Die Nacht war laut in Kiew: 24 ballistische Raketen, vier Hyperschall-Raketen sowie 115 Drohnen hat Russland in der Nacht auf Mittwoch nach ukrainischen Angaben auf die Hauptstadt abgefeuert. Eingesetzt wurde dabei auch Streumunition. In mehreren Stadtteilen und Vororten standen Häuser und Lagerhallen in Flammen. Mindestens 17 Menschen wurden nach aktuellem Stand bei den Angriffen getötet. Präsidentenberater Serhij Beskrestnow schrieb auf Facebook, der Zermürbungskrieg sei in eine neue Phase eingetreten: „Der Feind greift wahllos alles an – Einzelhandelslager, Lebensmittellager, Logistikzentren, Unternehmen, Baustofflager.“
Dabei hatte das Jahr 2026 mit positiven Meldungen für die Ukraine begonnen. Inzwischen zeigt sich ein gemischtes Bild: was die Lage an der Front angeht, bei den russischen Luftangriffen, als auch, was die politische Lage in der Ukraine betrifft, sowie ihre Beziehungen zu den Verbündeten.
„Abfangmunition für ballistische Raketen hätte die Leben derjenigen retten können, die heute getötet wurden“, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nach dem Angriff in der Nacht auf Mittwoch.
Und weiter: Die Partner der Ukraine müssten verstehen, dass jede verspätete Lieferung, jede Weigerung, Raketenabwehr bereitzustellen, zu Tod und Zerstörung führe. Die ukrainische Flugabwehr hatte zwar 98 der 115 Drohnen abfangen können – dafür aber keine einzige der 24 ballistischen Raketen.
Diese Zahl illustriert anschaulich die Lage, in der sich die Ukraine befindet. Bei der Abwehr von Drohnen ist sie hocheffizient. Bei der Abwehr ballistischer Raketen hingegen ist Kiew auf das amerikanische Patriot-System angewiesen. Allerdings ist die Lieferung von Munition für dieses System, vor allem auch die Herstellung derselben in Lizenz, zum politischen Streitfall geworden.
„Den Ukrainern gehen die Interzeptoren aus“, sagte der Politologe Carlo Masala dem Nachrichtensender WELT. Russland nutze das aus, feuere alles Ballistische auf die Ukraine, was sich in seinen Arsenalen befinde. In der Nacht auf Mittwoch waren es Iskander-M- sowie Hyperschall-Raketen vom Typ Zirkon, außerdem zu Boden-Boden-Raketen umfunktionierte und daher äußerst unpräzise, jedoch in großer Zahl vorhandene Flugabwehrraketen vom Typ S-400.
Vor allem Letztere machen der Ukraine das Leben schwer. Zuletzt gab es in Kiew vermehrt Einschläge, noch bevor der Alarm anschlug. Das hat mit den modifizierten S-400-Raketen zu tun: Diese Geschosse haben eine vergleichsweise kleine Sprengladung und richten daher vergleichsweise geringen Schaden an. Sie werden aber von mobilen Abschussrampen sehr nahe an der Grenze zur Ukraine abgefeuert, fliegen niedrig, sind daher schwer vom Radar zu erfassen und fliegen schnell. Nach Kiew sind es oftmals gerade zwei bis vier Minuten.
Ausgebranntes Auto nach Raketenangriff auf KiewDer österreichische Politikwissenschaftler und Militär-Analyst Gustav Gressel sieht hinter solchen Angriffen primär ein Motiv: die ukrainische Bevölkerung zu terrorisieren. Nicht zuletzt der Einsatz von Streumunition in Städten wie Kiew bestätige das. Gegen militärische Ziele sei solche Munition wirkungslos. Gustav Gressel nennt solche Angriffe „Terrorattacken“, deren einziges Ziel es sei, den Verteidigungswillen der Ukraine zu untergraben.
Gressel erwartet aber auch, dass mit dem nahenden Winter wieder vermehrt Energieinfrastruktur gezielt angegriffen werden könnte. Dies sei momentan nur in Frontnähe zu beobachten. Dort hatte Russland zuletzt vermehrt Tankstellen an wichtigen Verbindungsstraßen beschossen.
Russland wird den Donbass so schnell nicht erobern
Russlands Machtdemonstration in der Luft ist allerdings nur eine Seite dieses Krieges. Die Kämpfe an Land und zu Wasser sind eine ganz andere. In diesen Domänen lautete der russische Anspruch, bis Ende des Jahres den gesamten Donbass zu erobern. Das werde nicht gelingen, glaubt Masala.
Und auch Gustav Gressel sagt in Bezug auf die ukrainisch gehaltenen Städte Slowjansk, Kramatorsk und Druschkiwka in der Region Donezk: „Die russische Sommeroffensive hat ihre eigentlichen Ziele nicht erreicht und wird sie auch nicht erreichen: die Einkesselung des Festungsgürtels.“ Die Versuche einer Einkesselung seien gescheitert. Russland sei nun dazu übergegangen, den Festungsgürtel frontal anzugreifen.
