Im fünften Stock eines Hochhauses in Ramat Gan in der Nähe Tel Avivs ist das Hauptquartier der israelischen Demokraten, einer linken Partei, die sich mit Yair Golan (63) an der Spitze in Position für die nächsten Wahlen im Oktober gebracht hat. Golan war General in der israelischen Armee. Berühmt wurde er am 7. Oktober 2023, als er mit einem M16-Sturmgewehr loszog, um Besucher des Nova-Festivals zu retten, das die Terrororganisation Hamas an diesem Tag überfiel.
Frage: Herr Golan, warum sind Sie am 7. Oktober allein ins Kampfgebiet gezogen?
Yair Golan: Schon während der ersten Minuten verstand ich anhand der Nachrichten, die ich bekam, dass das nicht einfach ein weiterer Terroranschlag war, sondern etwas viel Größeres, Schlimmeres. Meine Schwester rief mich an, erzählte mir vom Sohn einer Bekannten, der sich irgendwo in der Nähe des Nova-Festivals verstecken würde. Sie schickte mir den genauen Standort auf Google Maps. Da ich mich gut in der Gegend auskannte, beschloss ich, zu helfen. Ich nahm ein M16-Sturmgewehr mit. Vor Ort fand ich drei junge Leute, die sich in den Büschen versteckt hatten. Es folgte eine Flut von Anrufen. Ich bin dann noch zweimal zurückgekehrt, habe sechs Menschen gerettet. Den letzten holte ich kurz vor Einbruch der Dunkelheit raus und entschied dann, dass es in der Finsternis zu gefährlich wäre, weiterzumachen, weil dort immer noch Terroristen herumliefen.
Frage: Glauben Sie, dass die aktuelle Regierung Schuld daran trägt, dass die israelische Armee nicht richtig auf diesen Angriff vorbereitet war?
Golan: Das Versagen Israels ist auf das politische Konzept im Vorfeld zurückzuführen. Das ging so: Wir wollen keine Einigung mit den Palästinensern. Denn das würde bedeuten, dass man Siedlungen räumen müsste. Die Rechten denken: „Das ist sehr gefährlich für uns! Wir wollen unsere Errungenschaften in den besetzten Gebieten nicht gefährden!“ Deshalb sagen sie: „Die Hamas ist ein Gewinn, die Autonomiebehörde im Westjordanland eine Last. Die Hamas ist extrem, das ist gut, so können wir zeigen, dass alle Palästinenser Extremisten sind. Die Autonomiebehörde arbeitet mit uns zusammen, das ist gefährlich! Denn man könnte dann ja denken, dass es eine Art von Übereinkunft mit den Palästinensern geben könnte!“ Der Öffentlichkeit wird verkauft, dass man den Konflikt irgendwie managen kann. So ist die Illusion entstanden, dass man ihn nicht lösen muss. Bei der Armee gibt es keine wirkliche Unterscheidung zwischen der höchsten politischen und militärischen Ebene, weshalb sie die politischen Fehler mit militärischen komplementiert. Diese Theorie der Abschreckung ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil sie eine Geringschätzung des Gegners beinhaltet. Die Auffassung Netanjahus war: „Wir haben den Iran, die Hisbollah im Libanon, die Huthis im Jemen, was ist da die Hamas? Die ist unwichtig.“ Und die Armee denkt dann: „Wir geben der Hamas ab und zu eine Backpfeife und dann ist sie wieder für ein paar Jahre ruhig.“ Wenn jemand wie Netanjahu Premierminister sein und alles in der Hand haben will, kann er nicht nur die Erfolge beanspruchen, sondern muss auch Verantwortung übernehmen für die Misserfolge. Es gibt keinen Zweifel: Netanjahu ist der Hauptverantwortliche für das Versagen am 7. Oktober.
Frage: Beim aktuellen Krieg hoffen Washington und Jerusalem, dass die Iraner auf die Straßen gehen und das Regime verjagen. Ist das überhaupt möglich, ohne „boots on the ground“?
