Der 1972 in Lwiw geborene Mychajlo Podoljak studierte Medizin in Belarus und arbeitete später für verschiedene Zeitungen des Landes. Nachdem seine Wohnung vom Geheimdienst durchsucht worden war, kehrte er in die Ukraine zurück, wo er seit 2020 Berater im Präsidialamt ist. WELT traf ihn zum Gespräch in Kiew.
WELT: Für die Ukraine ist die Wahlniederlage des prorussischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seiner Fidesz-Partei in Ungarn eine gute Nachricht. Wie analysieren Sie das Ergebnis?
Mychajlo Podoljak: Der Ukraine war immer an einem geeinten und starken Europa gelegen. Nun wird es zu einer guten bilateralen Zusammenarbeit mit unseren ungarischen Partnern kommen. Für Russland ist es eindeutig eine schwere Niederlage, denn zuerst haben sie in Moldau verloren, dann in Rumänien (bei Präsidentschaftswahlen 2024 und 2025 haben sich proeuropäische Kandidaten durchgesetzt, d. Red.) – und jetzt ihren größten prorussischen Akteur Orbán. Das deutet auf einen ernsthaften Rückgang des russischen Einflusses in Europa hin. Diese Wahlen in Ungarn werden den Trend für Demokratie und Freiheit innerhalb Europas verstärken.
WELT: Orbán hatte mit seinem Veto den EU-Kredit über 90 Milliarden für die Ukraine blockiert. Nun scheint der Weg für die Freigabe der Hilfen frei zu sein. Was soll mit diesem Geld geschehen?
Podoljak: Ich möchte zuerst betonen, dass es für Europa bei diesen 90 Milliarden nicht einfach um Hilfsgelder geht. Sie sind eine Investition in eine neue Sicherheitsarchitektur Europas. Denkt man an die USA und ihre nationale Sicherheitsstrategie, dann haben sie nur eine Botschaft: Europa muss seine eigene Verteidigung sichern und dafür mehr Geld ausgeben. Dafür gilt es, in neue militärische Produkte zu investieren und dabei die Kriegserfahrungen der Ukraine zu nutzen. Man kann damit die gemeinsame Herstellung von Rüstungsgütern in großem Umfang finanzieren. Dazu gehören Drohnen, Raketen, elektronische Kriegsführung und diverse Überwachungssysteme. Das wäre ein starkes Signal an Russland.
WELT: In einer Woche sollen zum ersten Mal Steve Witkoff und auch Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, zu Verhandlungen nach Kiew reisen. Diplomatie ist stets wichtig, aber ergeben solche Formate im Falle Russlands noch Sinn? Der Kreml weicht keinen Zentimeter von seinen Maximalforderungen ab und scheint alles andere, als Frieden zu wollen.
Podoljak: Sie haben vollkommen recht, Diplomatie ist immer wichtig. Allerdings ist es so, dass wir bereit sind, den Krieg zu beenden, Russland aber offensichtlich noch nicht. Wenn eine Delegation unserer amerikanischen Kollegen nach Kiew kommt, ist das gut, um den Verhandlungsprozess wieder in Gang zu bringen. Aber Russland muss eine Lektion erteilt werden, denn nur so kann man Ergebnisse erzielen. Moskau muss Angst vor einem haben, muss wissen, dass es etwas Schmerzhaftes und Schlimmes zu erwarten hat. Das ist der einzige Weg, um ein echtes Gespräch mit Russland zu führen. Allein durch Druck, Zwang und Angst. Mit jedem anderen Szenario wird Russland die Verhandlungsbedingungen nach Gutdünken immer wieder ändern.
WELT: Hat das Präsident Wolodymyr Selenskyj nicht kommuniziert?
Podoljak: Er hat das immer wieder gegenüber unseren amerikanischen Kollegen und den europäischen Partnern zum Ausdruck gebracht. Die Formel ist einfach: Sanktionen, Druck, Angriffe auf Russlands Infrastruktur. Erst dann wird Russland sich an den Verhandlungstisch setzen und mehr oder weniger rational auf Vorschläge reagieren.
Mychajlo PodoljakWELT: Die Ukraine scheint derzeit auf einem guten Weg zu sein, mit ihren Langstreckendrohnenangriffen Russland eine Lektion zu erteilen. In den vergangenen Wochen wurden russische Ölexporthäfen, aber auch der industriell-militärische Komplex schwer getroffen. Die russischen Exportmengen sind zeitweise um mehr als 40 Prozent gesunken.
Podoljak: Ja, es geht voran, aber wir sind in Bezug auf Russlands Öllogistik noch nicht am Ziel. Wir bauen jedoch unsere systematischen Angriffe im russischen Territorium immer weiter aus. Unsere Produktion von Drohnen, Raketen und elektronischen Kampfsystemen wächst von Tag zu Tag. Das ist eine Sicherheitsgarantie für die Ukraine gegen russische Aggression – und letztlich auch für Europa, was uns wieder zurück zu dem geplanten Kredit von 90 Milliarden führt.
WELT: Es gibt Sicherheitsexperten, die die jüngsten ukrainischen Angriffe als erste Anzeichen für einen ökonomischen Kollaps Russlands sehen.
Podoljak: Ich bin weder optimistisch noch pessimistisch. Das hat keinen wirklichen Sinn, das sind Emotionen. Ich versuche, pragmatisch zu sein. Aber es gibt Schlüsselbereiche, die ausgeschaltet werden müssen. Dazu gehören die Ölexporthäfen Ust-Luga, Wyborg und Primorsk an der Ostsee. Hinzu kommen andere russische Häfen wie Noworossijsk. Wenn man diese lahmlegt, würde man Russlands Handelsrouten effektiv blockieren, sowohl die Exportwege über die Ostsee als auch über das Schwarze Meer. Dies sind zwei Hauptpfeiler des russischen Ölexportsystems. Und das würde Russlands Fähigkeit, Geld zu verdienen, erheblich einschränken. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, sicherzustellen, dass Russland aus den gestiegenen Ölpreisen keinen Profit zieht. Nach unseren Berechnungen könnten dies monatlich zusätzliche fünf bis 12 Milliarden Dollar sein. Deshalb werden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um die Zahl der Angriffe auf die russische Infrastruktur zu erhöhen.
WELT: Und wie sieht die tatsächlich aus?
Podoljak: Russland hat bereits ernsthafte Probleme im sozialen Bereich und in der Wirtschaft. Die Behörden können vielfach die Einkommen der Menschen nicht mehr decken. Weiterhin gibt es große Probleme bei der Finanzierung von Militärprogrammen und bei der Finanzierung der Rekrutierung. So verzeichneten die russischen Rekrutierungsprogramme im Januar und Februar einen Fehlbestand von etwa 12.000 bis 16.000 Soldaten. Mit anderen Worten: Es mangelt ihnen an Truppen, die sie in den Krieg in der Ukraine schicken können.
WELT: Das heißt, die internen Probleme Russlands nehmen zu, und damit nähert sich der Fall des Putin-Regimes?
Podoljak: Das ist eine komplizierte Frage. In gewisser Weise ist sie fast schon mathematisch. Denn es gibt ein grundsätzliches Problem, über das nicht genug gesprochen wird: Putin ist als Entscheidungsträger von der tatsächlichen Lage abgeschnitten. Er erhält keine objektiven Analysen. Er erhält keine realistische Einschätzung darüber, was mit der russischen Chemieindustrie geschieht, wie es um die Rekrutierung steht und wie es um die Ölraffinerien steht. Diese Daten bekommt er nicht. Das Einzige, was er zu bekommen scheint, ist eine fantasievolle Version der Realität, etwa dass seine Truppen „Kupjansk sechsmal eingenommen“ hätten. Und genau das ist das Problem. Er setzt sich nicht mit den Fakten vor Ort auseinander, auch wenn er das gerne behauptet. Die Realität vor Ort sieht jedoch ganz anders aus.
WELT: Wie sieht das Endszenario aus?
Podoljak: Das größte Problem für den Kreml wäre, wenn der soziale Druck innerhalb Russlands stark zunimmt, es an Bargeld und Liquidität mangelt, die Ölpreise hoch sind, aber Russland keine zusätzliche Million Barrel pro Tag verschiffen kann. Moskau ist grundsätzlich nicht in der Lage, seinen Inlandsbedarf und den Krieg selbst zu finanzieren. Die Schlussfolgerung daraus ist einfach: Wir müssen mehr in die Drohnenproduktion und in die Raketenproduktion investieren und Russland durch unaufhörliche Angriffe weiter unter Druck setzen. So schafft man die Voraussetzungen dafür, dass dieser Krieg zu Bedingungen endet, die zumindest relativ fair sind.
Alfred Hackensberger hat seit 2009 aus mehr als einem Dutzend Kriegs- und Krisengebieten im Auftrag von WELT berichtet. Vorwiegend aus den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, wie Libyen, Syrien, dem Irak und Afghanistan, zuletzt aber auch aus Bergkarabach und der Ukraine.
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