Laura Loomer steht im Lavra Kloster in Kiew. Die Kamera zoomt in Richtung Kuppel, wo die kaputten Fenster zu sehen sind. „Wladimir Putin wollte Jesus Christus bombardieren“, erzählt Loomer. Im Juni schlug eine russische Kamikaze-Drohne in dem Kloster ein und verursachte ein riesiges Feuer, bei dem die Kirche Schaden nahm.
Loomer ist keine gewöhnliche Besucherin in der Ukraine. Sie ist eine einflussreiche rechte Influencerin aus dem MAGA-Lager von Donald Trump – die Kiew alles andere als freundlich gegenüberstand. „Ergebt euch Russland“, schrieb sie noch im Dezember 2022 auf X und sprach sich bislang vehement gegen die amerikanische Unterstützung des Landes aus.
„Ich fühle mich wie ein Arschloch, dass ich den Kampf der Ukraine in den letzten fünf Jahren runtergespielt habe“, schreibt sie nun. „Wir wurden von der russischen Propaganda beeinflusst“, so Loomer, die früher für den russischen Staatssender Russia Today gearbeitet hat.
Der Seitenwechsel der 33-Jährigen zeigt, dass sich der Wind an Trumps Basis gedreht hat. Für Selenskyj kommt das zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Am Dienstag wird der ukrainische Präsident in Washington eintreffen, um an der Beerdigung des republikanischen Senators Lindsey Graham teilzunehmen. Am Morgen wird er zunächst mit Trump zusammentreffen. Es ist nicht nur die veränderte Stimmung an der MAGA-Basis, die für ihn bessere Vorzeichen darstellen.
Die Influencerin Loomer will, dass ihr Sinneswandel kein Einzelfall bleibt. Es geht ihr darum, das Narrativ innerhalb der amerikanischen Rechten zu widerlegen, dass Russland der wahre Verteidiger der westlichen Werte sei.
Als lautester Verbreiter dieser Lesart gilt der ehemalige Fox-News-Moderator Tucker Carlson. Bei seinem Besuch in Moskau 2024 charakterisierte er Putin als Schutzherrn einer christlich-weißen Nation. Loomer geißelt das als verlogen. „Putin inszeniert sich als Retter des Christentums, bombardiert dann aber das älteste Kloster in der Ukraine“, sagt sie.
In einem Social-Media-Stunt filmt sie sich vor einer McDonald’s-Filiale in Kiew, die sich gegenüber einem zerstörten Kaufhaus befindet. „Das ist das Original“, sagt sie und bestellt sich einen Cheeseburger. Immer wieder blendet sie Clips von Carlsons Besuch im Moskauer Abklatsch der amerikanischen Fast-Food-Kette ein, die sich aufgrund der Sanktionen dort anders nennen muss. Loomer porträtiert die Kiewer Filiale als Bastion der Freiheit, schließlich sei sie mehrfach durch russische Drohnen und Raketen zerstört und immer wieder aufgebaut worden. „Nichts stoppt die Ukrainer davon, ihr amerikanisches Fast Food zu bekommen“, sagt sie.
Loomer hat auch im Weißen Haus großen Einfluss. Nach Trumps Amtsantritt orchestrierte sie eine interne Kampagne, die zur Entlassung mehrerer Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat führte, die sie als Anti-Trump brandmarkte. Der Präsident lobte ihre Initiative und wies seine Berater an, Loomer öfter zu konsultieren, wie die „New York Times“-Journalisten Maggie Haberman und Jonathan Swan in einem jüngst erschienenen Buch berichten.
Kurz nach Loomers Wende gegenüber der Ukraine bekennt sich auch der Influencer Tim Pool zur Ukraine. „Ich sehe jetzt die Wichtigkeit eines ukrainischen Sieges gegen Russland“, schreibt er auf X. Noch vor zwei Jahren bezeichnete er Kiew als Feind der USA.
Auch bei Wählern der Republikaner findet ein Umdenken statt
Neben den prominenten Köpfen im Internet findet auch bei den Wählern der Republikaner ein Umdenken statt. Eine Umfrage des republikanischen Instituts Public Opinion Strategies im Auftrag der ukrainischen Organisation Razom for Ukraine aus dem Juni ermittelte unter wahrscheinlichen Wählern der republikanischen Vorwahlen eine Zustimmung zu härteren Sanktionen gegen Russland von 81 Prozent. Unter ausgesprochenen Trump-Anhängern waren es sogar 83 Prozent. Gleichzeitig fielen Tucker Carlsons Beliebtheitswerte unter republikanischen Vorwahlwählern binnen neun Monaten von 55 auf 41 Prozent, sein Negativwert stieg von 19 auf 37 Prozent.
Die Verschiebung hat allerdings eine klare Grenze. In einer unabhängigen Erhebung des britischen „Economist“ und YouGov sprachen sich Mitte Juni nur 32 Prozent der Republikaner für Militärhilfe an die Ukraine aus, 43 Prozent dagegen. Was sich dreht, ist also nicht die Bereitschaft zu zahlen – sondern die Bereitschaft, Putin für einen Verbündeten zu halten. Genau darauf zielt Loomer.
Selenskyj gibt dieser Stimmungswandel Rückenwind für seinen Besuch in Washington, den er dringend benötigt. Denn in gleich drei Fragen braucht er die Unterstützung Trumps und dessen Basis. Ukrainische und amerikanische Unterhändler haben laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters über einen Entwurf für einen Waffenstillstand in der Luft gesprochen, den man Russland im Zuge einer neuen Initiative für Friedensgespräche vorlegen wolle. Am Mittwoch hatte Selenskyj mit Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff und seinem Schwiegersohn Jared Kushner telefoniert.
In der Ukraine ist die Hoffnung groß, dass die unter Druck geratene wirtschaftliche Lage Russlands Putin zu Zugeständnissen zwingt. Um dies zu beschleunigen, hofft Selenskyj auf die Verabschiedung des Sanktionspakets gegen Russland im Kongress. Ein von Graham ausgehandelter Gesetzentwurf sieht Zölle von bis zu 500 Prozent gegen Russland und sekundäre Zölle bis zu 100 Prozent gegen Abnehmer russischer Energie vor.
Der Senat könnte das Gesetz bereits diese Woche zu Ehren Grahams auf den Weg bringen. Unsicher ist dann allerdings, ob sich im Repräsentantenhaus dafür eine Mehrheit finden lässt. Die Kehrtwende der Influencer könnte auch unter einzelnen MAGA-Abgeordneten für einen Sinneswandel sorgen.
Helfen dürfte Selenskyj neben dem Stimmungswandel im MAGA-Lager auch das Momentum auf dem Schlachtfeld. Laut dem Institute for the Study of War konnte Russland im Juni dieses Jahres nur einen Bruchteil der Gewinne verzeichnen, die es im Juni vergangenen Jahres hatte. Der Ukraine ist es dagegen gelungen, mehrere erfolgreiche Schläge gegen russische Raffinerien durchzuführen.
Die größte Hoffnung legt der Ukrainer allerdings darauf, Trump mit einem Drohnen-Deal zu ködern. In US-Militärkreisen nimmt die Sorge zu, im globalen Rennen um die beste Drohnentechnologie zurückzufallen. Der Iran-Krieg zeigt Washington bereits schmerzlich, wie teuer es ist, sich mit konventionellen Raketen gegen Kamikaze-Drohnen verteidigen zu müssen.
Im Interview, das er Laura Loomer bei ihrem Besuch in Kiew gab, legte Selenskyj dar, was er Trump anbieten will. Er versprach, Fabriken in den USA zu bauen. Dabei handelt es sich um ein maßgeschneidertes Angebot für Trump, der sich stets damit brüstet, wenn neue Jobs in den USA geschaffen werden. „Der Ton hat sich verändert“, sagt Selenskyj mit Blick auf sein Verhältnis zum US-Präsidenten.
Außerdem erklärte er sich bereit, ein mögliches Friedensabkommen entweder im Weißen Haus oder in Trumps Anwesen Mar-a-Lago zu unterzeichnen. Ein Interview, das dem US-Präsidenten gefiel. Am Donnerstag reagierte er auf Truth Social auf Loomers Post des Gesprächs. „Sehr gut!!! President DJT“, schrieb er.
Gregor Schwung berichtet als Korrespondent für WELT aus Washington D.C.
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