Golan: Israel wird keine Bodentruppen in den Iran schicken und auch die Amerikaner nicht. Eines der wichtigsten Dinge im Krieg ist, vorher realistische Ziele festzulegen. Der Regimewechsel ist ein Herzenswunsch, ein Traum. Aber er ist kein Ziel, von dem wir sagen können: Wenn wir jetzt diese und jene Mittel einsetzen oder diese Pläne durchführen, wird das Regime fallen. Ich bin dafür, das Regime zu erschüttern, ihm seine atomaren Fähigkeiten zu entreißen, seine Fähigkeiten, Israel mit Langstreckenraketen anzugreifen. Aber zu sagen, dass es unser Ziel ist, das Regime zu stürzen, ist nicht realistisch.
Frage: Was sagen Sie zu dem, was gerade im Westjordanland passiert? Der deutsche Botschafter Steffen Seibert schrieb auf X, man könne und müsse gleichzeitig verurteilen, dass der Iran Raketen auf Zivilisten in Israel schießt und was israelische Siedler dort mit Palästinensern machen.
Golan: Was derzeit passiert, hat damit zu tun, was auf einer höheren Ebene geschieht. Die israelische Regierung fängt Kriege an oder führt sie fort, ohne die Fähigkeit, sie auch zu beenden. Dabei sieht unsere Sicherheitsdoktrin vor, dass man kurze und entscheidende militärische Kampagnen umsetzt. Derzeit befinden wir uns aber inmitten von Kampagnen, die sich ins Unendliche ziehen. Die Hamas in Gaza ist noch da, wird von Tag zu Tag stärker. Wir haben nichts dazugelernt. Man kann die Hamas militärisch schwächen, aber um sie auszutauschen, braucht man eine politische Alternative. Doch Netanjahu verbietet, dass die Palästinensische Autonomiebehörde nach Gaza darf, und verhindert, dass sich moderatere Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien und Ägypten am Wiederaufbau beteiligen. Im Libanon passiert das Gleiche: Man verpasst der Hisbollah einen heftigen Schlag, aber was dann? Und das gilt auch für das Westjordanland. Anstatt zu überlegen, wie man auf lange Sicht die Sicherheitslage verbessert, kippt die Regierung Öl ins Feuer. Ich glaube daran, dass die meisten Israelis moderat sind, eine auf lange Sicht angelegte Sicherheitspolitik wollen. Wir sind seit zweieinhalb Jahren in einem ständigen Krieg. Seit diese Regierung an der Macht ist, gab es keinen Tag Ruhe. Das zermürbt die israelischen Bürger, trocknet die israelische Wirtschaft aus. Deshalb muss dieser zerstörerische Weg verlassen werden. Und das geht nur durch einen politischen Wandel.
Frage: Sie sind ein großer Kritiker der Regierung. Was lieben Sie an Israel?
Golan: In meinen Augen ist Israel eines der Wunder des 20. Jahrhunderts. Ein Volk, das aus der Schoah kam, hat es geschafft, ein freies, demokratisches Land zu schaffen. Eine Heimat für das jüdische Volk. Mit einer hervorragenden Gesundheitsversorgung, einer fortschrittlichen Wirtschaft, mit Hightech, Wissenschaft, Nobelpreisträgern. Das ist außergewöhnlich. Wir haben Juden aus der ganzen Welt hier zusammengebracht. Aus Europa, aus islamischen Ländern. Trotz aller Probleme haben wir es geschafft, eine funktionierende, lebendige Nation zu erschaffen. Eine Nation, die es schaffte, trotz großer Bedrohungen zu überleben. All diese wunderbaren Dinge droht Netanjahu zu zerstampfen, er ist schon dabei. Er hetzt die eine Hälfte der Bevölkerung gegen die andere auf, sorgt für einen tiefen Riss im Volk. Er droht, Israel in eine messianische Theokratie zu verwandeln, was für die demokratisch-liberale Öffentlichkeit nicht zu ertragen ist. Und bedroht unsere Perspektive, als ein modernes, freies und demokratisches Land zu bestehen.
Das Axel Springer Global Reporters Network ist eine markenübergreifende Initiative, die Scoops, investigative Recherchen, Interviews, Gastbeiträge und Analysen globaler Relevanz veröffentlicht. Journalisten aller Axel-Springer-Marken – darunter POLITICO, Business Insider, WELT, BILD und Onet – kooperieren bei großen Geschichten für ein internationales Publikum. Die Berichterstattung erstreckt sich über alle Plattformen von Axel Springer: online, Print, TV und Audio. Zusammen erreichen diese Veröffentlichungen Hunderte Millionen Menschen weltweit.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke