, Vergewaltigungen, Belästigungen, Entführungen und psychische Probleme“, berichtet sie.

Während viele junge Frauen in Afghanistan ihre Ausbildung aufgeben mussten, gehört N. zu den wenigen, die weiterstudieren. Rund ein Jahr nach dem Ende des Präsenzunterrichts erhielt sie ein Stipendium für ein Online-Studium. Doch auch das wird von ständiger Angst begleitet. „Einige Schülerinnen und Schüler haben bereits Anrufe und Nachrichten von unbekannten Nummern erhalten. Ich habe immer im Hinterkopf, dass ich vielleicht morgen an der Reihe bin.“

Prekäre Lage für frühere Ortskräfte

Verschärft wird die humanitäre Lage im Land durch starke Migration: Seit September 2023 sind nach UN-Angaben fast 5,9 Millionen Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt – ein Bevölkerungsanstieg von zehn bis zwölf Prozent. Insbesondere die Nachbarländer Pakistan und Iran haben ihre Regelungen verschärft. Viele Flüchtlinge reisen zurück in die Heimat, um der Abschiebung zuvorzukommen. Mehr als 90 Prozent der Rückkehrer leben nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks von weniger als fünf Dollar am Tag.

Laila A. sagt, viele kämen ohne Zuhause und Arbeit zurück. Manche fühlten sich in Afghanistan wie Fremde, weil sie etwa im Iran aufgewachsen seien und mit iranischem Akzent sprächen, erlebten Diskriminierung und soziale Ausgrenzung.

Besonders prekär sei die Lage für Menschen, die für internationale Akteure gearbeitet hätten, sagt die Journalistin. Dazu gehören auch ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr, die mit dem Abzug der internationalen Truppen das Land verlassen hatte. „Besonders gefährdet sind ehemalige Sicherheitskräfte, Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und frühere Nato-Mitarbeiter: Sie müssen fürchten, von den Taliban erkannt, festgenommen oder getötet zu werden, und leben deshalb teilweise versteckt“, sagt Maryam R.

„Mein Vater war früher Mitglied der afghanischen Sicherheitskräfte“, erzählt ihre Kollegin Mina H.*. Bis zum Zusammenbruch der Regierung hatte er in der Armee gedient, danach wurde ihm eine Evakuierung zugesichert. „Es gibt Hunderte, gar Tausende Menschen, denen eine Evakuierung versprochen wurde. Manche erhielten E-Mails, die es bestätigten und sie informierten. Aber sie wurden nie evakuiert“, sagt sie.

Fünf Jahre nach dem Fall Kabuls hat die Welt Afghanistan nahezu vergessen. Der Krieg in der Ukraine, die Eskalation im Nahen Osten: Die USA und Europa haben ihren Blick auf andere Regionen der Welt gerichtet. Die Journalistinnen in Afghanistan leben von Tag zu Tag. Ihre Hoffnung haben sie nicht aufgegeben. Und so schreiben sie weiter.

*Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt und wurden aus Sicherheitsgründen geändert.

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