Vor dem Galeria-Kaufhaus am Berliner Alexanderplatz stehen rund 150 Menschen in einem großen Kreis. Viele von ihnen halten iranische Flaggen in den Händen. In der Mitte steht ein Mann mit einem Mikrofon. Er zeigt auf Fotos, die auf dem Boden ausgelegt sind und Opfer der US-israelischen Angriffe im Iran zeigen, und ruft mit emotionaler Stimme: „Was hat dieses Mädchen getan? Was hat dieser kleine Junge getan?“
Die Versammlung fand in der vergangenen Woche statt. Bemerkenswert daran: Unter den Teilnehmern waren zahlreiche Personen, die offen ihre Sympathie für die iranische Regierung zeigten. So waren etwa zahlreiche Bilder des bei einem Luftangriff getöteten Revolutionsführers Ali Chamenei zu sehen. Ein solches öffentliches Auftreten von Unterstützern der Islamischen Republik ist in Deutschland eher selten sichtbar.
In der Mitte der Demonstration liegen Bilder von beim Iran-Krieg getöteten KindernHierzulande leben dem Statistischen Bundesamt zufolge rund 319.000 Menschen mit iranischem Migrationshintergrund. Repräsentative Daten dazu, wie viele von ihnen die Islamische Republik unterstützen, gibt es nicht. Die Islamwissenschaftlerin von der Universität Göttingen, Riem Spielhaus, sagt aber: „Grundsätzlich lässt sich sagen, dass der überwiegende Teil der iranischstämmigen Bevölkerung in Deutschland eher regimekritisch eingestellt ist.“
Zu den wenigen, die offen Sympathie für die Regierung äußern, gehört die 21-jährige Zahra Karimi. Sie sei auf den Alexanderplatz gekommen, um gegen den von den USA und Israel begonnenen Krieg im Iran zu protestieren, wie sie erklärt. Mit ihrem echten Namen möchte Karimi öffentlich nicht genannt werden. Als Kind sei sie zusammen mit ihren Eltern nach Deutschland gezogen und habe später zeitweise wieder im Iran gelebt. „Sozialisiert wurde ich aber in Deutschland“, sagt sie. Ihr Kopftuch trage sie aus Überzeugung.
Karimi bestreitet nicht, dass der Iran in den vergangenen Monaten gewaltsam gegen Proteste der eigenen Bevölkerung vorgegangen ist und dabei Menschen ums Leben gekommen sind. Allerdings, entgegen der Darstellung von Menschenrechtsorganisationen und Augenzeugen, sei die Gewalt zuerst von den Demonstranten ausgegangen. „Die hatten Waffen von den USA und aus Israel“, sagt sie. Es ist eine Darstellung, für die es keine Belege gibt. Proteste im Iran, ausgelöst durch die wirtschaftliche Krise im Land, wurden im Januar vom Regime niedergeschlagen. Zur Anzahl der Todesopfer gibt es unterschiedliche Angaben. Während die iranische Regierung von rund 3000 Toten spricht, gehen unabhängige Organisationen von deutlich höheren Zahlen aus, teils bis zu 30.000.
Islamwissenschaftlerin Spielhaus sagt, dass das Narrativ, die Proteste seien von den USA und von Israel gesteuert, auch von der iranischen Regierung verbreitet werde. „Auch ein stark antiimperialistischer Deutungsrahmen spielt eine Rolle, in dem der Iran Opfer externer Einflussnahme ist“, erklärt sie.
Naika Foroutan, Direktorin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung, erklärt, das iranische Regime schaffe es derzeit, sich erfolgreich als antiimperialistische Kraft darzustellen. „Noch vor dem Zwölf-Tage-Krieg im Juni war das Narrativ nicht stichhaltig“, erklärt sie. Mit den Angriffen Israels und der USA habe es die iranische Regierung geschafft, Sympathien zu erzeugen. Allerdings, so betont Foroutan: „Weniger innerhalb der iranischen Diaspora als innerhalb jener Communities, die nicht selbst unter den Schergen dieser Diktatur leiden müssen.“
Auf der Demonstration auf dem Alexanderplatz sind viele Aussagen zu hören, die im Widerspruch zu überprüfbaren Fakten stehen. Teilnehmerin Zahra Karimi etwa sagt: „Man kann im Iran frei leben. Zum Beispiel muss nicht jede Frau dort Kopftuch tragen.“ Entgegen dieser Aussage herrscht im Iran offiziell eine Kopftuchpflicht für Frauen. Eine Missachtung kann mit einer Geldstrafe oder auch mit Haft bestraft werden. Internationale Aufmerksamkeit erlangte 2022 der Fall von Jina Amini, die wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Kopftuchpflicht von der iranischen Sittenpolizei festgenommen wurde und in Haft starb. Mehrere Zeugenberichte legen Gewalt als Todesursache nahe.
