Als China und Russland mit ehemaligen Sowjetstaaten die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) gründeten, ging im Westen die Sorge um: Kann uns dieser autoritäre Block in die Zange nehmen? Der Krieg im Iran und der Kampf um die Straße von Hormus haben den Block, dem Indien als einzige stabile Demokratie angehört, allerdings in den vergangenen Monaten zum Bröckeln gebracht.

In der kirgisischen Hauptstadt Bischkek treffen sich diese Woche die Vertreter der Gruppe. Chinas Präsident Xi Jinping erklärte im Vorfeld im verschwurbelten Polit-Chinesisch, es gehe um die „inklusive Koexistenz unterschiedlicher Zivilisationen“, um eine „geteilte Zukunft für die Menschheit“.

Die kommunistische Partei Chinas benutzt das Bündnis SCO nicht nur für eine Außenpolitik im Sinne Pekings. SCO steht für eine fast sakrale Mission, die Welt ein Stück chinesischer zu machen – verklärt in der Sprache des Multilateralismus und der internationalen Zusammenarbeit. Die Gegenwart des Klubs der Autokratien ist aber trotz der Rhetorik aus Peking alles andere als harmonisch. Es geht dabei nicht nur um schwelende Spannungen zwischen Indien, China und Pakistan.

Der israelisch-amerikanische Iran-Krieg hat die Organisation entzweit. Offiziell hat die SCO sich für die territoriale Integrität und Souveränität des Iran ausgesprochen. Der Generalsekretär der Organisation, der ehemalige kasachische Verteidigungsminister Nurlan Jermekbajew, nahm am Begräbnis des „Obersten Anführers“ Ajatollah Chamenei teil.

Militärische Unterstützung für den Iran, seit 2023 Vollmitglied der SCO, hat es aber nicht gegeben – weder vonseiten Russlands noch von China. Im vergangenen Dezember hielt der Iran mit „Sahand-2025“ erstmals SCO-Militärübungen auf eigenem Boden ab, in der Hoffnung, die eigene militärische Bedeutung für China und Russland herauszustellen. Im Kriegsfall hat das wenig gebracht.

Die Interessen der SCO-Schlüsselakteure China, Indien, Russland und der Iran gehen erheblich auseinander. Für Peking dominiert die ökonomische Komponente: Teheran und die Golfstaaten sind wichtige Energielieferanten für die riesige chinesische Exportwirtschaft, etwa ein Drittel der chinesischen Ölimporte sind von der Hormus-Route abhängig.

Indien schaut argwöhnisch auf Pakistan

Der Krieg könnte aus chinesischer Sicht nicht schnell genug enden. In jedem Fall liege es in Chinas Interesse, den Konflikt klein zu halten und nicht eskalieren zu lassen, argumentiert der indische Politologe Jagannath Panda.

Die Position Indiens ist komplexer. Die Regierung Narendra Modis hat die amerikanischen Angriffe zwar wegen der konfliktreichen Beziehung zu Donald Trump nicht verurteilt. Andererseits beobachtet Indien argwöhnisch, dass der Erzfeind Pakistan sich mit Erfolg als Mediator ins Spiel gebracht hat. Dennoch: Der Krieg schadet der indischen Wirtschaft und der Bevölkerung.

Indien verlor etwa 27 Prozent der Ölimporte und musste zwischenzeitlich auf mehr Öllieferungen aus Lateinamerika ausweichen – und die sanktionspolitisch riskanten Importe vom Hauptlieferanten Russland ausbauen. Auch die bisherigen Routen von Flüssiggas-Importen sind gestört. In Indien herrscht eine Energiekrise, Modi ruft die Bevölkerung auf, Benzin und Diesel zu sparen. China konnte die Import-Disruption mit erneuerbaren Energien und einheimischer Kohle abfedern, Indien verfügt nicht über vergleichbare Möglichkeiten.

Die Probleme Indiens und Chinas sind für den Iran zweitrangig. Die Führung des Landes stellt Ökonomie und die Sicherheit der Meeresrouten hinten an, es geht um das Überleben des Regimes und die Stärkung der Verhandlungsposition gegenüber den USA. Seit den ersten Wochen des Konflikts setzt der Iran faktisch auf einen Abnutzungskrieg.

Russland wiederum ruft zu Diplomatie und Frieden auf, freut sich aber insgeheim über jeden Konflikt, der die Aufmerksamkeit und die Ressourcen der USA vom Ukraine-Krieg ablenkt und obendrein die Ölpreise in die Höhe schnellen lässt. Zwischen März und Juni konnte der russische Staatshaushalt Mehreinnahmen von umgerechnet 13,5 Milliarden Euro erzielen. Das ist nicht genug, um die vom Ukraine-Krieg verursachten Haushaltslücken zu stopfen, aber dennoch eine Erleichterung.

Die Folgen des bisherigen Iran-Kriegs sind in der Ukraine nun fast täglich zu spüren. Der immense Verbrauch durch US‑Verbündete und die Konkurrenz um den Nachschub von Munition für das Flugabwehrsystem Patriot haben dazu geführt, dass die Ukraine zu kurz kommt.

Die Abfangrate von ballistischen Raketen lag in den vergangenen zwei Monaten zwischen 26 und 41 Prozent – das heißt, im schlimmsten Fall konnten drei von vier ballistischen Raketen der russischen Armee ihre Ziele erreichen. Der Kreml dürfte beim SCO-Treffen also kaum ein Interesse an einem Frieden im Iran haben. Daran werden wohl auch die Friedensappelle aus Peking nichts ändern.

Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.

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