Guido Westerwelle (1961–2016) war FDP-Bundesvorsitzender, Vizekanzler und Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Er starb am 18. März 2016 an Leukämie. Sein Lebenspartner Michael Mronz führt als Vorstandsvorsitzender die Westerwelle Foundation weiter, die junge Unternehmer in Schwellen- und Entwicklungsländern fördert.
Dieses Interview wurde mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt – auf Grundlage von mehr als 400 Seiten dokumentierter Reden, herausgegeben von der Friedrich-Naumann-Stiftung. Die Antworten sind montierte Original-Zitate – thematisch zusammengestellt, redaktionell verbunden, inhaltlich unverändert.
Die Idee zu diesem Projekt geht zurück auf Michael Mronz, den Lebenspartner und Witwer Westerwelles, den Vorsitzenden der Westerwelle Foundation, und wurde von den WELT-Redakteuren Paul Klinzing und Valentin Weimer gemeinsam mit Michael Mronz umgesetzt. Mronz hat dieses Interview inhaltlich autorisiert.
WELT: Auch 2026 sind Sie ein Star in den sozialen Medien. Die Rede vom Bundesparteitag 2011 geht regelmäßig viral. „Freiheit stirbt immer zentimeterweise“, paraphrasierten Sie Karl-Hermann Flach. Der Liberalismus scheint in Deutschland wie global auf dem Rückzug zu sein. Welche Bedeutung hat er in zunehmend unsicheren Zeiten?
Guido Westerwelle: Freiheit ist wie ein Muskel. Wenn er nicht trainiert wird, verkümmert er. Wie konnte es eigentlich in Deutschland passieren, dass, wenn ein Politiker das Wort „sozial“ ausspricht, die meisten an staatliches Geldausgeben denken? Das Wort „sozial“ hieß einmal im Wortsinne „gesellschaftlich“. Also eben nicht staatlich. Das ist nach unserer liberalen Auffassung die Wurzel allen Übels: dass Freiheit und Verantwortung getrennt wurden. So kann ein bürgerliches Gemeinwesen nicht funktionieren. Wir brauchen nicht die Freiheit von etwas, wir brauchen die Freiheit für etwas. Wir brauchen die Freiheit zur Verantwortung.
Nicht der schafft Stabilität, der die Freiheit unterdrückt, sondern derjenige, der Bürgerrechte garantiert. Eine Gesellschaft kann auf Dauer niemals stabil sein, niemals erfolgreich sein, wenn man Freiheits- und Bürgerrechte unterdrückt.
Liberalität ist das Gegenteil von Beliebigkeit. Wer die tolerante Gesellschaft schützen will, muss sich der Beliebigkeit entgegenstellen. Wer die tolerante Gesellschaft will, darf Intoleranz nicht tolerieren.
WELT: Herr Westerwelle, die FDP ist bei der Bundestagswahl 2025 mit 4,3 Prozent aus dem Bundestag geflogen. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg hat sie es wieder nicht ins Parlament geschafft. Kanzler Merz sagt: „Die FDP ist endgültig von der politischen Bühne in Deutschland verschwunden. Sie wird keine Rolle mehr spielen.“ Warum braucht es die FDP im Parteienspektrum?
Westerwelle: Die FDP ist keine Partei nur für Austern-Schlürfer und Champagner-Trinker, sondern eine Partei, die sich an das ganze Volk wendet. Die FDP ist zuallererst eine eigenständige Partei und erst in zweiter Linie Koalitionspartner für irgendwen.
Es ist die breite Mitte, die die Hauptlast der Abgaben und Steuern trägt. Aber das ist auch die vergessene Mitte. Die Politik redet über die oberen und die unteren Ränder, über die rechten und die linken Extreme. Es muss noch eine Partei in Deutschland geben, die Anwalt der Mitte ist. Für diese vergessene Mitte wollen wir sprechen.
Es geht darum, Menschen wieder für die Politik zu gewinnen, die sich von unserem politischen System abgewendet haben. Wir müssen eine Republik sein von Dafür-Bürgern und nicht Dagegen-Bürgern. Ich habe gar keinen Zweifel daran, dass wir das Blatt wenden werden.
WELT: Das Vertrauen der Bürger in die Politik sinkt seit Jahren. Das Ergebnis: Die politischen Ränder gewinnen in nahezu allen Wahlen in allen westlichen Ländern hinzu. Wie könnte eine Antwort auf den Vertrauensverlust aussehen? Welche Reformen können das Vertrauen in die Politik verbessern?