Allerdings: Wie streng die Umsetzung der Kopftuchpflicht derzeit durchgesetzt wird, ist wegen der eingeschränkten Pressefreiheit und dem bis vor kurzem stattfindenden Kriegsgeschehen im Land unklar. Amnesty International schreibt in einem Bericht von Anfang Januar: „Mittlerweile sind Frauen ohne Kopftuch in den großen Städten des Landes ein üblicher Anblick. Die Staatsmacht hat es offenbar aufgegeben, jede Einzelne anzugreifen und zu bestrafen.“
Auf der Demo wird aber auch Kritik geäußert, die von Experten geteilt wird. Demo-Teilnehmerin Karimi störe es beispielsweise, dass die iranische Regierung in den westlichen Medien „immer als böse“ dargestellt werde. „Seit 47 Jahren wird hier ein Feindbild gezeigt“, sagt sie. Als Beispiel nennt sie den in deutschen Medien weit verbreiteten Begriff „Mullah-Regime“ und erklärt: „Der Begriff wird benutzt, um das Land abzuwerten.“
Auch Migrationsforscherin Naika Foroutan und Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus plädieren für einen differenzierten Blick auf die iranische Regierung. So hebt Foroutan beispielsweise hervor, dass es der Iran im Vergleich zu umliegenden Ländern größtenteils geschafft habe, Terrorismus aus dem eigenen Land herauszuhalten. Gleichzeitig gebe es im Land viel Korruption. Sie sagt: „Kurzum: Wir würden Iran besser verstehen, wenn wir nicht so ein einseitiges Feindbild zeichnen würden.“ Dennoch betont sie: „Sehr vieles, was dieses Regime seinen Menschen angetan hat, kann man durchaus als zutiefst böse bezeichnen.“
Riem Spielhaus stimmt der Aussage zu, dass der Begriff „Mullah-Regime“ meist abwertend verwendet werde. Vor allem im Journalismus halte sie eine neutralere Bezeichnung für angebrachter. „Zudem ist der Begriff auch analytisch zunehmend nicht mehr zutreffend, da die politische Macht im Iran nicht ausschließlich bei religiösen Autoritäten liegt, sondern sich insbesondere die militärischen und sicherheitsstaatlichen Strukturen in den vergangenen Jahren deutlich stärker im Machtgefüge durchgesetzt haben.“
Zwischen Propaganda und Kritik
Auf der Demo in Berlin wechseln sich Aussagen, die viele Experten als Propaganda einstufen, mit Kritikpunkten ab, die in ähnlicher Form von Menschenrechtsorganisationen geäußert werden. Eine junge Frau, die ein Foto von Ajatollah Ali Chamenei in die Höhe hält, sagt beispielsweise, der ehemalige Revolutionsführer des Landes sei ein „gerechter, widerstandsfähiger, rechtsstehender und liebender“ Mensch gewesen.
Zugleich äußert sie Unverständnis darüber, warum der Iran in der öffentlichen Wahrnehmung stark kritisiert werde, während andere Staaten weniger im Fokus stünden. „In Saudi-Arabien wird jeden zweiten Tag jemand geköpft, darüber berichtet niemand.“ Human Rights Watch dokumentierte in Saudi-Arabien 2025 insgesamt 356 Hinrichtungen und bemängelt in einem Bericht, dass Regierungen weltweit ihre Handelsinteressen mit Saudi-Arabien über die Menschenrechte stellen würden.
Einige Teilnehmer auf der Demo verweisen darauf, dass es ihnen nicht um Unterstützung für die iranische Regierung, sondern die Situation vor Ort gehe. Dass sie dennoch Bilder von Führungspersönlichkeiten des Regimes hochhalten, scheint für sie kein Widerspruch zu sein.
Naika Foroutan hält es gar für möglich, dass sich der iranische Geheimdienst bei pro-iranischen Demonstrationen beteiligt. Sie sagt: „Man darf nicht außer Acht lassen, dass der iranische Geheimdienst sehr gut organisiert ist und schon seit 47 Jahren innerhalb der Diaspora agitiert. Auch diese Leute mischen sich unter die Demonstrierenden. Da darf man nicht naiv sein.“
Doch nicht nur Iraner nehmen an der Demonstration am Alexanderplatz teil. Das Schild, das Rainer H. in seinen Händen hält, ist schon von weitem zu erkennen: „Stop the Genocide“ ist darauf in Großbuchstaben zu lesen. H. sagt, er sei enttäuscht, dass sich die Bundesregierung wenig für einen Frieden in Nahost einsetze und die Angriffe der USA und Israels klar verurteilt habe. „Wenn ich einen Freund habe und der sich unfair verhält, dann ist es als Freund meine Pflicht, ihm das zu sagen“, erklärt der gebürtige Würzburger und spielt damit auf die engen diplomatischen Beziehungen Deutschlands zu den USA und Israel an.
Rainer H. auf dem Berliner AlexanderplatzDass andere Teilnehmer die iranische Regierung unterstützen und mit Fotos von Ali Chamenei posieren, störe ihn nicht. „Ich will, dass die Bomben enden, ich bin nicht für das iranische Regime hier“, sagt der Pensionär der Berliner Feuerwehr. Er betont: „Alle Regierungen sind korrupt.“
H. sagt, er sei christlich aufgewachsen. „Menschlichkeit, Frieden und Gerechtigkeit sind die Dinge, die mir wichtig sind. Deswegen mag ich es überhaupt nicht, wenn Menschen ungerecht behandelt oder unterdrückt werden. Diese Menschen möchte ich unterstützen.“ Aus diesem Grund engagiere er sich auch als Mitglied für „Die Gerechtigkeitspartei – Team Todenhöfer“ und werbe auf Demonstrationen für die Kleinpartei.
Die Polizei Berlin vermeldete keine besonderen Vorkommnisse bei der Demonstration auf dem Alexanderplatz. Darüber, wie oft es in der Hauptstadt zu regimefreundlichen Iran-Demonstrationen kommt, könne man aufgrund fehlender Statistik keine Aussage treffen, teilen die Behörden mit. Insgesamt habe es in diesem Jahr bisher 99 Versammlungen (Stand: 9. April) in Zusammenhang mit dem Iran-Krieg gegeben.
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