Das politische Leitmotiv für Winfried Kretschmanns (Grüne) Abschied drängt sich geradezu auf, als zwei Tänzer des Stuttgarter Balletts die Bühne im Neuen Schloss betreten. Sie verkörpern Prinz Siegfried und die zum weißen Schwan verzauberte Prinzessin Odette aus Tschaikowskys „Schwanensee“ und vollführen zur Einstimmung den Tanz „Pas de deux“. Die Hebefiguren im perfekt aufeinander abgestimmten „Liebesduett“ gelingen anmutig, scheinbar mühelos.

Baden-Württembergs scheidender Ministerpräsident sitzt ganz vorn im Weißen Saal des Stuttgarter Schlosses. Es wäre wohl übertrieben, die Darbietung mit Phasen seiner grün-schwarzen Koalition zu vergleichen. Zumindest lässt es sich aber als Sinnbild für das vertrauensvolle Zusammenspiel mit seinem Stellvertreter Thomas Strobl (CDU) deuten.

Langjährige politische Partner: Innenminister Thomas Strobl (CDU, l.) und Kretschmann

Nach 15 Jahren und drei Regierungszeiten tritt der 77-Jährige ab, der erste Grüne, der je eine Landesregierung in der Bundesrepublik angeführt hat. Die Zeremonie mit mehr als 400 hochrangigen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wirkt wie ein Anachronismus, wie Erinnerungen an eine vergehende oder bereits vergangene Zeit, stimmungsvoll eingerahmt vom hellen Wandstuck im Saal. Der Moment von Harmonie und Leichtigkeit wird – ungewollt, aber dramaturgisch effektvoll – durchbrochen, als zwei Bedienstete mit wenig Anmut ein weißes Redepult auf die Bühne wuchten.

In der ersten Reihe sitzen Kretschmanns designierter Nachfolger Cem Özdemir (Grüne), der im Mai sein Amt antreten soll, und dessen voraussichtlicher Vize Manuel Hagel (CDU). Von einem „Pas de deux“ lässt sich bei ihnen noch nicht sprechen.

Sie duzen sich inzwischen, doch von einem unerschütterlichen Vertrauensverhältnis wie zwischen Kretschmann und Strobl sind sie weit entfernt. Dafür hat die Landtagswahl im März, bei der die Grünen nur einen halben Prozentpunkt vor den eigentlich favorisierten Christdemokraten lagen, zu viele Schäden und Irritationen hinterlassen.

Der Regierungschef (r.) mit seinem Nachfolger in spe, Cem Özdemir (Grüne)

Kretschmanns Abschied steht insgesamt in einem deutlichen Kontrast zur aktuellen politischen Lage, weil klar wird, wie sehr sich die Lage verändert hat. Die liebevollen Reden und Danksagungen an den bundesweit ersten grünen Ministerpräsidenten stehen in scharfem Kontrast zu den ansonsten erbittert geführten politischen Debatten im Land, zu den täglichen Schmähungen in den sozialen Medien.

„Es ist eine Ära, die heute einen Abschluss findet“, sagt Christdemokrat Strobl als erster Redner. Kretschmann sei ein „Unikat“, ein „Schaffer“, „einfach eine Type“, er hinterlasse „gewaltige Fußspuren in diesem Land“. Strobl formuliert voller Wertschätzung: „Niemals hatte ich einen Partner, mit dem ich so offen, vertrauensvoll und verlässlich zusammenarbeiten durfte.“ Sie hätten bestimmt nicht alles richtig gemacht, aber immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Dass Strobl in der langen gemeinsamen Zeit exemplarisch die Corona-Krise benennt, offenbart auch, wie sehr das Krisenmanagement während der Pandemie noch die Politik umtreibt.

Der eigentliche Festredner ist sichtlich ergriffen von den empathischen Worten seines Vorredners. „Mein Gott, wie schön ist es, hier zu sein“, schwärmt Joachim Gauck am Redepult. „Mein Gott, sind wir wirklich in einem Land des Gelingens? Das ist doch unnormal, das ist doch undeutsch. Wir müssen doch klagen“, sagt der frühere Bundespräsident belustigt. Er beschreibt in aller Kürze Kretschmanns Lebensweg, spricht über „Irrtümer“ und „politische Radikalität“, womit wohl unausgesprochen dessen Wirken in der kommunistischen Szene in jungen Jahren gemeint ist. Kretschmann habe sich mit seinem „Irrtum“ auseinandergesetzt. „Wer das vermag, der hat im Zweifel eine innere Wahrhaftigkeit gewonnen, die in der Politik von außerordentlicher Wichtigkeit sein wird.“

„Als Ostdeutscher habe ich mir vorgestellt, wenn es irgendwo einen Erbhof einer Partei gibt, dann ist es Baden-Württemberg für die CDU“

In diesem Zusammenhang erwähnt er die Wandlung des anwesenden früheren Bundesaußenministers Joschka Fischer (Grüne), ohne dessen Namen zu nennen. Gauck sagt, er denke an „einen anderen Typen der politischen Gegenwart und älteren Fahrensmann, wenn ich einen jungen Chaoten sehe, der in Frankfurt auf Polizisten eindrischt und später ein veritabler deutscher Außenminister wird, dem man das Land in die Hand geben kann“. Diese Entwicklung „sollten wir uns mal anschauen, was alles geht in einem Raum der Möglichkeiten“. Es gibt großen Applaus, für Gauck, vielleicht auch für Fischer, so richtig weiß man das nicht. Es klingt so, als gebe es immer noch die Möglichkeit, sich vom Extremismus zu läutern, zu rehabilitieren und politisch Karriere zu machen.

„Weil es in Ihnen einen guten Menschen erkannte“

Kretschmann gelang 2011 etwas, das für unmöglich gehalten wurde. Ausgerechnet ein Grüner konnte im konservativen Baden-Württemberg die jahrzehntelange Vorherrschaft der CDU beenden. Gauck beschreibt dies mit feiner Ironie, freilich auf Kosten der Christdemokraten. „Als Ostdeutscher habe ich mir vorgestellt, wenn es irgendwo einen Erbhof einer Partei gibt, dann ist es Baden-Württemberg für die CDU. Und es ist den Unionsleuten gelungen, das abzuschaffen.“

Wenn sich das anständige Bürgerliche in einer Person darstelle, die gerade in einer anderen Partei zu Hause sei, „dann gehen anständige Bürgerliche eben nicht dorthin, wo sie immer hingegangen sind, sondern dorthin, wo ein größeres Maß an Vertrauen und Verlässlichkeit zu erwarten ist“. Ein konservativ geprägtes Land habe einen grünen Ministerpräsidenten angenommen, „weil es in Ihnen einen guten Menschen erkannte, der zusammenführte“.

Standing Ovation – auch von Ehefrau Gerlinde Kretschmann (r.)

Gauck spricht von einer „konservativen Grundhaltung“, die modernisierungsfähig sei. Er spricht davon, dass nicht jeder in einer Gesellschaft „dasselbe Schrittmaß“ habe. Es sei eine „besondere Kunst des Regierens, wenn es den Progressiven gelingt, auf diejenigen zu achten, die nicht fähig oder auch willens sind, bestimmte Politikthemen zu den ihren zu machen“. In den USA etwa gebe es ein „drastisches Auseinanderbrechen der Progressiven und der Bewahrenden“. Gaucks Worte sind auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass die AfD in Baden-Württemberg inzwischen die größte Oppositionsfraktion stellt.

Gauck kommt auch auf die „Flüchtlingskrise“ zu sprechen und mahnt rückblickend eine „Balance zwischen politischer Moral und politischer Machbarkeit“ an. Kretschmann habe deutlich gemacht, dass „Humanität ohne Ordnung“ eine Illusion sei. Damit erinnert Gauck daran, dass Kretschmann bereits 2015 vor einer Überforderung bei der Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten gewarnt habe.

Kretschmann selbst spricht mit leiser, brüchiger Stimme. Er bedankt sich bei zahlreichen Wegbegleitern und Mitarbeitern, beim Fahrdienst, Personenschützern. Er sieht mit Sorge auf die zugespitzte politische Lage. „Es tröstet mich zu sehen, mit welcher großen parlamentarischen Mehrheit die Wähler die bisherigen beiden Regierungsparteien ausgestattet haben. Dass eine Regierung der Mitte nach zehn Jahren mit 60 Prozent bestätigt wird, das macht doch Hoffnung in diesen aufgewühlten Zeiten.“ Kretschmann warnt vor „unzivilisiertem Streit“, der die populistischen Parteien stärke. Die Menschen müssten sich sicher fühlen und ernstgenommen werden.

Es ist ein Vermächtnis an seinen Nachfolger Özdemir, der am 13. Mai zum Ministerpräsidenten im Landtag gewählt werden soll. Der 60-Jährige ist ähnlich unerwartet an die Landesspitze gelangt wie Kretschmann vor 15 Jahren.

Kristian Frigelj berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

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