Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer rechnet damit, dass Russland die Nato spätestens 2029 militärisch testen könnte – auch früher. „Die verschiedenen Indikatoren – Aufrüstung, Personalaufbau, wirtschaftliche und politische Entwicklungen – laufen auf einen Punkt zu: 2029. Könnte es früher passieren? Ja“, sagte Breuer in einem gemeinsamen Interview mit seinem britischen Amtskollegen Air Chief Marshal Sir Richard Knighton in der „Süddeutschen Zeitung“.
Knighton erläuterte, warum die Bedrohung durch Russland so ernst zu nehmen sei: Russland kämpfe in der Ukraine, lerne dabei und entwickle aktiv neue Technologien und militärische Fähigkeiten weiter. Putin habe zudem seinen Willen bewiesen, souveräne Staaten anzugreifen. „Je näher man an der russischen Grenze ist, desto stärker spürt man das“, sagte der britische Generalstabschef der „SZ“.
Angesichts von Truppenabzügen und unklaren Signalen aus Washington betonten beide: Die Nato stehe zusammen. „Unser Problem ist in Moskau und nirgendwo anders“, sagte Breuer. Deutschland brauche deshalb bereits heute eine sogenannte „Fight-Tonight-Fähigkeit“ – also die Fähigkeit, sofort einsatzbereit zu sein. Darüber hinaus seien gesteigerte Kapazitäten bis 2029 und technologische Überlegenheit bis 2035 nötig.
Eine ernste Nachricht enthält das Interview auch für die deutsche Verteidigungspolitik: Die unter US-Präsident Biden geplante Stationierung des Long-Range-Fires-Bataillons in Deutschland werde offenbar nicht zustande kommen, bestätigte Breuer. „Das ist ein strategisches Thema“, sagte er. Ursprünglich hätten die US-Raketen die Zeit überbrücken sollen, bis Deutschland eigene weitreichende Fähigkeiten aufgebaut habe. Nun prüfe man „mit Hochdruck Übergangslösungen“, darunter den Kauf marktverfügbarer Systeme. Breuer sei dazu bereits im Pentagon gewesen, Ende des Monats reise Verteidigungsminister Boris Pistorius nach Washington, um weiter für den Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern zu werben.
Nato-Zusammenhalt trotz Trump
Den Abzug von 5000 US-Soldaten aus Deutschland bewertete Breuer als militärisch verkraftbar. „5000 von insgesamt knapp 40.000 Soldaten zurückzuverlegen, bedeutet nicht den Rückzug aus der Nato“, sagte er. Strategisch seien die Abzüge „kein Game-Changer“ – für die betroffenen Gemeinden in Deutschland aber durchaus ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Einschnitt.
Knighton unterstrich seinerseits, dass Präsident Trump Artikel 5 des Nato-Vertrags als unantastbar bezeichnet habe. „Das ist die Grundlage der erfolgreichsten Militärallianz der Geschichte“, sagte der britische Generalstabschef. Gleichzeitig müsse Europa mehr Verantwortung übernehmen.
Deutschland und Großbritannien kämpfen bereits gemeinsam
Beide Generalstabschefs betonten die enge Zusammenarbeit ihrer Streitkräfte. Als konkrete Beispiele nannte Knighton die gemeinsame Luftraumüberwachung im Baltikum mit Eurofightern, deutsche Seefernaufklärer auf britischen Stützpunkten sowie einen britischen General mit seinem Stab an Bord einer deutschen Fregatte im Nato-Seeverband. „Das ist so nah, wie man nur zusammenrücken kann“, sagte Knighton.
Breuer bestätigte: „Können wir zusammen kämpfen? Ja, ohne jeden Zweifel.“ Systeme und Strukturen sollten künftig nicht nur kompatibel, sondern wirklich austauschbar werden. „Da liegt noch Arbeit vor uns, aber wir sind auf dem richtigen Weg.“
Zur Frage einer europäischen Nuklearabschreckung unter Einbindung Deutschlands zeigte sich Breuer zurückhaltend. „Das ist im Moment keine militärische Diskussion, sondern eine politische“, sagte er. Abschreckung lebe von strategischer Ambiguität. „Neue militärische Konstrukte braucht es dafür zunächst nicht.“ Knighton betonte, die britische Nuklearkapazität bleibe vollständig in die Nato eingebettet – „das ist und bleibt unveränderlich“.
Appell an junge Menschen
Auf die Frage, wie man junge Menschen für den Militärdienst gewinnen könne, antwortete Breuer mit einem klaren Appell: „Es ist heute klarer denn je, dass unsere Freiheit, unser Frieden, unser Wohlstand und unsere Werte bedroht sind und angegriffen werden. Nicht irgendwann in der Zukunft, sondern heute, täglich.“ Knighton ergänzte: „Starke Streitkräfte in Europa senken die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts, weil sie unsere Gegner abschrecken. Wir wollen keinen Krieg. Wir vermeiden ihn durch Stärke.“
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