Der antisemitische Vorfall ereignete sich in einem Dubliner Bus, ein Video davon ging aber schnell um die Welt und sorgte für Entsetzen: Im vergangenen Juli beleidigte und attackierte ein Mann einen jüdischen Fahrgast, er nannte ihn wiederholt einen „genozidalen Juden“ und schlug mehrfach auf ihn ein, während dieser die Szene mit seinem Handy filmte.
Ruhig und resigniert erwiderte das Opfer des Angriffs, das zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren in Irland lebte und studierte, mit leicht israelischem Akzent: „Die sind alle so, ich habe mich daran gewöhnt.“ Eine Mitfahrerin, die zu intervenieren versuchte, wurde selbst zur Zielscheibe. „Wir sind besser als das“, appellierte sie an den Täter. „Nein, sind wir nicht“, sagte er zurück und grinste. „Nein, seid ihr nicht“, stimmte der jüdische Passagier ihm zu.
Antisemitismus trete in Irland vor allem im Alltag auf, warnt ein neuer Report der „J 7“ – der sieben Länder außerhalb Israels mit den größten jüdischen Bevölkerungen, namentlich die USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada, Argentinien, Australien und Deutschland, untersucht. Irland, mit einer Community aus lediglich 2200 Juden, gehört zwar nicht dazu, das Land steht jedoch im Fokus des diesjährigen Berichts, der WELT exklusiv vorab vorliegt.
„In einer der kleinsten jüdischen Gemeinden Europas kommt es pro Kopf zu einer hohen Zahl antisemitischer Vorfälle, die jedoch in offiziellen Daten und politischen Rahmenbedingungen weitgehend unberücksichtigt bleiben“, schreibt darin das Jewish Representative Council of Ireland (JRCI), eine Art Zentralrat der irischen Juden.
Zwischen Juli 2025 und Januar 2026 wurden dort 143 antisemitische Vorfälle erfasst, fast einen pro Tag. Und das in einem Land ohne eine systematische Erfassung, wie sie etwa Deutschland durch staatlich geförderte Meldestellen hat.
„Zionisten“ nicht willkommen
Der Vorfall im Dubliner Bus ist nur ein Beispiel. Bei den weiteren Fällen geht es um Hakenkreuz-Sprühereien, Hitlergrüße und Holocaustleugnung. Viele Juden in Irland versteckten als Folge inzwischen ihre Identität, so der Bericht.
Es geht auch um Gewalt. Im November 2024 erlitt ein jüdischer Student in einem Nachtclub eine Gehirnerschütterung, nachdem drei Männer ihn gefragt hatten, ob er jüdisch sei, und ihn daraufhin zusammengeschlagen hatten. Im März 2025 attackierten zwei Palästina-Aktivistinnen einen jüdischen Israeli in einer Bar in Dublin und riefen, dass „Zionisten“ in Irland nicht willkommen seien – eine spuckte ihn an.
„Antisemitismus wird durch Mythen, Verschwörungserzählungen und Vorurteile geschürt, nicht davon, wie viele Juden in einem Land leben“, erklärt Ori Degani vom JRCI gegenüber WELT. Das Phänomen beschränke sich dabei nicht auf extremistische Gruppen oder vereinzelte Online-Beleidigungen, sagt er, sondern trete zunehmend im Alltag auf: in Schulen, an Universitäten, am Arbeitsplatz, im Gesundheitswesen, in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das macht etwa 75 Prozent der vermeldeten Vorfälle des Berichts aus.
In Irland ist große Sympathie mit der palästinensischen Sache recht weit verbreitet. Viele sehen Parallelen zwischen der israelischen Besatzung und der britischen Kolonialherrschaft, unter der sie gelitten haben.
Dieses Phänomen tritt seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 noch deutlich stärker auf. Es herrsche in der Community eine Stimmung, die von „Angst, Erschöpfung und Unsicherheit“ geprägt sei, sagt Degani. Solidarität mit der angegriffenen jüdischen Community gebe es in Irland kaum.
