Das Waiblinger Bosch-Werk habe er aus seinem Kinderzimmerfenster sehen können, sagt Luigi Pantisano, und gleich daneben seine Hauptschule. Heute ist das Aus des Autoteile-Werks beschlossen, Pantisano ist 46 Jahre alt, die Arbeitsplätze seiner Verwandten im Stuttgarter Vorort stehen vor dem Aus. „In Gesprächen mit denen war ganz klar: ‚Ihr interessiert euch nicht für uns, wieso sollen wir uns für euch interessieren?‘“, erzählt der Linke-Politiker. Nun will er die Arbeiter wieder für seine Partei gewinnen.

Beginnen wolle er mit offenem Ohr. „Zuhören ist der beste Weg, um Menschen Hoffnung zu machen auf eine Gesellschaft, die auf Solidarität setzt und nicht auf Spaltung“, so Pantisano bei einem Pressegespräch in Berlin. „Die Menschen können nicht mehr ertragen, dass die Politik auf sie herabschaut und sie verächtlich macht.“

Auf dem Bundesparteitag im Juni will er sich zum Parteichef wählen lassen. Jan van Aken, neben Ines Schwerdtner der amtierende Bundesvorsitzende, wird überraschend aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kandidieren. Der scheidende Chef setzte auf Außenpolitik, rüpelhaftes Auftreten (CDU-Politiker Manuel Hagel nannte er „Pfeife“) und knalligen Linkspopulismus (Milliardäre abschaffen). Schwerdtner konzentrierte sich auf Mietkosten, Arbeiterklasse, Haustürgespräche und Sozialberatung. Die Linke erlebte infolge einen Hype – und verdoppelte ihre Mitgliederzahl auf mehr als 123.000.

Pantisano will daran anknüpfen. Schwerdtner begrüßte seine Kandidatur umgehend, Fraktionschefin Heidi Reichinnek wirbt begeistert. Der Sohn italienischer Gastarbeiter könnte der erste migrantische Linke-Chef werden. Seine Eltern hätten Klett-Schulbücher in einer Fabrik hergestellt, die sie, mit nur wenigen Jahren Schule in Italien, nicht einmal hätten lesen können. Sein Bruder ist heute Berlins Queerbeauftragter, Alfonso Pantisano (SPD).

Ohne Marx und Lenin im Bücherregal aufgewachsen

Mit Emotionalität wolle er die Arbeiter und Abgehängten erreichen und von der AfD wegholen. „Anders als viele Parteikollegen, die groß geworden sind mit Marx, Lenin und Gramsci in den Bücherregalen, hatte ich keine Bücherregale“, sagt Pantisano. „Bei mir gab es keine Lexika im Schrank, bei mir lief der Fernseher: ‚Wer wird Millionär?‘.“ Bei der Oberbürgermeisterwahl in Konstanz 2020 scheiterte er nur knapp am CDU-Kontrahenten. Seit 2025 sitzt Pantisano im Bundestag – der AfD ruft er dort auch mal „Nazi!“ zu.

Seine Kandidatur birgt allerdings Sprengkraft. Denn Pantisano sagt auch, was er nicht will: Die Flagge Israels schwenken etwa. „Nach allem, was dort unter der rechtsextremistischen Regierung von Benjamin Netanjahu vorgefallen ist, würde ich mich nicht mit einer Israelflagge hinstellen“, sagte er in einem „t-online“-Interview. Die palästinensische halte er wiederum, „weil die Flagge nicht für Gaza steht und vor allem nicht für die Hamas, die eine klare Terrororganisation ist, die Menschen unterdrückt und Kriegsverbrechen am 7. Oktober verübt hat“.

Sie stehe für das „Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser“, erklärt er auf Rückfrage. Er habe ein grundlegendes Problem mit Nationalismus und Patriotismus. „Ich bin keiner, der mit Fahnen durch die Gegend läuft, auch nicht mit der deutschen oder der italienischen Fahne.“ Van Aken trat in der Debatte um Antisemitismus und Nahost eher als Moderator auf. Pantisano gründete 2019 die „LinksKanax“ mit, ein Zusammenschluss migrantischer Linker – der Gregor Gysi für seine Kritik an migrantischem Antisemitismus kürzlich Rassismus vorwarf.

In Pantisanos Schatten könnten außerdem alte Strömungskonflikte aufbrechen, die der Erfolg von Schwerdtner und van Aken verstummen ließ. So war Pantisano einst in der Bewegungslinken, einer aufgelösten Strömung, die eine enge Zusammenarbeit mit Protestbewegungen forcierte. In seinem Bundestagsbüro arbeitet eine frühere Letzte-Generation-Aktivistin. Aus den Reihen ehemaliger Bewegungslinker kommt nun der Ruf nach einer kompletten Neubesetzung des Bundesvorstands: Der Fokus der Parteispitze auf Mietenpolitik sei falsch, sagte Linke-Bundestagsabgeordnete Katalin Gennburg der „taz“.

Elif Eralp plant im September allerdings, mit genau jenem Fokus zur Regierenden Bürgermeisterin Berlins gewählt zu werden, nachdem man bei der Bundestagswahl 2025 hier schon stärkste Kraft war. Mieterschutz will sie dann zur „Chefinnensache“ machen. Das Thema verstehe sie „nicht als Verengung, sondern als Fokussierung und als die soziale Frage in dieser Stadt“, betonte die Linke-Spitzenkandidatin am Dienstag. Der Bundesvorstand sehe die Berlin-Wahl als ausgesprochen wichtig: „Wenn Luigi Parteivorsitzender wird, wird auch er mich unterstützen.“

Partei-Promi und Reformer Dietmar Bartsch äußerte vorsichtige Kritik an einer Schwerdtner-Pantisano-Doppelspitze. „Die Linke feiert Erfolge, wenn ihre Führung die Breite der Partei und der Gesellschaft anspricht“, sagte Bartsch der „Zeit“.

In Baden-Württemberg scheiterte Pantisanos Heimatlandesverband zuletzt am Landtagseinzug. Nur vier Prozent der Arbeiter wählten im März laut Nachwahlbefragungen seine Partei.

Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über Gesundheitspolitik, die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht.

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