Ungewöhnlich deutliche Worte aus der deutschen Filmszene: Bei der Emmy-Party am vergangenen Freitag in Berlin kamen hunderte Vertreter aus Medien, Kultur, Wirtschaft und Politik im exklusiven Schlosshotel zusammen. Eigentlich werden kritische Themen beim sogenannten Red-Carpet-Talk von den Gästen gerne vermieden, nicht so aber diesmal: Der Rückzug von Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner als CDU-Spitzenkandidat ist bei der Prominenz in Grunewald Thema des Abends.
Und nicht nur das: Gleich mehrere bekannte Schauspielerinnen nutzen die Interviews auf dem Roten Teppich für eine bittere Abrechnung mit ihrem Noch-Bürgermeister und der aktuellen Politik allgemein, insbesondere im Umgang mit dem Wahlvolk und der AfD.
Im Interview mit dem Youtube-Channel „Tik Online“ kommentiert Schauspielerin Caroline Beil den Rückzug von Wegner aus dem Wahlkampf für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin mit den Worten: „Richtig so. Ein Mensch, der lügt und Tennis spielt, während 45.000 Haushalte ohne Strom sind, sollte auch schleunigst zurücktreten, finde ich.“ Es sei ein Wunder, dass es so lange gedauert hat. Solche Pfeifen braucht keiner, sorry.“
Auf die Frage, was sie sich von den Politikern allgemein wünsche, sagt Beil „dass sie Politik für die Leute machen und nicht, um sich in die nächste Legislaturperiode zu retten“. Das sei es, was vielen Leuten aus ihrer Sicht gerade missfalle, „weil sie merken, die Politiker kümmern sich null, die setzen sich zusammen und reden von irgendwelchen Reformen, die keine sind“. Das sei frustrierend.
Bei VW würden vielleicht bald 150.000 Stellen abgebaut, zählt die Schauspielerin auf, „die Wirtschaft geht runter, alles geht den Bach runter, die Leute finden das nicht gut und dann sitzen da irgendwelche Pfeifen, die nicht mal einen Schulabschluss haben und wollen unser Land regieren. Das finde ich irgendwie schwierig“.
Ähnlich deutlich äußert sich Schauspielerin Tina Ruland auf dem Event gegenüber dem Youtube-Channel zur aktuellen Politik. Die aktuelle politische Lage bezeichnet sie als „extremst beängstigend“. Was in der Politik im Moment passiert, „geht auf keine Kuhhaut“. Sie würde sich sehr wünschen, die die amtierenden Politiker mal darauf hören würden, was der Souverän, „nämlich wir, die Arbeitgeber dieser Politiker“, sagen, wollen und uns wünschen.
Stattdessen, so Ruland, sei es Normalität geworden, dass das Volk nur noch angelogen wird. „Es wird was ausgesprochen und dann wird es einfach wieder zurückgenommen und niemand schert sich mehr.“ Sie habe das Gefühl, dass Skandale nur noch ausgesessen würden.
Auf die Frage, was in Deutschland passieren wird, antwortet Ruland: „Na, wir wissen alle, was passieren wird. Und ganz ehrlich, daran sind nicht die Bürger schuld, daran ist auch nicht die AfD schuld, daran sind einzig und allein die Altparteien schuld, die schlechte Politik machen.“
Wenn man von den Parteien nicht gehört wird, sei es völlig normal, irgendwann etwas anderes zu wählen, findet Ruland. „Und das ist die Schuld der Altparteien.“
Ruland vermisst Ehrenkodex in der Politik
Auf die Frage, was sie sich von der aktuellen Politik wünschen würde, entgegnet die Schauspielerin: „Zum ersten dürften sie (Politiker) nicht straffrei ausgehen, wenn Sachen passieren.“ Als Beispiel nennt Ruland die Masken-Affäre um Jens Spahn. „Das kann nicht sein. Man muss einfach so damit umgehen wie sich jeder Arbeitnehmer und jeder Arbeitgeber verhalten muss.“
Dieser Ehrenkodex sei weggefallen. „Es gibt scheinbar keine Ehre und kein Gewissen mehr in der Politik. Es geht nur noch darum: Wie bereichere ich mich selbst? Und dann bin ich irgendwann draußen und kriege noch bis an mein Lebensende wahnsinnig viel Geld. Das kann nicht sein“, kritisiert Ruland.
Simone Thomalla kritisiert deutsche „Wutgesellschaft“
Auch Simone Thomalla traut den Worten vieler Politiker offenbar nicht mehr. „Es ist immer mehr die Frage: Was ist Wahrheit, was nicht? Man muss immer alles 100 mal hinterfragen“, sagt die Schauspielerin und kritisiert: „Wir sind in einer Demokratie, wo man letzten Endes nirgendwo mehr sagen kann, was man denkt.“
Deutschland sei keine Streitgesellschaft mehr, sondern eine Wutgesellschaft geworden. „Bist du nicht meiner Meinung? Dann wird gleich Hass über dich geworfen.“ Als Kind der DDR finde sie es nicht optimal, dass kein Dialog mehr möglich sei und Menschen nicht mehr frei sagen könnten, was sie denken.
„Und immer diese Verbote“, legt Thomalla nach. „Verbieten, verbieten, verbieten, AfD verbieten. Nein, sich um die Probleme kümmern der Menschen, die sie dahin bringen, die AfD zu wählen. Das ist die Alternative und nicht immer nur verbieten!“
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