Das Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf (HHU) fordert den akademischen Boykott Israels. „Unsere RepräsentantInnen im Senat bringen die Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten, die den Genozid in Gaza unterstützen, im Senat auf und fordern unsere Universität dazu auf, diese zu prüfen und abzubrechen“, heißt es in einem am Montagabend gefassten Beschluss.

Man wolle die „Komplizenschaft“ durch diese Kooperationen beenden. „Unsere Universität arbeitet nach mehr als zwei Jahren Genozid in Gaza immer noch mit israelischen Universitäten zusammen, welche eine instrumentelle Rolle in der Waffenentwicklung und Produktion für die IDF spielen“, heißt es im Beschluss, der von der Düsseldorfer Ortsgruppe der Kampagne „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS) beantragt wurde. Diese fordert eine vollständige politische, wirtschaftliche, kulturelle wie akademische Isolation des jüdischen Staates.

Anfang März bereits fasste die gewählte Studentenvertretung der renommierten Hertie School in Berlin einen Beschluss zur Unterstützung der BDS-Kampagne. Die Studentenvertretung der Privathochschule war damit die Erste in Deutschland, nun folgt Düsseldorf. In Berlin folgte massiver Protest der Hertie-Studentenschaft, das Gremium wurde wenig später abgewählt. Die BDS-Resolution gilt allerdings weiterhin.

Das gewählte Studierendenparlament in Düsseldorf unterstützt im Beschluss den „BDS Report HHU“, ein Bericht der studentischen BDS-Initiative an der Universität. Dieser listet Verbindungen von israelischen Institutionen zur Düsseldorfer Universität auf. Im Bericht heißt es: „Wir fordern die Beendigung aller Verbindungen zu israelischen Universitäten und damit auch zum israelischen Militär.“ Man fordere keinen „Boykott von Individuen, sondern von Institutionen, die einen Genozid ermöglichen“.

BDS-Antrag im Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf am 13. April 2026

Die Universität Düsseldorf unterhält verschiedene Partnerschaften mit israelischen Bildungseinrichtungen. Als Partneruniversität organisiert sie etwa den landesweiten Israel-Austausch, bei dem Studenten wie Dozenten teilnehmen können. Die Juristische Fakultät unterhält enge Kontakte zur Radzyner-Law-School an der Reichman University in Herzliya. Namensgeber ist der Holocaustüberlebende Harry Radzyner, der nach dem Nationalsozialismus auch die Düsseldorfer Universität förderte und hierfür zum Ehrensenator ernannt wurde. Jura-Studenten beider Länder trafen sich in den vergangenen Jahren zu gemeinsamen Seminaren.

Forschung zu Palliativ-Medizin

Die Universität Tel Aviv ist eine Partneruniversität, es gibt regelmäßige Austauschprogramme. In den vergangenen Jahren gab es zudem Forschungskooperationen. So arbeiteten Düsseldorfer Forscher mit Kollegen der Ben Gurion University of the Negev in Beer Sheva zusammen an der Frage, „wie Mikroorganismen lernten, Pflanzenfasern abzubauen“.

Die Auflistung der Düsseldorfer BDS-Initiative führt zudem weitere Fälle vermeintlich illegitimer Kooperationen der HHU mit israelischen Institutionen auf. Zentral sind dabei EU-finanzierte Forschungsprojekte des EU-Programms „Horizon“, an denen zumeist ein Dutzend internationaler Einrichtungen beteiligt sind. Dies ist beispielsweise das Projekt „Nachhaltige Palliativmedizin auf der Intensivstation“ unter Leitung der Berliner Charité-Klinik, bei dem der israelische Krankenhaus-Betreiber Hadassah Medical Organization beteiligt ist. Im Krebs-Forschungsprojekt „Präzisionsmedizin für Gliome“ unter Leitung der Katholischen Universität im belgischen Leuven wiederum arbeitete das Rambam Krankenhaus im israelischen Haifa mit.

Elf von siebzehn gewählten Studentenvertretern stimmten nach WELT-Informationen für die BDS-Resolution. Mit sieben Sitzen ist der Linkspartei-nahe Hochschulgruppe Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband (SDS) die stärkste Fraktion im Studierendenparlament. Der SDS unterstützte den Antrag im Vorfeld lautstark. Drei Mitglieder von CampusGrün und ein Mitglied von „Die Liste“ stimmten ebenfalls dafür, Gegenstimmen kamen demnach von den zwei Abgeordneten des Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) und dem Mitglied der Liberalen Hochschulgruppe, wie der RCDS mitteilte.

