Wie wichtig China für die russische Wirtschaft geworden ist, sieht man, wenn man sich in Russland ein Taxi ruft. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ein Wagen der Marke Haval, BAIC oder Jaecoo vorfährt – chinesische Automarken boomen. Kauft ein Russe Haushaltswaren oder Elektrogeräte, wird er höchstwahrscheinlich zu chinesischen Produkten greifen. „Die Chinesen verkaufen einfach alles hier“, erzählt Maria (Name geändert, er ist der Redaktion bekannt), eine Studentin in ihren Zwanzigern, die in Sankt Petersburg lebt. „Selbst viele vermeintlich russische Waren sind chinesisch.“

Für Moskau wird dieses Ungleichgewicht zum Problem. Vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Krieges ist Russland außenpolitisch isoliert – und wirtschaftlich abhängiger von China als zu Sowjetzeiten. Präsident Wladimir Putin und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping werden nicht müde, immer wieder ihre Freundschaft zu betonen. So erklärte Xi im Februar vergangenen Jahres, beide Länder seien „gute Nachbarn“ und „wahre Freunde“. Am Dienstag und Mittwoch wird Putin in China empfangen, um mit Xi den 25. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern zu feiern. Das kann jeoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Abhängigkeit von China mit jedem Kriegsjahr wächst.

Zhang Yong (Name geändert) ist einer der Profiteure dieser Entwicklung. Vor sieben Jahren ließ sich der Pekinger Unternehmer in Westsibirien nieder, in einer Region, in der Steinkohle abgebaut wird. Er importiert hydraulische Vorrichtungen, um Grubenwände abzustützen, sowie Förderanlagen und Vortriebsmaschinen für den Tunnelbau.

„Russland kann das nicht selbst herstellen. Vor dem Krieg haben sie diese Geräte vor allem in Deutschland und den USA gekauft. Jetzt importieren sie sie aus China“, erklärt Zhang. Er sei aber nur einer von vielen: „Ich kenne etliche Chinesen hier in der Gegend. Die meisten sind Importeure. Manche handeln mit Bergbautechnik, andere mit Kleidung oder Lebensmitteln.“

Die enge Kooperation zwischen beiden Ländern reicht weit zurück, doch bis heute ist es eine von Pragmatismus getriebene Annäherung. Russland und China sind sich trotz ihrer 4000 Kilometer langen Grenze fremd geblieben, kulturell, religiös, sprachlich. Ihre Hauptstädte liegen tausende Kilometer voneinander entfernt. Ihre Grenzregionen sind – insbesondere auf russischer Seite – dünn besiedelt und schlecht erschlossen. Bis 2022 gab es über den Fluss Amur, der die Länder auf der Hälfte der gemeinsamen Grenze voneinander trennt, keine einzige Brücke.

„Über 400 Jahre war diese Beziehung nie ebenbürtig“, erklärt Martin Wagner, Historiker an der FU Berlin, der die Beziehung beider Staaten erforscht. Vielmehr sei sie von Asymmetrien und Rivalitäten geprägt. Als China im 19. Jahrhundert die Opiumkriege verlor, sicherte sich das zaristische Russland riesige chinesische Gebiete im Fernen Osten – und hält sie bis heute. Als die Sowjetunion im 20. Jahrhundert zur sozialistischen Großmacht avancierte, behandelte sie Rotchina mit der Herablassung eines überlegenen Lehrmeisters.

Auch die gegenseitige Angst zieht sich durch die Beziehungen. Die Chinesen fürchteten lange das aggressiv-imperiale Gebaren Russlands, das sich immer wieder auch militärisch einmischte. Moskau wiederum treibt die Sorge vor einer demografischen Übermacht und einer chinesischen Überfremdung um. Das Narrativ der „gelben Gefahr“ hält sich im Fernen Osten Russlands bis heute.

Am prägendsten aber war – und ist bis heute – die wirtschaftliche Ungleichheit. Als der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow in den 1980er-Jahren begann, sein dysfunktional gewordenes Großreich zu reformieren, lernte China, dass sich wirtschaftliche Öffnung zwar lohnt, politische Öffnung aber ungeahnte Kräfte entfesseln kann. Während China 1989 die Studentenproteste am Tiananmen-Platz brutal niederschlug und wirtschaftlich aufstieg, zerfiel der Nachbar im Norden in den Wirren seines Reformkurses.

Russland: Chinas Tankstelle

Russland stürzte nach dem Fall der Sowjetunion in eine tiefe, auch wirtschaftliche Krise. Bis heute ist sie unterentwickelt und wenig diversifiziert. China dagegen ist zu einer globalen Wirtschaftsmacht aufgestiegen. Spätestens mit der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022 wurde Russland endgültig zum Juniorpartner, zur „Tankstelle Chinas“, wie der Historiker Wagner es ausdrückt.

Russland brechen die wichtigen Einkünfte durch Rohstoffverkäufe nach Europa weg. Um sich finanziellen Spielraum zu verschaffen, verkauft Moskau deshalb Waffensysteme an China – und gibt damit technologische Vorteile preis.

China nutzt die schlechte Verhandlungsposition Moskaus auch, um die Bedingungen für den Bau der gemeinsamen Pipeline „Kraft Sibiriens 2“ weitgehend zu bestimmen. Sie soll künftig Erdgas aus Westsibirien über die Mongolei nach China liefern.

Viel Geld bekommt Russland für sein Öl und Gas ohnehin nicht mehr: Seit Russland kaum mehr nach Europa liefert, kauft China den Überhang günstig ein. Außerdem stopft es auf dem russischen Markt die Löcher, die die ausbleibenden Geschäfte mit Europa und die Sanktionen gerissen haben.

China nutzt Russlands Notsituation zu seinen Gunsten aus

Das Handelsvolumen zwischen Russland und China hat sich zwischen 2021 und 2024 fast verdoppelt. „Es ist aber nicht so, als hätte man einem Freund in einer Notsituation geholfen“, betont Wagner. Eher habe China Russlands Notsituation zu seinen Gunsten ausgenutzt.

So baut China seine Handelsrouten über die Neue Seidenstraße quer durch Zentralasien aus, eine Region, die als traditionelle Einflusssphäre Russlands gilt. Seit 2019 ist China Haupthandelspartner der Region – und Russland sieht untätig zu. Zudem wird der Handel zwischen Russland und China fast nur noch in Yuan abgewickelt, am Rubel haben chinesische Banken kein Interesse.

Politisch profitiert China ebenfalls. Der Ukraine-Krieg beansprucht in Russland, aber auch bei den Verbündeten Kiews Ressourcen, die im Pazifikraum fehlen. China kann dort selbstbewusst seine Machtansprüche untermauern und droht immer unverhohlener mit einer Einnahme Taiwans.

„China gewinnt dadurch, dass sich der Westen über die Frage zerstreitet, wie man die Ukraine unterstützen kann“, sagt Wagner – und das, ohne Sanktionen und andere Folgekosten tragen zu müssen, die Putin seinem Land durch das Anzetteln des Ukraine-Krieges aufgebürdet hat.

Chinas Kalkül: Russland soll kämpfen – aber nicht gewinnen

Zwar wollen Moskau wie Peking die globale westliche Dominanz untergraben. Aber die Vorstellungen über das weiterreichende Ziel unterscheiden sich stark, so Wagner: „Im russischen Ideal gibt es eine Weltordnung mit mehreren Zentren, und Russland ist eines davon. Doch in der chinesischen Deutung gibt es höchstens zwei Weltmächte. Und Russland ist nur eine nachrangige Regionalmacht.“

Aus Sicht des Historikers hat Peking daher ein Interesse daran, dass Russland den Krieg gegen die Ukraine fortsetzt. „Erfüllt Putin seine Kriegsziele, gewönne Russland gegenüber China wieder an Stärke und könnte seine Abhängigkeit reduzieren. Gleichzeitig kann China aber auch kein Interesse daran haben, dass Russland diesen Krieg verliert.“ Denn dann würden wieder westliche Kapazitäten frei. Laut Wagner ist das beste Szenario für China, wenn „der Krieg weiter andauert“.

Doris Fischer, die den Lehrstuhl für chinesische Ökonomie an der Universität Würzburg innehat, warnt davor, die Partnerschaft der beiden Staaten zu überschätzen. Die westliche Annahme, dass China Russland tatkräftig unterstütze, sei teilweise überhöht. „Die Chinesen sind unglaublich gut darin, neue Geschäftsmöglichkeiten zu finden.“ Nach dem Rückzug der Europäer aus Russland hätten chinesische Firmen schlicht die Lücken gefüllt.

Die Führung in Peking habe wohlwollend zur Kenntnis genommen, wie westliche Sanktionen gegen Russland indirekt halfen, Chinas Wirtschaft anzuheizen – ohne eigenes Zutun. Kritik aus dem Westen sei ohnehin einfach zu parieren: Europa beziehe schließlich auch noch Gas aus Russland, westliche Unternehmen nutzten außerdem Umwege, um trotz Sanktionen nach Russland zu liefern.

In einem Bereich hat Russland China allerdings noch immer etwas voraus. Während die chinesische Armee in den vergangenen Jahrzehnten faktisch keine bewaffneten Auseinandersetzungen erlebt hat, haben die russischen Streitkräfte mit Kriegen in Georgien, Tschetschenien, Syrien und der Ukraine Kampferfahrung gesammelt. Auch als Atommacht ist Russland unangefochten. Aber auch dort schrumpft der Vorsprung: China, das schon jetzt über die größere konventionelle Streitmacht verfügt, geht beim Ausbau seines Atomwaffenarsenals in schnellen Schritten voran.

Julius Fitzke ist seit Juli 2025 Volontär bei WELT im Ressort Außenpolitik.

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