Der Januar war für Russland ein Jammer, der Februar ein Desaster, der März problematisch, der April eine Katastrophe. Und der Mai lässt sich aus Moskaus Sicht ähnlich schlecht an: Brennende Raffinerien und Öllager zeigen, welche Reichweite ukrainische Drohnen und Marschflugkörper inzwischen haben.
Und sie machen vor allem deutlich, dass die russische Armee kein wirkliches Mittel gegen solche Angriffe hat. Moskau bat – versteckt hinter Drohungen – um eine Waffenruhe für den 8. und 9. Mai. Die Ukraine bot im Gegenzug eine Waffenruhe ab dem 6. Mai an – die Russland ignorierte, mit Angriffen, bei denen viele Zivilisten ums Leben kamen. Folglich schlug Kiew Russlands Bitte um einen befristeten Waffenstillstand aus. Anstatt zaghafter Deeskalation stehen die Zeichen nun also wieder auf Eskalation.
Über eines können die russischen Machtdemonstrationen aber nicht hinwegtäuschen: dass die „Spezialoperation“, wie der Kreml den Krieg gegen die Ukraine nennt, aus russischer Sicht gar nicht gut läuft.
Dem ukrainischen Militärexperten Mykola Bieleskov vom ukrainischen National Institute for Strategic Studies (NISS) zufolge helfen Moskaus quantitative Vorteile bei Truppenstärke und konventionellen Waffen nicht mehr gegen Kiews Strategie. „Die Menschen mit ihrem Einfallsreichtum und ihren Innovationen an der Basis sowie ihren horizontalen Verbindungen, dazu ein militärisch-industrieller Komplex, der schneller auf sich ändernde Bedürfnisse reagiert als der russische“, beschreibt er die Vorteile auf ukrainischer Seite.
Die Fähigkeit, sich rasch an neue Herausforderungen anzupassen, ist ein Punkt, den auch Dmytro Zhmailo vom Ukrainian Security and Cooperation Center (USCC) als maßgeblich hervorhebt. Von einem Wendepunkt will er aber nicht sprechen.
Experte Bieleskov ist immerhin überzeugt: Sollte sich an Russlands Strategie nichts grundlegend ändern, könne Moskau in diesem Jahr nicht mit Fortschritten auf dem Schlachtfeld rechnen und damit auch nicht mit einer Verbesserung seiner Verhandlungsposition. Die jüngsten ukrainischen Erfolge seien keine Zufälle, sondern Resultat „taktischer und technologischer Anpassungen“, sagt er. Trotzdem erwartet der Experte, dass Russland nichts unversucht lassen wird und die blutigen Kämpfe daher weitergehen.
Auch wenn sich viele Informationen von der Front nicht unabhängig überprüfen lassen, sind sich internationale Beobachter weitgehend einig: Von einer russischen Offensive kann man längst nicht mehr sprechen. Größere Aktionen lassen sich lediglich noch rund um den Festungsgürtel um die Städte Kramatorsk, Slowjansk und Kostjantyniwka beobachten.
Laut dem amerikanischen Thinktank Institute for the Study of War (ISW) hat die russische Armee im April unter dem Strich sogar mehr Gebiet verloren als erobert. Demnach büßte sie die Kontrolle über rund 120 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums ein. Es sei für Wladimir Putins Streitkräfte der erste Nettoverlust in einem Monat seit dem Einmarsch der Ukraine in das russische Gebiet Kursk im August 2024. Die Auswirkungen sind allerdings begrenzt. Insgesamt gewann die Ukraine demnach die Kontrolle über rund 0,02 Prozent ihres Staatsgebiets zurück.
Die Entwicklung sei die Folge „aktiver Verteidigungsmaßnahmen“, durch die es der Ukraine gelinge, die Initiative zu erlangen und Gebiete zu befreien, sagt Dmytro Zhmailo.
Und das trotz enormem Personal- und Material-Einsatz auf russischer Seite: 2023 hatte Moskau 420.000 Mann in und um die Ukraine im Einsatz, seit Dezember sind es rund 720.000. Die Verluste sind hoch, im April sollen es im Schnitt mehr als 1000 Soldaten pro Tag gewesen sein. Diese Schätzungen lassen sich nicht unabhängig bestätigen. Viele Soldaten erreichen die Front nicht einmal, sondern werden bereits beim Transport zum Ziel ukrainischer Mittelstreckenangriffe.
Noch nervöser machen Moskau inzwischen die ukrainischen Langstreckenangriffe. „Der europäische Teil Russlands ist anfällig für verstärkte ukrainische Angriffe“, so Mykola Bieleskov. Und es falle auf, dass es Russland nicht gelinge, diese Angriffe abzuwehren.
Laut ISW befindet sich mittlerweile ein Viertel des russischen Staatsgebiets in Reichweite ukrainischer Drohnen. Zum Teil gelang es der ukrainischen Armee sogar, Ziele zu treffen, die 2000 Kilometer von der ukrainisch-russischen Grenze entfernt liegen – nach Moskau sind es gerade einmal 450 Kilometer. Auch die schwer befestigte Halbinsel Krim wurde zuletzt stark getroffen. Laut Mykola Bieleskov ist diese „Kampagne mit Mittelstreckenangriffen (...) ein wesentlicher Bestandteil der aktuellen Kriegsstrategie der Ukraine, um die russischen Kriegsanstrengungen zu untergraben“.
Am 9. Mai feiert Russland wie jedes Jahr mit einer Parade den Sieg über Nazideutschland. Doch in Moskau wird vermutlich kein schweres Gerät rollen. Zu groß scheint die Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen, zu leer sind die Lager. Gleichzeitig soll sich Putin Sorgen um einen Putsch machen. Das mobile Internet wurde stark eingeschränkt, die Sicherheitsvorkehrungen hochgefahren.
Zugleich droht Moskau damit, Kiew in Schutt und Asche zu legen, sollte die Ukraine es wagen, die russische Hauptstadt am 9. Mai anzugreifen.
Ein solches Vorgehen sei typisch für Russland, sagt Mykola Bieleskov. Allerdings verfüge Moskau über „keine konventionellen Reserven mehr, um die Lage zu eskalieren und ukrainische Angriffe abzuschrecken“. Putin sei nicht bereit, die Kampfhandlungen einzustellen. Ihm gehe es bei dem Angebot eines Waffenstillstands darum, die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges abzuhalten, „ohne durch ukrainische Angriffe gedemütigt zu werden“.
Hinter dem Vorschlag könnte allerdings noch ein weiterer Aspekt stecken: Die Idee einer auf zwei Tage begrenzten Feuerpause hatte Moskau nach einem Telefonat zwischen Putin und US-Präsident Donald Trump kommuniziert, in dem eine solche Waffenruhe besprochen worden sein soll. Allerdings wurde die Ukraine darüber nie offiziell informiert.
Dass man ohne die Ukraine über die Ukraine spricht, kommt in Kiew nicht gut an. „Dies ist Russlands Krieg gegen die Ukraine. Wenn die USA und Russland verhandeln, ist es wichtig, dass unsere Seite weiß, worüber sie sprechen“, so Präsident Wolodymyr Selenskyj. Zwar steht die Ukraine diplomatisch heute besser da als vor einem Jahr.
Dennoch: „Niemand gibt sich der Illusion hin, dass wir Trump wesentlich beeinflussen könnten“, sagt Mykola Bieleskov. Der Kern des ukrainischen Ansatzes bestehe darin, „gegenüber den USA Schadensbegrenzung zu betreiben“, so der Experte. Und Russland weiter unter Druck zu setzen: an der Front und aus der Luft.
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