Im Ergebnis rückt die Front immer näher an die Städte Kramatorsk und Slowjansk heran – allerdings unter enormen Verlusten auf russischer Seite. Die lagen zuletzt bei 1200 bis 1500 Mann pro Tag. Und das ist auch das ausgesprochene Ziel des neuen ukrainischen Oberbefehlshabers Mychajlo Drapatyj: Angriffe für Russland möglichst verlustreich zu machen, dabei aber die eigenen Personalressourcen zu schonen.
Laut Gressel ist die Ukraine in dieser Hinsicht erfolgreich: Man habe die Luftschläge mit Mittelstreckendrohnen intensiviert, weshalb Russland Bereitstellungsräume weiter nach hinten habe verlegen müssen. Dadurch wiederum hätten sich die Wege an die Front verlängert, was der Ukraine Möglichkeiten eröffnet habe, verstärkt Truppenbewegungen ins Visier zu nehmen.
Hinzu kämen Angriffe in der Tiefe auf strategisch bedeutende Ziele wie die russische Schattenflotte. Es sei aber nicht so, dass die Ukraine die Initiative erlangt habe. Den Wechsel an der Spitze der ukrainischen Armee sieht Gressel positiv: Mit Drapatyj sei ein weitaus besserer Manager am Ruder als es dessen Vorgänger Oleksandr Syrskyj gewesen sei.
Anlass für Jubelmeldungen ist das allerdings nicht. Das sehen auch ukrainische Militärs so: Bei allen Schwächen und Mängeln, die die russische Armee derzeit offen zeige, gelinge es ihr eben auch, sehr langsam vorzurücken – nicht zuletzt durch den verstärkten Einsatz schwerer Fliegerbomben gegen Stellungen und Befestigungen.
Solche Gleitbomben sind im Grunde nichts anderes als mit Flügeln ausgestattete Fliegerbomben, die von Kampfbombern aus einer einigermaßen sicheren Distanz abgeworfen und dann wie ein Segelflugzeug ins Ziel gelenkt werden können. Die Bomben sind vergleichsweise billig und effektiv.
Russland setzt sie bereits seit Kriegsbeginn ein, nun aber sind sie zu einem Massenphänomen geworden. Allein im Juli hat Russland 8300 derartig Bomben eingesetzt – der höchste Wert seit Kriegsbeginn. „Gleitbomben helfen den Russen derzeit massiv“, sagt Gustav Gressel.
Wie effizient die Ukrainer wirklich waren, wird sich erst im Winter zeigen
Ein Kernproblem für Kiew ist „die Frage, wie man einen Raum sichern“, also zurückerobertes Gebiet halten kann, so der Experte. Diese Frage sei bis heute unbeantwortet.
Rückten die Ukrainer vor, hätten sie es augenblicklich mit Schwärmen an Drohnen zu tun, so Gressel. Mobile Kräfte müssten also schnell wieder abgezogen werden. Dieses Problem hat auch Russland, das allerdings auf die Sicherheit seiner Männer wenig Wert legt und hohe Verluste in Kauf nimmt.
Wie effizient die ukrainischen Mittelstrecken-Angriffe auf Bereitstellungsräume, Logistik und Verbindungsrouten wirklich sind, werde sich erst im Winter zeigen, sagt Gressel. Mit der Lieferung der ersten Gripen-Kampfjets steht auch erst 2027 ein möglicherweise effizientes Mittel zur Bekämpfung der Flugzeuge zur Verfügung, die Gleitbomben abwerfen. Und auch was die Lieferung bzw. Lizenzproduktion von Patriot-Munition angeht, ist vor dem Winter keine Einigung zu erwarten.
Was damit ganz sicher bevorsteht: ein harter Winter, den Russland versuchen wird zu nutzen – was zugleich die Chancen der Diplomatie dramatisch reduziert. Masala sprach von Kampagnen auf ukrainischer wie russischer Seite, die auf Abnutzung zielten: Angriffe in der Tiefe, das Hochtreiben des Blutzolls für Russland, Angriffe auf die Krim.
Die russisch besetzte Halbinsel ist derzeit das große militärische Fragezeichen: Versorgungsrouten befinden sich wegen des starken Einsatzes von Mittelstreckendrohnen faktisch unter ukrainischer Feuerkontrolle. Die Kertsch-Brücke auf das russische Festland ist aufgrund von Schäden nur eingeschränkt befahrbar. Die Ukraine scheint sie ganz bewusst nicht zerstören zu wollen, wie die Angriffe auf Schiffe der russischen Schattenflotte im Asowschen Meer beweisen. Dort hat die Ukraine in großem Umfang auch Seedrohnen eingesetzt. Diese Drohnen müssen die Kertsch-Brücke passiert haben.
„Putin kann die Krim nicht aufgeben und Putin kann sie nicht ohne Verteidigung lassen“, sagt Gressl. Die Krim biete für die Ukraine sehr vorteilhafte Bedingungen für Gegenschläge. „Deshalb schaut man, dass Russland so viele Kräfte wie möglich auf die Krim schickt, weil es dort günstiger ist für die Ukraine, sie anzugreifen.“ Das bedeute aber nicht, dass eine Landoffensive bevorstünde. Die Gelegenheit für eine Einnahme der Halbinsel werde sich nicht so rasch auftun.
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