Die Heftigkeit und Einseitigkeit der antiisraelischen Stimmung und Rhetorik in Irland seit dem Hamas-Angriff ließen sich unmöglich ignorieren, sagt Yoni Wieder, Chefrabbiner des Landes, WELT. „Man kann gar nicht genug betonen, in welchem Maße sich Teile des politischen und medialen Diskurses in Irland mittlerweile fast schon obsessiv darauf konzentrieren, Israel zu dämonisieren.“
Woche für Woche gingen Menschen in Irland auf die Straße, um gegen Israel und für die Palästinenser zu demonstrieren, erzählt Wieder. Dabei skandierten sie immer wieder „Globalize the Intifada“, eine Parole, die als Aufruf zu Gewalt gegen israelische Zivilisten verstanden wird. Dies schaffe „ein Umfeld, das diejenigen ermutigt, die jüdische Menschen in Irland einschüchtern und ins Visier nehmen wollen“, so der Chefrabbiner.
Der „bittere“ Befund: eine „fortschreitende Normalisierung des Judenhasses“
„Besonders beunruhigend finde ich die vielen jüdischen Kinder, die berichten, in der Schule gemobbt worden zu sein“, sagt Wieder. Ein Elternteil habe ihm berichtet, wie Kinder auf einem Spielplatz herumgejagt wurden, während Mitschüler „From the river to the sea“ riefen – eine Parole, die de facto Israel das Existenzrecht abspricht. „Mehrere Schüler haben mir erzählt, dass sie es mittlerweile bewusst vermeiden, vor ihren Mitschülern über ihre jüdische Identität zu sprechen.“
Auch in anderen Ländern der jüdischen Diaspora ist Antisemitismus weitverbreitet, so der Report. Nach dem 7. Oktober stieg die Zahl der Vorfälle weltweit rasant, seitdem bleibt sie auf einem relativ konstanten Niveau. 2025 wurden in den J-7-Ländern insgesamt mehr als 23.100 Vorfälle verzeichnet, davon rund 8700 in Deutschland, 6200 in den USA und 3700 in Großbritannien. 2024 waren es insgesamt 26.800.
Dass so viele Vorfälle in Deutschland erfasst wurden, obwohl die jüdische Bevölkerung in manchen anderen J-7-Ländern wesentlich größer ist, dürfte daran liegen, dass es hierzulande staatlich geförderte Meldestellen und ein bundesweites Netzwerk an zivilgesellschaftlichen Organisationen gibt, die Antisemitismus dokumentieren.
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht gegenüber WELT dennoch von einem „bitteren Befund“: „Die Zahlen belegen die fortschreitende Normalisierung des Judenhasses“, sagt er. „Dieser wird von den politischen Rändern von links bis rechts geschürt und dabei zunehmend als ‚Antizionismus‘ maskiert.“
2025 war dem Bericht zufolge auch in Bezug auf antisemitische Angriffe außerhalb Israels das tödlichste Jahr seit 1994, als 85 Menschen beim Anschlag auf ein jüdisches Gemeinschaftszentrum in Buenos Aires ermordet wurden.
Im vergangenen Jahr wurden 20 Menschen bei antisemitischen Angriffen getötet – alle in den sieben Ländern der J 7. Der tödlichste Anschlag ereignete sich am australischen Bondi Beach, als 15 Menschen bei einer Chanukka-Feier ermordet wurden. Im britischen Manchester kamen am Jom Kippur zwei Menschen bei einem Anschlag auf eine Synagoge ums Leben. Und in der US-amerikanischen Hauptstadt wurden zwei Personen vor dem Capital Jewish Museum erschossen. Außerdem wurde eine Teilnehmerin eines Solidaritätsspaziergangs für die israelischen Geiseln der Hamas in Colorado mit Molotowcocktails angegriffen, sie erlag später ihren Verletzungen.
„Der J-7-Bericht offenbart, dass Antisemitismus keine nationalen Grenzen kennt“, resümiert Schuster. Es gebe eine „verheerende Dynamik“, die „die Grundlagen jeder freien Gesellschaft angreift“. Er fordert: „Der kompromisslose rechtliche und präventive Schutz jüdischen Lebens muss zum gemeinsamen Standard aller liberalen Demokratien werden, um dieser Dynamik zu begegnen.“
Nicholas Potter ist Chefreporter bei WELT und Autor des Buches „Die neue autoritäre Linke“ über progressive Bewegungen seit dem 7. Oktober 2023.
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