Die Düsseldorfer SDS-Basisgruppe spricht sich für einen „Boykott israelischer Institutionen, die vom Genozid und dem Apartheitsregime in Palästina profitieren“ aus und unterstützt die BDS-Kampagne. „Israel besetzt und kolonisiert palästinensisches Land, diskriminiert palästinensische Bürger*innen Israels und verwehrt palästinensischen Flüchtlingen das Recht auf Rückkehr in ihre Heimat“, heißt es in einem Instagram-Beitrag.

„Schlicht Antisemitismus“, sagt der RCDS

Der „israelische Universitätsapparat“ sei Teil davon: Dieser sei „keine unabhängige Institution“, so ein SDS-Aktivist in einem Instagram-Video, sondern „mit dem Staat verbunden“. Eine „Kooperation auch für zivile Zwecke“ würde demnach der israelischen Armee und dem „Militärapparat“ nutzen. Der Grund, so eine SDS-Aktivistin weiter: An israelischen Hochschulen würden Soldaten ausgebildet, militärische Technologie erforscht und „ideologisch Leute ausgebildet werden mit dem zionistischen Mindset“. Die Universitäten seien „direkt Anhängsel vom Staat Israel“ und eine Kooperation abzulehnen.

Max Fockenberg vom RCDS hält den BDS-Beschluss für einen Fehler. „Wir haben eine historische Verpflichtung gegenüber Israel. Mit Forschungskooperationen können wir Partnerschaft stärken und Demokratie im Nahen Osten stärken“, sagt Fockenberg, der auch Mitglied des Studierendenparlaments ist, zu WELT. „Der Ausschluss von Forschern und Studenten, nur weil sie an einer israelischen Hochschule arbeiten, ist schlicht Antisemitismus.“ Fockenberg fordert Konsequenzen: „Die Universitätsleitung muss klarmachen, dass Israel-Boykott auf dem Campus nichts zu suchen hat.“

Auch Michael Ilyaev, Vorsitzender der Jüdischen Hochschulgruppe (JHG) Düsseldorf fordert ein Bekenntnis des Rektorats gegen die BDS-Resolution. „Boykott trennt Menschen voneinander, fördert Hass und Unwissen“, sagt Ilyaev zu WELT. „Die Universität sollte wissenschaftlichen Austausch fördern und Menschen mit verschiedenen Meinungen zusammenführen.“

Die Kooperationen böten Israelis die Chance auf ein Studium – und somit die Möglichkeit zum Austausch, zur Debatte oder zum Kennenlernen. Dies könne Vorurteile abbauen, so der JHG-Vorsitzende. Der BDS-Beschluss des Studentenparlaments löse Unverständnis bei ihm aus, denn andere Partneruniversitäten kritisierten diese nicht. „Wieso boykottiert ihr die Universität Tel Aviv in Israel – aber nicht die Partnerschaft mit der Universität Isfahan im Iran oder mit der Universität Peking in China?“, fragt der Medizinstudent.

JHG und RCDS stellten einen Gegenantrag, der forderte, „sich ausdrücklich zum Existenzrecht des Staates Israel sowie zum Schutz jüdischen Lebens auf dem Campus“ zu bekennen. Zudem sollte das Studentenparlament sich „gegen akademische Boykotte von Universitäten oder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufgrund ihrer nationalen Zugehörigkeit“ aussprechen und „die Bedeutung von internationaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit und akademischer Freiheit“ betonen. Nachdem das „Existenzrecht Israels“ per Parlamentsbeschluss am Montagabend aus dem Antrag gestrichen wurde, zog der RCDS den Antrag zurück, wie dessen Vertreter mitteilten.

In den Vorjahren distanzierten sich Studentenvertretungen regelmäßig scharf von BDS. In einer Resolution des „freien zusammenschluss von student*innenschaften“ von 2019 wurde die Kampagne als „aggressiver Ausdruck des israelbezogenen Antisemitismus“ bezeichnet, „für den es keinen Raum an deutschen Universitäten geben darf“. Unterzeichner waren die parteinahen Hochschulgruppen der Jusos, von CampusGrün sowie der Liberalen Hochschulgruppen und des RCDS. Auch der Bundestag wertete BDS 2019 als antisemitisch.

Anfang des Jahres öffneten sich allerdings die Allgemeinen Studierendenausschüsse (AStA) der Freien Universität Berlin und der Technischen Universität für den Israel-Boykott. In einer Stellungnahme forderten sie, „Diskursräumen zur Notwendigkeit und Ausgestaltung akademischen Boykotts“ zu erhalten.

Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über Gesundheitspolitik, die Linkspartei, das Bündnis Sahra Wagenknecht und Antisemitismus in Deutschland.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke