Die Krim sollte die Krönung von Wladimir Putins Werk sein. Bastion im Krieg gegen die Ukraine und ein Aufmarschraum, von dem aus Russland seine Macht am Schwarzen Meer zur Geltung bringen wollte. Und im Inneren das Sinnbild seiner imperialen Ambitionen. All das steht nun infrage.
Die Ukraine hat die Lufthoheit über den Zufahrtsrouten auf die besetzte Halbinsel gewonnen, greift die Nachschublogistik gezielt an und arbeitet daran, Russlands Truppen im Süden zu isolieren und zu schwächen. Ukrainische Drohnen nehmen neben militärischen Einrichtungen gezielt die Energieversorgung ins Visier.
Bei den häufigen Blackouts bricht das Mobilfunknetz zusammen, der öffentliche Nahverkehr ist praktisch zum Erliegen gekommen, und Kraftstoffe dürfen die Tankstellen weder an Privatleute noch an Betriebe abgeben. Die Preise sind in die Höhe geschossen, und der Tourismus, von dem viele leben, liegt darnieder. Die Behörden haben Ende Juni den Ausnahmezustand ausgerufen.
In den zwölf Jahren seit der Annexion hat Moskau die Halbinsel systematisch militarisiert – und den Eindruck erzeugt, sie sei unantastbar. Was einmal Putins strategische Trumpfkarte war, wird im Sommer 2026 zur Achillesferse des Präsidenten.
Heute leben 2,5 Millionen Menschen auf der Krim. Oleksandras Eltern gehören dazu. Schon vor Wochen hatte sie ihre Eltern gewarnt: Legt Vorräte an, deckt euch ein. Ihre Mutter nahm die Warnung nicht ernst. „Meine Mutter war überzeugt, dass weder Russland noch die Ukraine je etwas tun würden, was die Krim gefährden könnte“, erinnert sich Oleksandra, die aus Sorge um ihre Angehörigen ihren Nachnamen nicht nennen will. Nun müssen ihre Eltern mit Strom- und Wasserabschaltungen leben, mit leeren Regalen, ohne Benzin. Auch die Krim zu verlassen, ist für viele praktisch unmöglich geworden.
Ukrainische Drohnen haben Brücken zerstört und überwachen inzwischen die Landverbindung durch den besetzten Süden der Ukraine nach Russland. Der Zugverkehr ist weitgehend eingestellt. Anfang Juni stauten sich mehr als 3000 Fahrzeuge vor der Kertsch-Brücke, die nach Kiews Darstellung ohne Zustimmung der Ukraine errichtet wurde und deshalb als illegal angesehen wird.
„Ich hatte Angst, sie würde der Ukraine die Schuld an alldem geben“, sagt Oleksandra, die seit 2014 in Kiew lebt, weil der russische Geheimdienst sie unter Druck gesetzt hatte. Russland hat Tausende Menschen auf der Krim verfolgt, weil ihnen Sympathien für die Ukraine oder Verbindungen dorthin unterstellt wurden.
Doch während Kiews Feldzug zur Abriegelung der Halbinsel gerade die Kräfteverhältnisse im Süden verschiebt, glaubt Oleksandras Mutter inzwischen – wie viele Ukrainer –, dass der Krieg genau dort enden wird: auf der Krim. „Sie hat diese Hoffnung“, sagt Oleksandra. „Aber ich bin nicht sicher, ob ihr klar ist, welche Kosten damit verbunden sein könnten.“
Die Krim ist in der Tat etwas Besonderes. Der Krieg gegen die Ukraine begann 2014 mit ihrer Annexion – und die Halbinsel wurde zum Sinnbild russischer Großmachtansprüche. Die Vereinten Nationen und der Westen verhängten zwar Sanktionen gegen Moskau wegen des eklatanten Bruchs des Völkerrechts, akzeptierten die Einverleibung aber weitgehend als vollendete Tatsache.
Im Jahrzehnt darauf verwandelte Russland das einstige Ferienparadies in eine Militärbasis. So konnten russische Truppen bei der Großinvasion im Februar 2022 in kürzester Zeit weite Teile der Südukraine besetzen. Die Krim wurde zum sicheren Hinterland des Schlachtfelds, von dem aus die südliche Front versorgt wurde – während ihre Bewohner vom Krieg vergleichsweise unbehelligt blieben.
Die russische Logistik wird lahmgelegt
Damit ist es jetzt vorbei. Dank ihres derzeitigen Vorsprungs bei Kampfdrohnen mittlerer Reichweite kann die Ukraine Russlands militärische Fähigkeiten im Süden schwächen und womöglich zerschlagen – indem sie die Logistik lahmlegt, ohne die keine Armee funktioniert. Kiew hofft, Moskau werde daraufhin Kräfte von anderen Frontabschnitten abziehen müssen.