Westerwelle: Die Menschen sind viel weiter als die Politik. Das Land hat sich längst für Veränderungen entschieden, nur die Politik zögert noch. Das Unwohlsein unserer Zeit heißt: Ich zahle immer mehr für den Staat, aber dafür wird der Staat dort immer schlechter, wo ich ihn brauche – bei der inneren Sicherheit, bei der Infrastruktur, bei der Bildung. Stark ist der Staat, der sich auf seine Kernaufgaben konzentriert. Schwach ist der Staat, der sich verzettelt.
Einer Regierung, der der innere Kompass fehlt, der fehlt auch die Richtung. Eine Politik, die nicht mehr weiß, wohin sie will, wird immer auf der Stelle treten. Entscheidungen müssen im Parlament getroffen werden, nicht in irgendwelchen Kommissionen. Die Bürger müssen wissen, wer für welche Entscheidung verantwortlich ist.
Aus der Gefälligkeitspolitik muss eine Verantwortungspolitik werden, in der die Politiker nicht fragen, was kommt an, sondern was bringt unser Land voran. Die Reformpolitik erhält ihren moralischen Unterbau erst dadurch, dass sich die Politiker nicht selbst von notwendigen Reformen ausnehmen. Von Zeit zu Zeit muss sich jedes Land verändern. Das größere Risiko besteht nicht darin, das Bestehende zu verändern, sondern darin, es nicht zu tun.
WELT: Sie haben sich 2011 als Außenminister in Libyen gegen einen Militäreinsatz Deutschlands entschieden, obwohl unsere Verbündeten – unter anderem die USA, Großbritannien und Frankreich – militärisch aktiv geworden sind. Die moralisch-politische Diskussion von damals ähnelt der heutigen im Falle des israelisch-amerikanischen Militäreinsatzes im Iran. Können Militäreinsätze Frieden schaffen?
Westerwelle: Deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik. Sie ist interessengeleitet, aber sie ist ausdrücklich auch werteorientiert. Das ist der Kompass. Der galt früher, und der gilt auch in Zukunft. Militärische Einsätze stehen für Liberale erst am Schluss und nicht am Anfang von Problemlösungen. Deutschlands Stärke in der Welt ist unsere wirtschaftliche Bedeutung, die diplomatische Klugheit und unsere Hilfsbereitschaft. Das müssen auch die Stärken unserer Außenpolitik sein.
Wie oft haben wir uns anhören müssen, dass politische Lösungen lange dauern, während militärische Lösungen relativ schnell gehen? Nein – wir sind zu der Erkenntnis gekommen, dass wir einen politischen Prozess brauchen, eine politische Lösung.
Dass wir uns in Libyen militärisch nicht engagiert haben – für mich ist das eine der schwersten Abwägungsentscheidungen meiner Amtszeit gewesen. Ich respektiere jeden, der dies anders sieht. Aber ich glaube, dass diese Entscheidung richtig war. Wir setzen auf einen politischen Prozess. Deutsche Außenpolitik setzt auf Kooperation statt auf Konfrontation. Nicht Konfrontation auf einem Kontinent der Kriege, sondern Kooperation als Friedensantwort.
WELT: Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap halten nur noch 16 Prozent der Deutschen die USA für einen vertrauenswürdigen Partner. Dabei bleibt die transatlantische Partnerschaft ökonomisch, militärisch und kulturell für Deutschland unabdingbar. Wie können wir das europäisch-amerikanische Verhältnis verbessern?
Westerwelle: Die Vereinigten Staaten von Amerika und uns verbindet eine enge Freundschaft und nicht nur eine transatlantische Partnerschaft. Wir stünden nicht mit freier Rede an diesem Platz, wenn die Vereinigten Staaten von Amerika nicht dafür geradegestanden hätten, in ihrer gesamten gemeinsamen Geschichte mit uns. Die transatlantische Freundschaft und Partnerschaft gehört zum festen Boden, auf dem wir stehen. Über den Atlantik hinweg bilden wir einen Raum gleicher Grundwerte. EU und Nato sind zuallererst Wertebündnisse.
Aber die Welt verändert sich in einer Dimension, die man im Augenblick kaum glauben mag. Wir meinen im Westen immer noch, wir hätten den Taktstock fest in der Hand. Ich glaube, dass wir den Taktstock gar nicht mehr so fest in der Hand haben. Es geht um den erweiterten Westen. Wenn es um unsere Prinzipien geht, um unsere Werte, dann sitzen wir im selben Boot. Es geht um die wichtigste Frage: Setzen wir die Standards oder tun dies andere?
Ob wir wollen oder nicht, wir müssen zusammenstehen, um für unsere gemeinsamen Werte der Freiheit und Verantwortung einzustehen und diese zu verteidigen. Mehr Zusammenarbeit, weniger Konfrontation – und sie beginnt immer zu Hause. Es beginnt mit Europa.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke