Die Braut hält ihre Hände ruhig im Schoß, damit die Henna-Verzierungen nicht verwischen. Die Ornamente sind noch frisch, ein dunkles Rot. Das reich bestickte Kleid hat sie mit einer kronenartigen Kopfbedeckung kombiniert. Neben ihr sitzt der Bräutigam in einem traditionellen weißen Gewand mit passendem Turban und dunkler Weste auf einem Plastikstuhl. Immer wieder schaut er zu ihr hinüber, als müsse er sich vergewissern, dass sie wirklich da ist.
Hinter ihnen bewegt der Wind die Zeltplanen. Aus einem Lautsprecher kommt laute Musik. Menschen tanzen. Es ist eine Hochzeit im Norden Sudans, in Afad, einem der unzähligen Camps für Binnenvertriebene. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind inzwischen wegen des Krieges auf der Flucht, mehr als in jedem anderen Konflikt. Und vielleicht erzählt gerade nichts so viel über dieses Land wie diese Feier inmitten der Trümmer.
Bräutigam und Braut inmitten von Gästen bei ihrer HochzeitIbrahim Bakhit Gardia ist 30 Jahre alt, medizinischer Labortechniker, groß, schlank, mit ruhiger Stimme. Mariyam Mahyaldin Ali ist 25, elegant, mit magnetischen Augen. Ein schmales rotes Band hält den goldenen Schmuck über ihrer Stirn fest. „Ich habe mir meine Hochzeit immer anders vorgestellt“, sagt sie und schaut kurz zu ihrem Mann hinüber. „Aber ich bin glücklich, dass wir zusammen sind.“
Ihre Geschichte beginnt vor zwei Jahren in einem anderen Vertriebenenlager. Das Zamzam-Camp in Nord-Darfur war damals einer der größten Zufluchtsorte Sudans, eine riesige Ansammlung aus Zelten, Plastikplanen und improvisierten Hütten, in der Hunderttausende Menschen lebten. Sein Zelt war in der Nähe des Brunnens, Mariyam holte dort jeden Morgen Wasser. Und Ibrahim stellte sicher, dass er rechtzeitig herauskam.
Ibrahim Bakhit Gardia und Mariyam Mahyaldin Abdallh Ali lernten sich im Zamzam-Flüchtlingscamp kennen„Als ich sie ansah, hatte ich sofort dieses Gefühl. Mein Herz schlug schneller“, sagt er. Mariyam lächelt, als sie ihm zuhört. „Er half mir, Wasser zu tragen“, sagt sie. „Ich mochte seine Augen. Und dass er sich um andere Menschen kümmert.“ Ibrahim analysierte Blutproben für eine Hilfsorganisation. Und Mariyam fing bald an, ihm dabei zu assistieren.
Während ihre Beziehung begann, veränderte sich die Welt um sie herum immer schneller. Der Krieg, der im April 2023 zwischen Sudans Armee und der paramilitärischen RSF-Miliz ausbrach, weitete sich immer weiter aus. Besonders in Darfur eskalierte die Gewalt, die RSF eroberte dort im Westen des Sudans nahezu alle Orte.
Lediglich die Großstadt El-Fasher verteidigte die Armee beharrlich, trotz einer 18 Monate langen Belagerung durch die Miliz. Damit wurden auch die Lebensmittel des nahegelegenen Zamzam-Camp knapp. Dörfer wurden niedergebrannt, Felder zerstört, Vieh gestohlen. Es herrschte Hungersnot.
Im Frühjahr 2024 geriet Zamzam zunehmend unter Beschuss. Zehntausende versuchten, das Lager zu verlassen. Ibrahim half zuerst Mariyams Eltern bei der Flucht, eine Tortur. Es waren Tage, an denen neun Freunde getötet wurden. Und der Vater hatte ein gebrochenes Bein, 20 Kilometer dauerte der Weg durch die Front nach El-Fasher. Bis heute weiß Ibrahim nicht, wie sie das geschafft haben.
Fünf Tage der Ungewissheit
Er kehrte zurück, um auch Mariyam nach El-Fasher zu bringen. Doch sie liefen in einen Angriff, verloren sich im Chaos. Fünf Tage lang wusste keiner von beiden, ob der andere noch lebte. „Ich hatte große Angst“, sagt Mariyam. „Ich dachte, er ist tot.“ Ibrahim suchte überall nach ihr, fragte Nachbarn, Freunde, Kollegen.