Das würde die ukrainische Armee entlasten und die russischen Angriffe auf Städte und Ortschaften abschwächen. „Wir wollen die russische Militärpräsenz auf der Krim zerschlagen, und ich glaube, das wird uns gelingen“, sagt Andrij Sahorodnjuk, Vorsitzender des Thinktanks Centre for Defence Strategies und ehemaliger Verteidigungsminister der Ukraine.
Kiews Kampagne gegen Nachschub und Infrastruktur zielt zwar auf Moskaus militärische Schlagkraft und Prestige – doch sie trifft unweigerlich auch die Zivilbevölkerung der Krim. Neben den Tausenden Russen, deren Umsiedlung Moskau gefördert hat, leben dort noch immer viele ukrainische Staatsbürger, darunter die indigenen Krimtataren, die seit der Annexion überproportional unter Repression zu leiden haben.
Vorräte an Lebensmitteln anlegen
Refat Tschubarow, Vorsitzender des Medschlis – des Selbstverwaltungsorgans der Krimtataren, das von den russischen Behörden verboten wurde und heute von Kiew aus arbeitet –, mahnt die indigene Bevölkerung, sich auf noch härtere Zeiten einzustellen. Sein Rat: Vorräte an Lebensmitteln und Medikamenten anlegen, russische Militäranlagen meiden, einen Schutzort für den Fall von Angriffen bereithalten. „Wir wissen nicht, wie das ausgeht“, sagt er.
Löst sich Russlands militärischer Griff um die Krim, hat das Folgen weit über die Ukraine hinaus. Es würde Moskaus Operationen vom Schwarzmeerhafen aus stören – die Halbinsel war etwa zwischen 2015 und 2024 die Logistikdrehscheibe für Russlands Syrienfeldzug.
Für Putin persönlich hat die Krim ohnehin ein besonderes Gewicht. Seine Popularität schoss in die Höhe, als die Halbinsel, die das Zarenreich vor 300 Jahren erstmals kolonisiert hatte, wieder unter russische Kontrolle fiel. Sie zu verlieren, würde seinem Mythos einen Schlag versetzen – und könnte im eigenen Land die Unzufriedenheit mit seiner Führung und dem Krieg schüren.
„Die Krim ist der goldene Schlüssel zu Russlands imperialen Ambitionen“, sagt Illja Pawlenko, ehemals stellvertretender Chef des ukrainischen Militärnachrichtendienstes. Einige Partner der Ukraine hatten zuvor angedeutet, eine Abtretung der Krim an Russland könne Teil eines Deals zur Beendigung des Krieges sein – allen voran US-Präsident Donald Trump, der im vergangenen Jahr behauptete, die Ukraine habe „keine Karten in der Hand“.
„Jetzt schaffen wir uns eigene Karten“, sagt Pawlenko. Denn für Moskau könnte sich die Halbinsel durch die verstärkten Angriffe verwaltungstechnisch und militärisch als zu aufwendig und zu teuer erweisen. Könnte es damit enden, dass die Halbinsel zur Ukraine zurückkehrt? Zuletzt schien das während der viel beschworenen ukrainischen Gegenoffensive 2023 möglich.
Das Scheitern dämpfe aber solche Hoffnungen. „Die Menschen auf der Krim haben die Zuversicht, dass es diesmal mit der Befreiung enden könnte. Aber sie sagen auch: Legt uns nicht wieder rein wie 2023“, so Tschubarow. Russland habe sich jahrzehntelang darauf vorbereitet, die Krim einzuverleiben – militärisch, wirtschaftlich und mit Propaganda, gibt Pawlenko zu bedenken.
Die Ukraine müsse mit einem ebenso breiten Instrumentarium antworten. „Wir haben immer gesagt: Die Krim ist die Ukraine, und die Ukraine wird alle Mittel einsetzen, um sie zurückzubekommen. Militärisch allein lässt sich die Krim nicht zurückgewinnen. Aber wir setzen jetzt militärisch nach, damit unsere Diplomaten am Verhandlungstisch sagen können: Die Krim bleibt auf dem Tisch.“
Ex-Verteidigungsminister Sahorodnjuk ist überzeugt, dass der Ukraine vielleicht ein Jahr bleibt, um den technologischen Vorsprung auszuspielen, der Russland derzeit unter Druck setzt. „Irgendwann wird Russland uns natürlich kopieren“, sagt er. „Zeit zu vergeuden – das können wir uns wirklich nicht leisten.“ Tatsächlich könnte sich hier ein Fenster öffnen, um Teile der Gebiete im Süden zurückzuerobern, die Russland seit 2022 hält.
Doch je mühsamer und teurer die Ukraine das Festhalten an der Halbinsel für Moskau macht, desto mühsamer und teurer dürfte es auch für Kiew selbst werden. „Ich glaube fest daran, dass die Befreiung der Krim möglich ist“, sagt Sahorodnjuk. „Aber nicht morgen.“
Dieser Artikel erschien zuerst in der WELT-Partnerpublikation „Politico“. Übersetzt und redigiert von Lara Jäkel.
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