Lange galt der Indopazifik für Deutschland vor allem als weit entfernte Weltgegend, wichtig für Handel, Lieferketten und Diplomatie. Inzwischen wird die Region für Berlin aber zunehmend relevant in Sicherheitsfragen.
Wenn Verteidigungsminister Boris Pistorius die nächsten acht Tage nach Japan, Singapur und Australien reist, geht es deshalb um mehr als um Symbolik: Deutschland sucht dort Partner, Rohstoffe, militärische Anschlussfähigkeit. Und Antworten auf die Frage, wie weit seine sicherheitspolitische Rolle künftig reichen soll. Denn Berlins Interessen reichen inzwischen bis in die Pazifik-Region. Doch bei der Frage, was Deutschland dort militärisch überhaupt dauerhaft beitragen kann, ist Berlin noch nicht weit.
„Wenn wir uns anschauen, was unser Beitrag in der Region sein kann, da sind wir im Moment noch relativ blank“, sagt Bastian Ernst, CDU-Verteidigungspolitiker und Berichterstatter für die Marine im Verteidigungsausschuss des Bundestags. Deutschland könne zwar „ein bisschen See-Fernaufklärung“ leisten, „eine Fregatte schicken“ oder zur Minenräumung beitragen – kenne sich in der Region bislang aber selbst noch nicht besonders gut aus.
Zwar hat Deutschland im Indopazifik in den vergangenen Jahren immer wieder Flagge gezeigt – mit einer Fregatte, Luftwaffenverlegungen und Übungen mit Partnern vor Ort. Doch diese Präsenz blieb punktuell, nicht dauerhaft. Eine konstante sicherheitspolitische Rolle ist daraus bisher nicht entstanden. Gerade deshalb schaut Berlin nun umso genauer darauf, welche strategischen Vorteile neue Partnerschaften in der Region bringen könnten.
Was Deutschland interessiert
Wer die eigene Verteidigungsindustrie ausbauen will, braucht Zugriff auf kritische Materialien – und möglichst Lieferketten, die nicht von China abhängen. Genau hier wird Australien für Berlin interessant. Australien gehört zu den weltweit wichtigsten Lithiumproduzenten; die Förderung stieg laut Daten des US-Innenministeriums von 82.700 Tonnen im Jahr 2024 auf zuletzt 92.000 Tonnen. Der Rohstoff ist zentral für Batterien, wie sie in moderner Militärtechnik und unbemannten Systemen gebraucht werden.
Hinzu kommt mit Lynas ein Unternehmen, das als einziger bedeutender Produzent separierter Seltene-Erden-Materialien außerhalb Chinas im industriellen Maßstab gilt. Seltene Erden stecken in Elektronik, Sensoren und anderen Schlüsselkomponenten moderner Waffentechnik.
Australien ist für Berlin aber nicht nur wegen der Rohstoffe interessant. Im Hintergrund des politischen Berlins läuft auch eine Debatte über ein Marine-Lasersystem, mit dem Schiffe künftig Drohnen und andere Angriffe aus der Luft abwehren könnten. Im Verteidigungsministerium ist dabei offen, ob Deutschland auf eine heimische Lösung der Rüstungskonzerne Rheinmetall und MBDA setzen soll – oder auf Technik des australischen Unternehmens EOS. Das macht Australien auch als möglichen Rüstungs- und Technologiepartner relevant.
Hinzu kommt ein breiterer industriepolitischer Aspekt, der in Berlin zunehmend mit Sicherheitspolitik zusammen betrachtet wird: Pistorius reist nicht allein. Nach Angaben seines Ministeriums begleiten ihn Vertreter von Airbus, TKMS, MBDA, Quantum Systems, Diehl und Rohde & Schwarz. Darin zeigt sich, dass Berlin die Reise nicht nur als sicherheitspolitischen Austausch versteht, sondern auch als Türöffner für neue technologische und industrielle Kooperationen.
Grundsätzlich plädiert Ernst dafür, gerade mit hoch technologisierten Wertepartnern in der Region enger zusammenzuarbeiten. „Warum gehen wir nicht stärker in diese hoch technologisierten Länder wie Japan hinein und suchen Partnerschaften? Ich glaube, da lassen wir im Moment viel Potenzial liegen.“
Der strategische Wert Japans
Japan wiederum bietet weniger Rohstoffe, statt vielmehr sicherheitspolitische und technologische Anschlussfähigkeit: bei Logistik, Übungen, Interoperabilität und im militärischen Lernen von einem Land, das seit Jahren unter unmittelbarem Druck aus China, Nordkorea und Russland steht.
„Mit dem Besuch von Verteidigungsminister Pistorius steht die militärische Zusammenarbeit klar im Vordergrund. Dabei geht es vor allem um Interoperabilität und Kompatibilität“, sagt Elli-Katharina Pohlkamp, Visiting Fellow im Asienprogramm des European Council on Foreign Relations. Seit Juli 2024 gibt es dafür mit dem deutsch-japanischen Acquisition and Cross-Servicing Agreement auch einen festeren Rahmen.
Für Deutschland ist Japan dabei auch ein Lernpartner. Japan diene für Berlin „ein Stück weit als Gradmesser“, sagt Pohlkamp, weil das Land mit „einer enormen Bedrohungswahrnehmung“ lebe – nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich. Gerade das macht Japan für Deutschland interessant: als Staat, der Fragen von Abschreckung, Lieferketten und wirtschaftlicher Sicherheit längst zusammen denkt.
Zugleich bleiben die Erwartungen realistisch. Das deutsche Engagement im Indopazifik sei „stärker symbolisch und noch klar im Aufbau“, sagt Pohlkamp. Für Japan seien deshalb „planbare, wiederkehrende Beiträge wichtiger als große, einmalige Shows“. Berlins Rolle liegt aus Tokios Sicht also weniger in Machtprojektion als in Verlässlichkeit.
Schon daran zeigt sich, dass Berlin die Reise nicht nur als sicherheitspolitisches Signal versteht, sondern auch als Gelegenheit, Verteidigungsbeziehungen in der Praxis auszubauen.
Die neue geopolitische Verknüpfung
Hinter der Reise steht auch ein größerer strategischer Gedanke: Aus deutscher Sicht lassen sich die Sicherheitsinteressen demokratischer Staaten in Europa und im Indopazifik immer weniger trennen. „Wir sitzen am Ende alle in einem Boot“, sagt Ernst. „Es ist im Grunde egal, wo der Konflikt auftritt: Ob in Europa oder in Ostasien, wir sind als demokratische Staaten davon gemeinsam betroffen.“
Auch Pohlkamp verweist auf diese Verbindung. Deutschland sehe Europa mit seinem Russland-Fokus und Asien mit dem Blick auf China und Nordkorea „zunehmend als sicherheitspolitisch miteinander verbundene Räume“.
Europa und der Indopazifik seien „untrennbar verbunden“, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums mit Verweis auf regelbasierte Ordnung, Seewege, internationales Recht sowie die Bedeutung der Region für globale Liefer- und Wertschöpfungsketten. Für Berlin folgt daraus, dass demokratische Staaten ihre Partnerschaften enger verzahnen müssen, wenn sie diesen Druck gemeinsam abfedern wollen.
Chris Lunday ist Journalist bei „Politico“ Europe.
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