Lars Gerdes, 53, ist der ranghöchste Deutsche bei Frontex, der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache mit Sitz in Warschau. In der Hierarchie steht er direkt hinter Behördenchef Hans Leijtens. Als stellvertretender Exekutivdirektor verantwortet der frühere leitende Polizeidirektor der Bundespolizei die Bereiche Einsätze und Rückführungen. Gerdes unterstehen derzeit rund 3500 Einsatzkräfte.
WELT: Herr Gerdes, Frontex soll massiv ausgebaut werden. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Lücken im aktuellen System, wo neue Schwerpunkte?
Lars Gerdes: Wir können die Mitgliedstaaten heute schon bei fast allem unterstützen, was sie an den Außengrenzen tun. Bei den Zuständigkeiten sind wir also schon weit. Klar ist: Es wird deutlich mehr Personal geben müssen. Im Raum steht der Ausbau unserer Einsatzkräfte auf bis zu 30.000 Beamte.
Trotz des kommenden neuen europäischen Asylsystems können wir bei der Migrationslage keine Entwarnung geben. Zunächst müssen die vorgesehenen Maßnahmen vollständig umgesetzt werden. Das betrifft auch die logistischen Vorbereitungen der Mitgliedstaaten, also beispielsweise Unterkünfte und Gewahrsamskapazitäten für das vorgesehene Grenzasylverfahren.
Gleichzeitig haben wir mittlerweile eine völlig neue hybride Bedrohungslage an den Grenzen, etwa in Bezug auf die gezielte Instrumentalisierung von Migranten. Deshalb werden wir auch zusätzliche Kompetenzen im neuen Mandat brauchen. Des Weiteren müssen wir uns zunehmend auf neue technische Hilfsmittel konzentrieren, zum Beispiel Drohnen und moderne Luftüberwachung. All das wird immer wichtiger.
Lars Gerdes, Vize-Exekutivdirektor von FrontexWELT: Welche Rolle spielen diese neuen Technologien für Ihre Arbeit?
Gerdes: Eine sehr große. Eine unserer Kernaufgaben ist es, ein europäisches Lagebild der Außengrenzen zu erstellen. Dafür nutzen wir Satellitenbilder, Flugzeuge, Drohnen und teilweise Hubschrauber. Die Zukunft liegt im Grenzschutz auch bei Drohnen. Sie können deutlich länger in der Luft bleiben und größere Gebiete überwachen als etwa Hubschrauber. Gleichzeitig werden Sensorik und Kameratechnik immer besser. Dadurch erkennen wir Migrationsbewegungen, Schleuseraktivitäten oder Seenotfälle schneller. Wenn wir Boote früher entdecken, können wir schneller Seenotrettung organisieren. Frühzeitige Erkennung kann also Leben retten.
WELT: Wie hilft Technik im Kampf gegen organisiertes Verbrechen?
Gerdes: Es hilft uns, Schmuggleraktivitäten besser zu erkennen und die oft sehr mobilen Gruppen zu verfolgen. Über das Mittelmeer werden Drogen wie etwa Kokain, Waffen und andere illegale Güter verschifft. Grenzschutz ist deutlich mehr als nur die Migrationsfrage.
WELT: Frontex steht auch an den europäischen Landgrenzen. Sie warnen seit Längerem vor möglichem Waffenschmuggel aus der Ukraine. Wie konkret ist diese Gefahr?
Gerdes: Wir haben uns seit Beginn des Krieges darauf vorbereitet. Ich halte das Risiko besonders nach einem Waffenstillstand oder Frieden für hoch. Dann gibt es größere Mengen Waffen, Munition und Sprengstoff im Land – und viele Menschen, die Geld brauchen. Es könnte zu Waffenschmuggel in einem größeren Ausmaß kommen.
Das könnte ein Sicherheitsproblem für Europa werden – gerade wenn Kriegswaffen in kriminelle Netzwerke oder gar an Terroristen gelangen. Deshalb analysieren wir und andere Sicherheitsbehörden in Europa die Lage intensiv, und wir bilden unsere Kräfte aus sowie unterstützen die Grenzbehörden in den Mitgliedstaaten entsprechend.
WELT: Sie denken also an ein Szenario wie nach den Jugoslawienkriegen – nur größer?
Gerdes: Das ist gut möglich und dann aber auch mit Waffen der neuesten Generation. Darauf müssen wir uns präventiv einstellen. Deshalb sind wir auch jetzt schon mit starken Kräften an der Westgrenze der Ukraine präsent, die auch fortgebildet sind. Wir beobachten das sehr intensiv.
WELT: Wo ist der Druck an Europas Außengrenzen derzeit am größten?
Gerdes: Das verändert sich permanent. Besonders dynamisch ist die Lage im Osten – Polen, Finnland, in den baltischen Staaten. Dort sehen wir hybride Bedrohungen, also die Instrumentalisierung von Migration durch staatliche Akteure wie Belarus und Russland. Gleichzeitig gibt es ständig Verdrängungseffekte. Wenn eine Route geschlossen wird, verlagert sich der Druck an eine andere Stelle.
