Buchenwald ist einer der bedeutendsten Orte, an denen an die Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus erinnert wird. 277.800 Menschen aus über 50 Ländern waren in dem ehemaligen Konzentrationslager inhaftiert, im Alter von zwei bis 86 Jahren. 56.000 von ihnen starben an den bewusst geschaffenen lebensfeindlichen Bedingungen – Hunger und Mangelernährung, Krankheiten und Seuchen, Zwangsarbeit für die Kriegswirtschaft, Misshandlungen und Folter – oder wurden direkt ermordet.

Als sich die Amerikaner näherten, schickten die SS-Männer 28.000 Häftlinge auf Todesmärsche. Nach dem Rückzug der SS übernahmen organisierte Häftlinge des Widerstands die Kontrolle über das Lager, das kurz darauf von der US-Armee befreit wurde.

Die dortige Gedenkstätte steht all jenen offen, die sich dem Ort in der Absicht nähern, dass sich seine Geschichte nicht wiederholen darf. Am 80. Jahrestag der Befreiung im April 2025 wurde einer Frau der Zutritt verweigert, die die dortige Gedenkveranstaltung mit einer Kufiya betreten wollte, einem sogenannten Palästinensertuch. Sie war bereits zuvor mit einem Hamas-nahen Aktivisten in Buchenwald aufgetaucht. Das Thüringer Oberverwaltungsgericht entschied letztinstanzlich im August 2025, dass die Zutrittsverweigerung an diesem Tag rechtmäßig war.

Auf der Website der Gedenkstätte heißt es, diese sei „kein Austragungsort für gegenwartsbezogene politische Selbstdarstellung, Agitation oder tagespolitische Konflikte“ und müsse als „Schutzraum für Überlebende und Angehörige der Opfergruppen“ erhalten werden.

Nun wollen israelfeindliche Aktivisten der Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ vor der Gedenkstätte demonstrieren. Diese werde „zunehmend zu einem Ort des Geschichtsrevisionismus und der Genozidleugnung“ und verbreite „israelische Propaganda“, behaupten die autoritären Linksradikalen. Mittels einer gezielten Verdrehung wird ein generelles Verbot palästinensischer Symbole behauptet, das das Ziel verfolge, „Deutschlands erneute Beteiligung an einem Völkermord ideologisch zu rechtfertigen“.

Das ehemalige Lagertor des Konzentrationslagers Buchenwald

Für Mitte April, dem 81. Jahrestag der Befreiung, rufen die Aktivisten zu einer Demonstration auf. Das offizielle Gedenken wollen sie kapern. Es sind Gruppierungen wie die Kommunistische Organisation, die das genozidale Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 als „großartige Überraschung“ glorifiziert und als „in Gänze legitim“ bezeichnet haben. Ihre eigene Versammlung bezeichnet die stalinistische Organisation als „Frontalangriff auf die ‚deutsche Staatsräson‘“.

Wenn die Aktivisten ausgerechnet in Buchenwald gegen Israel demonstrieren wollen – also an einem Ort des NS-Genozids, der die Gründung des jüdischen Staates zwingend erforderlich machte –, bringen sie Israels Krieg gegen die Hamas im Gaza-Streifen mit der vorsätzlichen, planvollen und fabrikmäßigen Vernichtung der europäischen Juden in Verbindung und relativieren diese dadurch.

Die Stadt Weimar entschied am Montag, die Versammlung der Kampagne in die Weimarer Innenstadt zu verlegen. Entscheidend ist jedoch die Intention der Demonstranten, eine geschichtsrevisionistische und antisemitische Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben.

Der Ort der Verbrechen, an dem jüdische Überlebende nach der Befreiung die blau-weiße Fahne mit Davidstern hissten, einen „Kibbuz Buchenwald“ gründeten und sich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiteten, soll nach Ansinnen der Linksradikalen als Bühne antisemitischer Agitation gegen den Staat der Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachkommen instrumentalisiert werden.

„Es ist nicht unsere Aufgabe, dafür als Kulisse oder Requisite zur Verfügung zu stehen“, sagt der Stiftungsdirektor Jens-Christian Wagner im „Süddeutsche“-Interview. Wagner sagt aber auch: „Ich habe gar kein Problem mit Kufiyas.“

Warum eigentlich nicht?

Wofür die Kufiya historisch steht

Schließlich ist das Palästinensertuch nicht nur eine traditionelle Kopfbedeckung und ein kulturelles Symbol, sondern gilt auch als Bekenntnis zu aggressiver und antisemitisch motivierter Israel-Feindlichkeit, als Symbol des palästinensischen „Widerstands“ gegen den jüdischen Staat. Nicht für alle, aber für viele Träger fällt darunter auch der bewaffnete Kampf gegen Zivilisten.

Zwischen 1936 und 1939 war die Kufiya zum Symbol des arabischen Aufstands in Palästina geworden, der sich gegen die jüdische Bevölkerung und das britische Mandat richtete und vom Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, angeführt wurde. Dieser wiederum kollaborierte mit Hitler und den Nationalsozialisten und unterstützte die Anwerbung bosnischer Muslime für Einheiten der Waffen-SS.

Unter al-Husseini wurde die Kufiya zum politischen Erkennungszeichen, unter Jassir Arafat später zum Symbol der PLO. Die politische Kufiya „steht in einer durchgängigen Traditionslinie des bewaffneten Kampfes gegen jüdische Souveränität“, heißt es in einer Stellungnahme des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender und weiterer jüdischer Organisationen. „Dieses Symbol ausgerechnet an einem Ort zu tragen, an dem die SS Tausende von Jüdinnen und Juden ermordete, bedeutet, das Gedenken an die Ermordeten durch die Insignien ihrer Feinde zu ersetzen.“

Das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit ist ein zentraler Pfeiler einer Demokratie. Es gilt auch für jene, deren Positionen man entschieden ablehnt. Umso wichtiger ist, dass ihr Vereinnahmungsversuch ins Leere läuft – und am Tag der Befreiung von Buchenwald die Überlebenden und Angehörigen im Mittelpunkt stehen.

Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“. Dies ist die 36. Ausgabe seiner zweiwöchentlich erscheinenden Kolumne „Gegenrede“.

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