Am Mittwochmorgen gegen halb zwölf rannte ein 45-jähriger Mann mit einem Messer durch die Highfield Avenue in Golders Green, einem Viertel im Norden Londons. Er suchte nach Juden. Moshe Shine, 76 Jahre alt, wartete an einer Bushaltestelle. Shilome Rand, 34, war auf dem Weg zum Gebet in der nahegelegenen Synagoge. Beide wurden niedergestochen, Shine wurde in den Hals getroffen. Beide überlebten – knapp.

Es war ein Freiwilliger der jüdischen Bürgerwehr Shomrim, Yonathan Elkouby, der den Angreifer mit seinem Auto stoppte und zu Boden brachte, bevor die Polizei eintraf. Nicht der Staat schützte die Juden von Golders Green. Sondern ein Mann, der sich selbst in Gefahr begab, weil er wusste, dass sonst niemand es tun würde.

Die Polizei erklärte den Angriff wenig später offiziell zum Terrorakt. Der Londoner Polizeichef Mark Rowley nannte ihn einen „direkten Angriff auf britische Juden“. Premierminister Keir Starmer bezeichnete ihn als „antisemitischen Angriff“ und berief ein Krisentreffen ein.

Die islamistische Gruppierung Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiyya (HAYI), die Verbindungen zum iranischen Regime unterhält, bekannte sich auf Telegram zur Tat – dieselbe Gruppe, die seit März eine Serie von Angriffen auf jüdische Einrichtungen in London für sich reklamiert.

Es ist der zweite offiziell als Terroranschlag eingestufte Angriff auf die jüdische Gemeinschaft innerhalb von nur sieben Monaten. Am 2. Oktober 2025, dem jüdischen Feiertag Jom Kippur, wurden Melvin Cravitz und Adrian Daulby vor der Heaton Park Synagoge in Manchester ermordet. Es war der erste tödliche antisemitische Terroranschlag auf britischem Boden seit Beginn der Aufzeichnungen durch den Community Security Trust (CST) im Jahr 1984.

Die Zahlen für 2025 sind erschütternd: 3700 antisemitische Vorfälle, der zweithöchste Wert seit Bestehen der Nichtregierungsorganisation. Durchschnittlich 308 pro Monat, doppelt so viele wie vor dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023. 217 Fälle von Sachbeschädigung, darunter Angriffe auf Synagogen, Schulen, Wohnhäuser, jüdische Friedhöfe. Nur Vorfälle mit nachgewiesener antisemitischer Motivation werden gezählt. Weitere 3001 gemeldete Ereignisse fielen durch das Raster. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.

Golders Green, ein Viertel, in dem etwa die Hälfte der 15.000 Bewohner jüdisch ist, erlebt seit Wochen eine beispiellose Eskalation. Am 23. März wurden vier Krankenwagen der jüdischen Freiwilligenorganisation Hatzolah in Brand gesetzt. Am 15. April versuchten Brandstifter, die Finchley Reform Synagogue anzugreifen. Am selben Tag gab es einen Brandanschlag auf das Büro des regimekritischen TV-Senders Iran International. In der Nacht vor dem Messerangriff wurde eine Gedenkwand angezündet. Für all diese Taten hat sich HAYI verantwortlich erklärt.

Premierminister Starmer sprach nach dem Angriff von der Notwendigkeit, „an die Wurzeln von Extremismus und Antisemitismus“ zu gehen. Innenministerin Shabana Mahmood hatte bereits im März zugegeben, dass der Antisemitismus außer Kontrolle geraten sei. Ihr einziger Vorschlag: mehr Geld für den Community Security Trust.

Vor allem Betroffenheitsrhetorik

Das krasseste Beispiel für Betroffenheitsrhetorik lieferte der Grünen-Vorsitzende Zack Polanski, der selbst jüdisch ist. Auf die Frage einer israelischen Journalistin nach der Anschlagsserie antwortete er, man müsse unterscheiden zwischen einer tatsächlichen Bedrohung und einer bloßen „Wahrnehmung von Unsicherheit“ – einer „perception of unsafety“.

