Es war ein Zugriff, der auf den ersten Blick unspektakulär wirkt – und doch ein weiteres Puzzlestück in einer Entwicklung ist, die Sicherheitsbehörden seit Monaten alarmiert. Am Dienstag ließ der Generalbundesanwalt in Berlin einen Mann festnehmen, der nach Überzeugung der Ermittler für einen russischen Geheimdienst gearbeitet haben soll. Der 50-jährige Kasache Sergej K. wird nach WELT-Informationen am Mittwoch einem Haftrichter vorgeführt. Der Vorwurf: geheimdienstliche Agententätigkeit.

Die Festnahme ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen mutmaßlicher Spionage und Sabotage im Auftrag russischer Dienste hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Immer wieder geraten Personen ins Visier, die militärisch relevante Infrastruktur und Rüstungstransporte in die Ukraine ausspähen.

Was Sergej K. konkret vorgeworfen wird, passt in dieses Muster. Seit Mai 2025 soll er aus ideologischer Überzeugung Informationen über die militärische Unterstützung Deutschlands für die Ukraine gesammelt und weitergegeben haben. Ermittler gehen davon aus, dass er gezielt vorging: Er soll etwa einem Nato-Konvoi gefolgt sein, militärische Lieferwege in die Ukraine ausgekundschaftet und darüber hinaus im Netz nach Daten zu Rüstungsvorhaben gesucht haben. Informationen, die für sich genommen oft öffentlich zugänglich sind – in der Summe jedoch ein sensibles Lagebild ergeben können.

Besonders brisant ist ein weiterer Vorwurf. Der Mann soll seinem mutmaßlichen Führungsoffizier in Russland nicht nur Informationen geliefert, sondern auch mögliche Ziele benannt haben: Orte und Personen, die sich aus seiner Sicht für Sabotage eignen könnten. Damit verschiebt sich der Fall weg von klassischer Spionage, hin zu möglicher Vorbereitung von Anschlägen. Laut Ermittlern handelte der Beschuldigte aus ideologischen Motiven.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine beobachten die Sicherheitsbehörden eine stille, aber intensive Form der Auseinandersetzung. Es geht nicht um spektakuläre Geheimoperationen, sondern um viele kleine Schritte: das Beobachten von Transporten, das Fotografieren von Anlagen, das systematische Auswerten frei zugänglicher Informationen. Erst in der Zusammenschau, sagen Experten, entsteht daraus ein Bild, das militärisch relevant ist.

Im Zentrum steht dabei immer wieder dieselbe Frage: Wie organisiert Deutschland seine Unterstützung für die Ukraine? Wo verlaufen Transportwege, wo wird Material bewegt, wer ist beteiligt? Deutschland ist zu einem zentralen Drehkreuz für Waffenlieferungen, Ausbildung und Logistik geworden und damit auch zu einem bevorzugten Ziel für Ausspähversuche.

Fälle häufen sich

Zugleich verdichten sich die Hinweise, dass es nicht bei der Informationsbeschaffung bleibt. In mehreren Verfahren geht es auch um das gezielte Auskundschaften möglicher Ziele. Orte, an denen Transporte gebündelt werden, Infrastruktur, die als verwundbar gilt. Auffällig ist dabei, dass häufig keine klassischen Agenten eingesetzt werden, sondern angeworbene Personen, die im Alltag kaum auffallen.

Wie nah diese Entwicklung inzwischen reicht, zeigt ein aktueller Fall aus Ostwestfalen. In Minden steht ein Bahnhof im Fokus von Ermittlungen. Der Verdacht: Die Anlage könnte von einem Litauer ausgespäht worden sein – möglicherweise mit Blick auf militärische Transporte. Ein Ort des Alltags wird damit plötzlich Teil eines sicherheitspolitischen Lagebilds.

Erst im Januar hatten Ermittler in Berlin eine Deutsch-Ukrainerin festgenommen, die für einen russischen Geheimdienst gearbeitet haben soll. Sie beschaffte nach bisherigen Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft Informationen zu Rüstungsstandorten und Drohnenlieferungen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg. Zudem soll sie dabei geholfen haben, Kontakte aufzubauen und einem Verbindungsmann aus der russischen Botschaft Zugang zu relevanten Netzwerken zu verschaffen.

Auch darüber hinaus haben Ermittler in den vergangenen Monaten wiederholt Verdächtige festgenommen. Es ging um das Ausspähen von Rüstungsunternehmen, das Beobachten von Personen im Umfeld von Drohnenlieferungen oder das Sammeln von Informationen über militärische Einrichtungen. In einzelnen Fällen tauchten auch Hinweise auf mögliche Sabotageziele auf.

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