Mehrmals blitzte bei Donald Trump die Erkenntnis durch, dass sein Auftritt floppt. „Wer zur Hölle hat diese Rede geschrieben?“, rief Trump in den Saal, während er von seinem Skript ablas. Sein Auftritt beim White House Correspondents‘ Dinner war mit Spannung erwartet worden. Die Rede des Präsidenten ist der Höhepunkt des jährlichen Gala-Dinners der Journalisten-Vereinigung zur Feier der Pressefreiheit in den USA.
Traditionell treten Präsidenten dort auf und halten eine Rede, in der sie auch Witze über die Medien, ihre Gegner – und sich selbst machen. Trump hat die Veranstaltung in seiner ersten Amtszeit gemieden, akzeptierte in diesem Jahr aber erstmals die Einladung. Bei der ursprünglichen Veranstaltung Ende April überrannte ein bewaffneter Mann die Sicherheitskontrolle im Hilton-Hotel in Washington und eröffnete das Feuer. Der Ballsaal musste vor seinem Auftritt evakuiert werden und die Veranstaltung nachgeholt werden.
„Wir tragen unsere Differenzen nicht mit Gewalt aus, sondern mit offener und lebhafter Debatte“, begann Trump seine Rede. Es waren die ersten Minuten, in denen die Hoffnung noch lebte, dass es eine versöhnliche, gar humorvolle Ansprache des Präsidenten werden könnte. Er hoffe, sagte Trump, dass allen das Rindfleisch zum Hauptgericht geschmeckt hätte. „Bobby Kennedy hat die Kuh persönlich mit seinem Auto umgefahren“, sagte er. Eine Pointe, die der Saal mit Lachen goutierte; der Gesundheitsminister machte vor zwei Jahren von sich reden, als er erzählte, dass er mal einen toten Bären im New Yorker Central Park deponierte.
Das war jedoch der letzte Witz, über den der Raum lachen konnte. Für Staunen sorgte er, als er plötzlich unter das Pult griff und eine rote Kappe hervorholte, die die Aufschrift „Trump 2028“ trug. „Ich kündige hiermit an, nochmal anzutreten“, witzelte er und sagte: „Ich werde es tun.“ Der 22. Verfassungszusatz verbietet mehr als zwei Amtszeiten eines Präsidenten, was Trump nicht davon abhält, den Gedanken daran immer wieder zu äußern.
Die Liste von Trumps Gegnern ist lang – und er ließ niemanden aus
Für versteinerte Gesichter sorgte der Rest der Rede. Trump fiel in den Modus des Wahlkämpfers – als stünde er vor Zuhörern im ländlichen Pennsylvania, die ihn genau wegen seiner ungefilterten Attacken auf seine Gegner lieben und seine beleidigenden Zuschreibungen mit Applaus und höhnischem Gelächter belohnen. Die Liste von Trumps Gegnern ist lang und der Präsident ließ niemanden aus. Den demokratischen Gouverneur von Illinois, J.B. Pritzker, nannte er indirekt ein „fettes Schwein“, die Abgeordnete Ilhan Omar forderte er auf, das Land zu verlassen, den ehemaligen Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, nannte er „übergewichtig und schmuddlig“.
Die schärfsten Attacken ließ er jedoch gegen sein Publikum los. „Ihr seid die größte Gruppe mit Trump Derangement Syndrom“, sagte er und beleidigte zahlreiche Journalisten und Medienpersönlichkeiten namentlich. Die Comedians Jimmy Kimmel und Jimmy Fallon nannte er „krank und schlimm“, CNN-Moderator Jake Tapper musste sich als „fake“ betiteln lassen und den Journalisten Don Lemon bezeichnete er als „dümmsten Menschen im Fernsehen“. Lemon steht derzeit wegen seiner Berichterstattung über eine Protestaktion gegen die Einwanderungspolizei ICE vor Gericht. Das Justizministerium wirft ihm eine Verschwörung vor.
Auch in anderen Fällen, in denen Trumps Justizministerium gegen Journalisten vorgegangen ist, legte der Präsident am Freitag verbal nach. Erst vor zwei Wochen händigte das Justizministerium Journalisten der „New York Times“ Vorladungen aus, weil sie über Sicherheitsbedenken des Secret Services am neuen Präsidentenflieger berichtet hatten, den Trump von Katar geschenkt bekam. Die neue Boeing 747 ist innen zwar luxuriöser als die bisherige Air Force One, hat aber nicht dieselben Flugabwehreinrichtungen. Nach dem Nato-Gipfel in Ankara musste der US-Präsident mit dem alten Flugzeug zurückfliegen. Sicherheitsmängel bestritt er heftig, der Flugzeugwechsel sei nur vollzogen worden, um die Maschine Soldaten auf einer europäischen US-Basis vorzuführen.
Die „New York Times“ beschrieb die Vorladungen als Einschüchterungsversuch. Am Donnerstag zog das Justizministerium sie zurück. Nur wenige Stunden vor Beginn des Dinners berichtete die Zeitung dann unter Berufung auf mehrere mit der Sache vertraute Mitarbeiter, dass tatsächlich eine Bedrohung durch iranische Proxys ausschlaggebend für den Flugzeugwechsel war. Trump attackierte die Zeitung als „erfolglos“.
Trump schüttelt Reportern des „Wall Street Journals“ versöhnlich die Hände
Während des Dinners verlieh die White House Correspondents’ Association Preise. Geehrt wurden unter anderem die Reporter des „Wall Street Journals“, die im vergangenen Jahr über einen Geburtstagsbrief berichteten, den Trump an Epstein zu dessen 50. Geburtstag verfasst haben soll. Zu sehen ist eine gezeichnete Silhouette eines Frauenkörpers, Trumps Unterschrift und die Worte: „Möge jeder Tag ein weiteres wunderbares Geheimnis sein.“ Trump verneinte, die Karte verfasst zu haben und verklagte die Zeitung auf Schadensersatz in Höhe von 20 Milliarden Dollar.
Bei der Verlesung der Laudatio grinste Trump, als die Summe genannt wurde und zuckte lachend mit den Schultern. Nach der Veröffentlichung schloss der Präsident das „Wall Street Journal“ vom Pressetross aus; nach der Verleihung des Preises am Freitagabend schüttelte er den Reportern fast versöhnlich die Hände.
Weniger versöhnlich reagierte er auf die Ehrung der CNN-Reporterin Kaitlan Collins. Die 34-Jährige erhielt einen Preis für ihre Live-Berichterstattung über den Eklat im Oval Office zwischen Trump und Wolodymyr Selenskyj im Februar vergangenen Jahres. Über eine Minute zog er über die 34-Jährige her, weil sie in seinen Augen nicht genügend lache.
Während Trump zu Beginn noch einige Lacher sammeln konnte, war der Saal am Ende weitestgehend still. „Der Abend ist viel schlimmer als ich gedacht habe“, schloss Trump seine Rede. Nächstes Jahr wolle er wieder auftreten – aber nur wenn die Veranstaltung dann „Trump White House Correspondents‘ Dinner“ heiße.
Gregor Schwung berichtet als Korrespondent für WELT aus Washington D.C.
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