Die Kontraste innerhalb der britischen Politik könnten kaum schärfer sein. Oppositionsführerin Kemi Badenoch von den Tories erklärte, die jüdische Bevölkerung werde permanent angegriffen, es handele sich um eine Epidemie der Gewalt, die als nationaler Notstand behandelt werden müsse.

Am Mittwochabend marschierten mindestens 150 Demonstranten durch Golders Green. Sie schwenkten britische und israelische Flaggen und skandierten über Megafone: „Keir Starmer, Jew harmer“ – Keir Starmer, Judenschädiger. Es ist ein vernichtendes Urteil, das die jüdische Gemeinschaft über ihre eigene Regierung spricht.

„Der Judenhass in Großbritannien ist außer Kontrolle“, sagte Gideon Falter, Geschäftsführer der Organisation Campaign Against Antisemitism, WELT. Junge Menschen würden radikalisiert, der Iran orchestriere den Terror, und die britischen Politiker und die Polizei beschwichtigten die Extremisten. „Das ist ein nationaler Notstand, und nach so vielen Angriffen haben wir noch immer keinerlei Hinweis darauf, dass der Premierminister einen Plan hat.“

Labour hatte im Wahlprogramm versprochen, die iranischen Revolutionsgarden als Terrororganisation einzustufen. Im Januar 2026 erklärte Wirtschaftsminister Peter Kyle, die Regierung habe sich dagegen entschieden. Erst unter dem Druck der Anschlagsserie deutete Starmer am 28. April an, dass neue Gesetze eine Ächtung ermöglichen sollen. Die Europäische Union, die USA, Kanada, Schweden und Australien hatten den Schritt längst vollzogen.

Max Lucks (Grüne), Obmann im Ausschuss für Menschenrechte, fordert mehr Härte gegenüber dem iranischen Regime, die Listung der Revolutionsgarden als Terrororganisation und ein Ende der Finanzströme aus Europa. „Dieses Regime ist angewiesen auf diese Finanzströme.“

Es ist eine bittere Ironie: Ein Land, das nach den Unruhen von Southport 2024, bei denen muslimische Einrichtungen angegriffen wurden, das Justizsystem in Überstunden arbeiten ließ, um Randalierer innerhalb von Tagen mit harten Strafen zu belegen, zeigt bei antisemitischen Angriffen häufig Passivität.

So wurde ein junger Mann, der sich des Angriffs auf eine Synagoge schuldig bekannte, auf Kaution freigelassen. Aktivisten von Palestine Action zitierten vor dem Londoner Gerichtsgebäude palästinensische Terroristen und riefen zu einem weltweiten Aufstand auf, ohne dass jemand einschritt.

Rund 280.000 Juden leben in Großbritannien. Sie unterhalten eigene Sicherheitsorganisationen, eigene Krankenwagendienste, eigene Bürgerwehren – nicht aus Tradition, sondern aus der Erkenntnis, dass der Staat sie nicht schützen will oder kann.

Der CST installiert Sicherheitstüren und bruchsichere Fenster in jüdischen Schulen. Rabbiner und Schulkinder durchlaufen Selbstverteidigungstrainings. Es ist ein Zustand, der an dunkle Kapitel europäischer Geschichte erinnert.

Kürzungen bei der Polizei

Yonathan Elkouby, der am Mittwoch den Angreifer mit seinem Auto stellte, hat – wie viele Jüdinnen und Juden in London – gelernt, sich selbst zu organisieren, Streife zu gehen und zuzupacken, wenn es darauf ankommt. Und das wird immer wichtiger.

Denn während die Anschläge eskalieren, kürzt Londons Bürgermeister Sadiq Khan die Mittel für die Polizei: 1700 Stellen für Beamte und Mitarbeiter werden gestrichen, um ein Haushaltsloch von 260 Millionen Pfund zu stopfen.

Mehr als 100 Polizeistationen in London wurden seit 2010 geschlossen. Die Patrouillen auf den Straßen werden immer weniger – auch in einem Viertel, das zur Zielscheibe einer iranischen Terrorgruppe geworden ist.

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