Wir haben beispielsweise Fluchtbewegungen von Migranten von den europäischen Ostgrenzen nach Libyen festgestellt. Es ist unwahrscheinlich, dass die Menschen dies rein aus eigenem Antrieb tun, geschweige denn selbst die finanziellen Mittel dafür aufbringen können. Von Libyen aus versuchen die Menschen wiederum, nach Europa zu kommen. Deshalb sehen wir aktuell zum Beispiel starke Anstiege bei den Ankünften auf Kreta. Entwarnung können wir nicht geben. Aus unserer Arbeit wissen wir: Die nächste Krise wird kommen.
WELT: Im Juni greift das neue europäische Asylsystem GEAS. Erwarten Sie davon eine echte Entlastung?
Gerdes: Das Migrationspaket ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Vor allem die Grenzverfahren mit anschließend möglichen Rückführungen sind entscheidend. Nach unseren Berechnungen könnten bis zu 50 Prozent der Migranten unter diese Regelung fallen, weil ihre Anerkennungsquote unter 20 Prozent liegt. Das kann einen erheblichen Effekt haben – wenn die Logistik funktioniert. Viele Tausend Menschen werden sich wohl über Monate im Grenzverfahren befinden. Die Mitgliedstaaten brauchen dafür Unterbringungskapazitäten, Sicherheitsstrukturen und teilweise auch, wie angesprochen, Gewahrsamsmöglichkeiten. Sonst reisen die Menschen einfach weiter wie bisher.
WELT: Frontex stand wegen mutmaßlicher Pushbacks und Menschenrechtsverletzungen in den vergangenen Jahren massiv in der Kritik. Was haben Sie daraus gelernt?
Gerdes: Wir haben uns mit diesen Vorwürfen auseinandergesetzt. Viele richteten sich gegen Mitgliedstaaten, wurden aber öffentlich oft Frontex zugeschrieben. Dabei gibt es keinen nachgewiesenen Fall, in dem Frontex-Beamte selbst Menschenrechtsverletzungen begangen hätten. Trotzdem haben wir reagiert: Wir haben ein eigenes Menschenrechtsbüro, Menschenrechtsmonitore, ein Konsultationsforum mit NGOs und eine intensive Kontrolle durch den Verwaltungsrat und das Parlament. So eine Überwachung gibt es bei kaum einer anderen Behörde. Wir sind insgesamt viel transparenter geworden in den letzten Jahren und haben unsere Türen geöffnet.
WELT: Kritiker sagen trotzdem: Frontex ist Teil eines europäischen Abschottungssystems. Migration um jeden Preis verhindern – sehen Sie das als Ihren Auftrag?
Gerdes: Unser Auftrag ist klar gesetzlich geregelt. Wir führen Grenzschutz durch und bekämpfen grenzüberschreitende Kriminalität. Gleichzeitig gilt selbstverständlich das Asylrecht. Wenn Menschen nach Registrierung Asyl beantragen, können sie einreisen. Frontex ist nach geltendem Recht nicht befugt, pauschal die Einreise zu verweigern. Das wird erst mit der Implementierung des neuen GEAS in Teilen möglich sein.
WELT: Aber Kooperationen mit Ländern wie Libyen bringen Europa doch zwangsläufig in moralische Grauzonen.
Gerdes: Ich sehe das anders. Wo wir präsent sind, wird die Situation eher besser als schlechter. Unsere Leute melden Verstöße und versuchen, europäische Standards vorzuleben. Sicherheit und Menschlichkeit sind kein Widerspruch. Ich finde die Debatte auch etwas irritierend: NGOs fordern oft, dass wir uns aus problematischen Ländern zurückziehen. Aber auch UNHCR oder das Rote Kreuz bleiben ja dort – weil die Lage sonst noch schlimmer würde.
WELT: Rückführungen scheinen inzwischen immer mehr in den Fokus zu rücken, Frontex übernimmt hier mehr Aufgaben. Verschiebt sich Ihr Fokus weg vom klassischen Grenzschutz?
Gerdes: Rückführungen gehören schon lange zu unseren Kernaufgaben und zu einem gesamteinheitlichen Ansatz im Migrationsmanagement. Heute unterstützen wir bereits etwa 50 Prozent aller Rückführungen aus Europa – organisatorisch, personell oder finanziell. Seit 2022 haben wir die Zahlen von rund 24.000 auf 56.000 pro Jahr gesteigert. Besonders stark wächst der Bereich der freiwilligen Rückkehr, auch Richtung Länder wie Afghanistan und Syrien. Das ist häufig auch die bessere Lösung: humaner, einfacher und nachhaltiger. Gleichzeitig unterstützen wir aber auch zwangsweise Rückführungen, wenn Mitgliedstaaten das anordnen und fordern.
Korrespondent Philipp Woldin kümmert sich bei WELT vor allem um Themen der inneren Sicherheit sowie Migration und berichtet über das Bundesinnenministerium.
Alexander Dinger ist Ressortleiter Investigation und Reportage.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke