Der Verkehr an diesem Vormittag in Penzberg ist dicht. Auto an Auto schiebt sich Richtung Innenstadt, vorbei an den Ortseingängen, an denen seit Kurzem neue Hinweisschilder hängen. Unter den Gottesdienstzeiten der Kirchen findet sich seit Kurzem eine weitere Tafel: ein Hinweis auf das Freitagsgebet der örtlichen Moschee.
Es sind offenbar die ersten Schilder dieser Art in Deutschland – und sie haben nach dem Aufstellen bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Vor allem in sozialen Netzwerken entlud sich Kritik. Viele Kommentare verwiesen darauf, dass der Islam nicht ins öffentliche Leben integriert gehöre.
Eines der Schilder wurde beschädigt. Erst wurde es mit schwarzer Farbe besprüht, nach der Reinigung dann mit dem Symbol der rechtsextremistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ übersprüht.
Hinweis zu Freitagsgebet mit Symbol des „III. Wegs“ übersprühtBenjamin Idriz hat erst vor wenigen Minuten von der erneuten Schmiererei erfahren, wie er erzählt. Der Imam sitzt in der Penzberger Moschee und ringt sichtlich um Fassung, seine Augen sind glasig. Er sagt: „Wir wollen mit dem Schild zeigen, dass die Moschee für jeden zugänglich ist. Es ist doch das, was die Gesellschaft von uns erwartet. Dass wir offen sind, die Predigten auf Deutsch halten, Ängste abbauen und Vertrauen schaffen. Wenn die Gesellschaft nicht in der Lage ist, ein halbmetergroßes Schild zu ertragen, weiß ich auch nicht weiter.“
Benjamin Idriz ist seit 1995 Imam der islamischen Gemeinde in Penzberg. Seit Kurzem ist er deutscher StaatsbürgerDie Idee zu dem Schild sei spontan entstanden, erzählt Idriz. Als die beiden Pfarrer der Stadt erwähnten, dass die kirchlichen Hinweisschilder erneuert werden sollten, schlug er ein weiteres für die Moschee vor. Ende Juli wurde es angebracht. Die Menschen, die auf ihn zugekommen seien, hätten sich ausschließlich positiv geäußert. „Dass es dann über Penzberg hinaus ein mediales Echo mit tausenden negativen Kommentaren auf Social Media gibt, hätte ich nicht erwartet“, sagt er.
Die Moschee in Penzberg wurde 2005 eröffnetDas Klima in der Gesellschaft sei rauer geworden, erklärt er. Dass Menschen den Islam nach Gewalttaten wie dem CSD-Anschlag in Berlin als Gefahr wahrnähmen, mache ihn traurig. „Wir als Religionsgemeinschaft sind von solchen Anschlägen doppelt betroffen. „Einerseits, weil Menschen sterben, andererseits, weil wir einen Rechtfertigungsdruck verspüren.“ Er vermisse von „Spitzenpolitikern des Landes“ klare Botschaften, die Hass und Vorurteile gegenüber Muslimen verurteilten. „Begriffe wie ‚Islamhass’, ‚Muslimfeindlichkeit’ oder ‚antimuslimischer Rassismus’ werden aus meiner Sicht noch immer zu selten ausdrücklich benannt.“ Umso mehr schätze er, dass die Lokalpolitik in Penzberg Hass klar verurteile.
Zwischen 2007 und 2010 wurde die islamische Gemeinde in Penzberg wegen vermuteter Kontakte zu als islamistisch eingestuften Organisationen vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet. Die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) erklärte danach, die Vorwürfe des Verfassungsschutzes träfen ihrer Einschätzung nach nicht „in dieser Gewichtung“ zu. 2019 lobte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Gemeinde gar als Modellcharakter für andere Moscheegemeinden.
Rund 500 Meter von der Moschee entfernt sitzt Bürgermeister Thomas Kopf (Wählervereinigung Penzberg Miteinander) im Rathaus. Der 48-Jährige ist seit wenigen Monaten Stadtoberhaupt. Er sagt: „In Penzberg selbst wird das Schild nicht wirklich diskutiert. Dazu sind weder das Schild noch das Zusammenleben mit der islamischen Gemeinde besonders spektakulär. Die Moschee ist bei uns ins Stadtbild integriert und für jeden völlig normal.“ Entsprechend habe auch er nicht damit gerechnet, dass das Aufstellen des Schildes bundesweite Aufmerksamkeit nach sich ziehen würde. „So kann man sich täuschen“, sagt er und lacht.
Penzberger Bürgermeister Thomas KopfDie zahlreichen negativen und teils beleidigenden Kommentare im Netz sehe er als Ausgangspunkt für die späteren Schmierereien, erklärt er. Es beginne mit der Verrohung der Sprache. „Wenn das Unsagbare gesagt wird, fühlt sich irgendwann jemand dazu verleitet, das Unmachbare zu tun. Das Schild sollte einen nicht so sehr beunruhigen, wie die Hemmungslosigkeit, mit der dann zu Straftaten gegriffen wird“, mahnt er.
Er hätte sich gefreut, wenn das Schild mehr zum Dialog und zur Diskussion angeregt hätte. „Die islamische Gemeinde gibt es hier seit über 30 Jahren, auch das Freitagsgebet gibt es seit Jahrzehnten. Das Einzige, was neu ist, ist das Schild.“ Es sei im Ort normal, dass der Imam an den Sommerfesten der katholischen und evangelischen Kirche teilnehme, die Pfarrer nähmen wiederum am islamischen Sommerfest teil. Kopf betont: „Das Miteinander funktioniert hier und diesen Dialog werden wir uns nicht von irgendwelchen Spraydosen kaputtmachen lassen.“ Das Schild stehe nicht zur Debatte.
Vor Ort beachtet kaum jemand die Hinweisschilder zu den GebetszeitenEs bereite ihm Sorge, dass der Islam in der Gesellschaft oftmals ausschließlich negativ betrachtet werde. „Islam wird oft mit Islamismus verwechselt. Da werden viele Dinge in einen großen Topf geworfen. Auch in der Bibel werden sich Stellen finden, die mit den heutigen gesellschaftlichen Umgangsformen nicht mehr vereinbar sind. Da regt sich dann keiner auf.“ Er appelliere, dass sich die Menschen selbst ein Bild von der islamischen Gemeinde in Penzberg machen sollten: „Sprechen Sie vor Ort mit den Menschen und schauen Sie sich an, mit welcher Herzlichkeit man dort aufgenommen wird.“
Während Stadt- und Gemeindevertreter das Schild einheitlich begrüßen, fällt die Meinung in der Bevölkerung unterschiedlich aus. Viele Menschen verknüpfen das Schild offenbar automatisch mit persönlichen Erfahrungen und Eindrücken in Bezug auf Integration und Migration.
Emilia Berger, Mitte 30, in der Öffentlichkeit möchte sie nicht mit ihrem echten Namen genannt werden, läuft gerade zum Penzberger Bahnhof. Das Schild sei ihr bisher nicht aufgefallen, sie lehne es aber ab, und erklärt: „Wir sind in einem christlichen Land.“
Seit ihrer Jugend habe sie immer wieder negative Erfahrungen mit muslimischen Jugendlichen und Männern gemacht – von Pöbeleien bis hin zu sexuellen Belästigungen. „Es sind immer die Gleichen.“ Ihr mache diese Entwicklung Sorge. „Wenn es so weitergeht, möchte ich meine Rente nicht mehr in Deutschland erleben.“
Ein Mann, Mitte 50, läuft die belebte Bahnhofsstraße im Ortszentrum entlang. Er sagt, er halte das Aufstellen des Schildes für richtig. „Die muslimische Gemeinde ist hier gut integriert und akzeptiert, es gibt keine Berührungsängste“, erklärt er. Allerdings, so betont er, sei er dem Islam skeptisch gegenüber eingestellt. „Mir gefällt nicht, wie die Religion interpretiert und gelebt wird, wie sie in die Gesellschaft und in die Politik hineinwirkt.“ Er habe einen Freund in Essen und wisse, dass die Integration dort nicht so gut laufe wie in Penzberg. „Es hängt auch mit der Anzahl an Ausländern zusammen. Wenn die eigene Bevölkerung das Gefühl hat, in einem fremden Land zu sein, dann führt das automatisch zu Unzufriedenheit.“ Angaben der Stadt zufolge liegt der Ausländeranteil in Penzberg 2026 bei 16,32 Prozent.
Eine ältere Dame bringt ihren Müll aus dem Haus. Sie sagt: „Ich finde das Schild in Ordnung. Wir sind ein freiheitliches Land und der Islam ist nicht verboten.“ Ähnlich äußert sich Heidi B., die auf dem Weg nach Hause ist. Sie betont: „Ich finde das Schild vollkommen okay. Muslime leben hier, wieso sollte man dann nicht mit einem Schild auf ihre Gebetszeiten hinweisen? Ich bin grundsätzlich für Frieden und Menschlichkeit.“
Die Penzberger Moschee ist an diesem Nachmittag voll. Rund 180 Gläubige sind gekommen. Einer von ihnen ist Mehmet Metiner. Sorgen vor einem raueren Klima gegenüber Muslimen habe er nicht, sagt er. „Außer vor Gott habe ich keine Angst.“ „Schlimme Menschen“ habe es immer gegeben, erklärt er. Entscheidend sei, wie man ihnen begegne. „Wir können nur vernünftig mit den Menschen umgehen. Mehr können wir nicht tun.“
Der gebürtige Türke Mehmet Metiner nach dem FreitagsgebetImam Benjamin Idriz (oben rechts) beim FreitagsgebetIm ersten Freitagsgebet seit dem CSD-Anschlag in Berlin sagt Imam Benjamin Idriz: „Dieses Verbrechen hat uns alle erschüttert. Der Koran unterscheidet klar zwischen dem Menschen, der sich Gott in Frieden und Barmherzigkeit hingibt, und dem Verbrecher, der Hass und Gewalt verbreitet.“
Dann kommt er auf das beschmierte Hinweisschild zu sprechen. Viele Menschen hätten sich in den vergangenen Tagen solidarisch mit der Moscheegemeinde gezeigt, etwa Geld gespendet oder Blumen geschenkt. Idriz sagt: „Bitte sprecht ab heute nicht mehr über diese Schmiererei. Sprecht über diese Menschen, die uns Mut geben. Solange wir solche Menschen haben, können wir zuversichtlich in die Zukunft schauen.“
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