Ein geheimer Ort in der Nähe von Tel Aviv. An den Wänden hängen Bildschirme und Waffen. Auf dem blauen Kunststoffboden stehen Roboter. Der Raum erinnert an das Labor von „Q“, dem legendären Leiter der Entwicklungsabteilung in den James-Bond-Filmen, der Agent 007 mit Gadgets ausstattet.

Hier ist es Israels Militär, das Entwicklungen testet. „Vom Stiefel bis zur Waffe“, sagt der Leiter der Forschungsabteilung. Sein Name muss geheim bleiben, er trägt eine Sturmhaube. Nur den inoffiziellen Namen des Testgeländes verrät er: Ranch24. „Weil wir hier 24 Stunden arbeiten“, sagt er. Seine Augen verraten ein Lächeln.

Blick in einen Testraum der israelischen Armee

Die israelischen Streitkräfte arbeiten an einem konkreten Problem. Immer wieder greift die Hisbollah-Miliz mit kleinen, handelsüblichen und mit Sprengstoff bepackten Drohnen vom Libanon aus israelische Orte und Militäreinrichtungen an. Seit April wurden laut israelischen Angaben mindestens fünf Soldaten von Drohnen getötet und mehr als 40 verwundet.

Eine Seite des Raumes geht ins Freie. Ein Soldat spannt ein Gewehr in eine Justiervorrichtung und löst eine Reihe von Schüssen aus, die draußen an einem Hügel Sandwölkchen aufwirbeln. Getestet wird eine Schrotflinte mit spezieller Munition. Die Geschosse explodieren nicht erst beim Aufprall, sondern bereits in der Nähe des Ziels. So sollen Drohnen aus kurzer Distanz abgeschossen werden.

Axel Springer Global Reporter Jan Philipp Burgard hat eine Testanlage in Israel besucht, auf dem sich die israelische Armee auf Drohnen-Angriffe vorbereitet. „Es herrscht Nachholbedarf“, so Burgard.

Ein anderer Soldat trägt ein Maschinengewehr und feuert auf eine von einem Roboter bewegte Zielscheibe. „Die Drohnen sind billig, kosten meistens nur wenige Hundert Euro. Deshalb sollten auch die Abwehrmethoden billig und effektiv sein“, sagt der Forschungschef. „Darüber hinaus entwickeln wir auch kompliziertere Methoden wie neue Radar-, Sensoren- und Laserlösungen, um unsere Einheiten besser vor Drohnen zu schützen. Diese benötigen allerdings viel Ingenieurskunst und viel Zeit.“

Aber viel Zeit bleibt nicht. In der Öffentlichkeit und in israelischen Medien wächst die Kritik, das Militär habe sich viel zu spät auf die todbringenden Drohnen vorbereitet. Dieser Vorwurf trifft die Streitkräfte hart, denn Israel ist ein weltweiter Vorreiter bei Technologien für Verteidigung.

Das hochmoderne Raketenabwehrsystem Arrow 3 avanciert zum Exportschlager, auch Deutschland gibt dafür mehrere Milliarden Euro aus. Doch gegen kleine, günstige und langsam fliegende Drohnen ist dieses System ungeeignet. Oft werden die Drohnen über kilometerlange Glasfaserkabel gesteuert, was sie immun gegen Störsender macht.

„Wir suchen überall auf der Welt nach Lösungen“

„Wir haben der Drohnenabwehr nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt“, sagt Professor Danny Orbach, Militärhistoriker an der Hebräischen Universität Jerusalem, WELT AM SONNTAG. „Die Armeeführung hatte offenbar dringendere Themen zu erledigen. Ganz oben auf der Prioritätenliste standen der Umgang mit dem Iran und der Kampf gegen internationale Waffenschmuggel-Netzwerke.“

Dabei hätte man frühzeitig Lehren aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ziehen können, so Orbach. Im Mai zeigte sich sogar der ukrainische Botschafter in Israel, Jewhen Korniichuk, öffentlich irritiert, dass Israel bei der Suche nach Lösungen nicht stärker auf die Erfahrungen der Ukrainer schaut. „Leider sehen wir seitens der israelischen Führung in diesem Bereich nicht viel Interesse“, sagte der Botschafter.

„Wir suchen überall auf der Welt nach Lösungen“, sagt dagegen der Entwicklungschef mit der Sturmhaube. Er führt zu einer Freifläche, wo ein Soldat eine Drohne aufsteigen lässt, an der die Attrappe einer Handgranate befestigt ist. Die Drohne fliegt einige hundert Meter weit und bleibt dann in einem Netz hängen. „Wir müssen viel improvisieren. Diese Netze sind ein einfaches, aber wirkungsvolles Mittel, um unsere Soldaten vor Drohnen zu schützen. In vielen Fällen können sie die Detonation des Sprengsatzes verhindern.“

Der Leiter der israelischen Forschungsabteilung vor einem Abfangnetz für Drohnen

Solche Netze kamen erstmals massenhaft im Ukraine-Krieg zum Einsatz. Die Kritik, Israel habe sich zu spät auf die Drohnenangriffe eingestellt, lässt er nur bedingt gelten. „Ein Schlachtfeld ist dynamisch. Man muss sich immer wieder auf neue Bedrohungen einstellen. Genau das tun wir hier.“

Diese neuen Bedrohungen hat Professor Danny Orbach von der Universität Jerusalem bereits vor Augen. „Sehr bald werden unsere Feinde an den Grenzen nicht nur einzelne Drohnen einsetzen, sondern ganze Drohnenschwärme, unterstützt von künstlicher Intelligenz. Die Zivilbevölkerung wird nicht mehr so ruhig leben können wie zuvor.“

Früher habe die Bedrohung vorwiegend aus Raketen bestanden, die aber größtenteils vom Abwehrsystem Iron Dome abgeschossen wurden. Das habe zwar den Alltag gestört und Angst ausgelöst, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Zivilisten sterben, sei verhältnismäßig gering gewesen. Das könne sich schon bald dramatisch ändern. „KI-gesteuerte Drohnenschwärme werden Schulen, Kindergärten und Einkaufszentren angreifen“, sagt Orbach. Auf der Ranch24 gibt es noch viel zu tun.

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