Schließlich erhielt er eine Nachricht auf seinem Telefon. Sie war noch am Leben. „Als ich sie wiederfand, war das der glücklichste Moment“, sagt er. Kurz darauf bat er den Vater um die Hand der Tochter. Der sagte nur: „Wie könnte ich ablehnen, du hast mein Leben gerettet.“
Damals hatten sie noch Hoffnung, dass die Armee El-Fasher halten würde. Und, insgeheim, dass dieser brutale Machtkampf doch enden könnte, vielleicht sogar vor ihrer Hochzeit. Doch nach wenigen Wochen wurde der Kugelhagel auch über der Stadt überwältigend. Und mit ihm der Hunger.
Eine Frau erzählt am Rande der Hochzeit, wie sie wochenlang nur Tierfutter aß. Ein Mann berichtet, wie sie Salzreste aus den Öfen zerstörter Bäckereien kratzten. Ein Arzt zeigt Fotos von vergrabenen Containern, improvisierten Bunkern, in denen er operierte. Und eine ältere Frau im Zelt direkt neben der Hochzeitsgesellschaft hält zwei Kleinkinder an der Hand, die sie während der Flucht in den Armen ihrer toten Mutter fand – das eine war an der Brust der von Raketensplittern getroffenen Frau.
Eine Frau, die während der Flucht diese beiden Kinder retteteAuch die Verlobten fliehen wieder. Gerade noch rechtzeitig vor der Eroberung der Stadt im vergangenen Oktober, während der die RSF derart erschütternde Massaker verübte, dass dieser nunmehr knapp drei Jahre andauernde Krieg einen seltenen Moment internationaler Aufmerksamkeit erhielt.
Auch die Armee, vom Westen mit Misstrauen wegen islamistischer Einflüsse beäugt, nimmt bei ihren Offensiven immer wieder massenhaft zivile Opfer in Kauf. Doch die Brutalität der RSF, etwa die Hinrichtung Hunderter in Krankenhäusern, sticht hervor.
Ibrahim hat Glück. Er hat noch Ersparnisse, was in diesem Krieg Leben retten kann. 750 Dollar verlangt ein Fahrer der RSF für den Transport von Ibrahims Familie und einigen seiner Freunde in das Afad-Camp, wo er nun seit einem halben Jahr lebt. „Als wir hier ankamen, war kaum noch Geld da“, sagt er, „aber ich bin stolz, dass ich so vielen Menschen helfen konnte.“
Die Vereinten Nationen sehen in den Attacken auf El-Fasher Merkmale eines Genozids: ethnisch markierte Gewalt, Massentötungen, sexualisierte Gewalt, Vertreibungen, Belagerung als Waffe. Betroffen sind vor allem nichtarabische Gemeinschaften wie Zaghawa und Fur. Rund 45.000 Menschen sind allein ins Afad-Camp und in die nahegelegene Stadt Ad-Dabbah geflohen.
Im Camp Afad im Sudan leben rund 45.000 FlüchtlingeImmerhin hier ist die Versorgung gesichert, anders als in der Kordofan-Region in der Mitte des Landes. Dort verläuft eine neue Front dieses Krieges, der auf eine dauerhafte Spaltung des Landes im Stile Libyens hinausläuft – westlich kontrolliert die RSF, östlich die Armee.
In Kordofan, wo um Städte, Ölfelder und Straßen gekämpft wird, hungern viele Menschen. Das liegt weniger an der katastrophalen Unterfinanzierung der humanitären Hilfe – sie ist nur zu 25 Prozent gedeckt – als daran, dass beide Seiten kaum Hilfsgüter in vom Feind kontrollierte Gebiete passieren lassen.
Die Armee erhält Unterstützung von Ländern wie Ägypten, Saudi-Arabien, der Türkei und – bis zum US-Angriff – auch Drohnen aus dem Iran. Die RSF hängt derweil am Tropf der Vereinigten Arabischen Emirate, die verlässlich Waffen liefern. Sudan liegt an einer strategischen Schnittstelle zwischen Sahel, Horn von Afrika und dem Roten Meer – einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt.
Ein Tag des Glücks
Im Camp Afad wirkt solch geopolitisches Ringen heute weit entfernt. Und auch der Krieg, dessen Front nur 150 Kilometer entfernt ist. Eine Hochzeit in Darfur dauert normalerweise mehrere Tage. Familien, Nachbarn und ganze Viertel sind beteiligt. Frauen singen, Verwandte reisen an, Geschenke werden ausgetauscht.
In einem Krieg sieht eine Hochzeit anders aus, kürzer, improvisierter. Doch Ibrahim hat auch im Afad-Camp Arbeit als Laborant gefunden und damit etwas Geld, um eine würdevolle Feier zu finanzieren. Dutzende Verwandte und Freunde unterstützen, so gut sie können, wer es sich leisten kann mit ein paar Sudanesischen Pfund, andere mit kleinen Diensten.
Verwandte bei der Vorbereitung der Hochzeitsfeier am VorabendAm Vorabend hängt ein junger Mann am Rand des Lagers Luftballons auf, eine ältere Frau verteilt Bonbons auf Tellern. In den Zelten wird gekocht. Jahrelang waren sie auf der Flucht, während der ihnen der Krieg viele ihrer Liebsten entriss. Jetzt, in stiller Vorfreude auf einen Tag des Glücks, nehmen sie sich Zeit.
Hier begegnet uns Ibrahim, nachdem uns Bewohner stundenlang schockierende Geschichten aus El-Fasher erzählt haben. Er lädt uns spontan zu seiner Hochzeit ein. „Es wäre uns eine große Freude“, sagt er. Die religiöse Trauung, die Nikah, fand schon vor einer Woche statt. „Morgen werden wir tanzen.“
Das Mittagessen bei der HochzeitAls die Sonne aufgegangen ist, reicht ein Freund dem nun doch sichtlich nervösen Bräutigam Tee. Mehr Männer kommen hinzu, binden ihm den Turban, überreichen ihm einen verzierten Zeremonienstab. Es wird zusammen gegessen, in einem der Zelte: Asida, Hirsebrei, Ziegenfleisch, Fladenbrot, würzige Saucen. Dann tragen sie ihn draußen jubelnd auf den Schultern.
Eine Gruppe Frauen nähert sich, singend kündigen sie die Braut an. Die ist noch im Nachbarort in einem Schönheitssalon. Ibrahim hat ein altes Auto organisiert und holt sie ab. Strahlend sitzt sie vor einem Spiegel, beide lächeln, als sie sich sehen. Auch seine Mutter ist angekommen, gerade noch rechtzeitig. Ibrahim hatte ihre Flucht nach Ägypten organisiert, doch sie ließ sich nicht davon abhalten, anzureisen. Drei Tage dauerte die Busfahrt.
Im Afad-Camp wird das Auto mit großem Jubel empfangen. Rund 200 Gäste stehen unter einer zwischen Stöcken gespannten Zeltplane, die der Hitze etwas die Wucht nimmt. Auch der Bräutigam wird geschmückt, mit einem kleinen Bündel aus Gräsern am Handgelenk – es soll vor Neid und Unglück schützen.
Dann beginnt der Jirtig, das zentrale Ritual sudanesischer Hochzeiten. Frauen umringen das Paar, singen, klatschen und trommeln, während sie Braut und Bräutigam mit roten Stoffen und goldenen Ketten schmücken. Zwischendurch wird ihnen Milch gereicht, aus der beide trinken – ein schlichtes, aber bedeutungsvolles Zeichen für Reinheit, Verbundenheit und den gemeinsamen Beginn. Und dann wird getanzt. Stundenlang.
Gäste bei einem Tanz mit dem Bräutigam (auf den Schultern)Später, als die Gäste essen und der Abend über dem Camp dunkler wird, erzählt Ibrahim noch einmal von dem Brunnen in Zamzam, wo alles begann. Von der Frau, die ihn daran erinnerte, dass das Leben mehr sein könnte als bloßes Entkommen. In zehn Jahren, sagt er, wolle er ein eigenes Haus haben, ein Auto, vielleicht ein eigenes Labor, nach Möglichkeit in El-Fasher, der Heimat.
Fünf Kinder könne er sich vorstellen, mindestens. „Inshallah.“ Wenn Gott es will. Und falls bis dahin denn Frieden ist, was keineswegs gesichert ist. Auch das gehört zu diesem Krieg: Millionen Menschen versuchen, ihr Leben und die Hoffnung auf die Zukunft festzuhalten. Während um sie herum ein Staat zerfällt.
Bräutigam (3.v.l.) und Gäste mit WELT-Reporter Christian Putsch (2.v.r.)Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke