Verängstigte Einwohner in Teheran haben die iranische Hauptstadt am Dienstag als Geisterstadt beschrieben. Das berichten die Nachrichtenagenturen Reuters und AFP, die mit Augenzeugen vor Ort in Kontakt stehen. Nach massivem Raketenbeschuss durch die USA und Israel seien die Straßen weitgehend menschenleer, abgesehen von Kontrollpunkten und Patrouillen der Revolutionsgarden.

Die Nachrichtenagentur Reuters konnte zudem bei Telefongesprächen mit Menschen im ​ganzen Land keine Hinweise dafür finden, dass es Proteste gegen die Machthaber gibt oder diese unmittelbar bevorstehen. Die USA und Israel haben seit Samstag bei Luftangriffen Hunderte Iraner getötet und die Bevölkerung aufgerufen, die Gunst der Stunde zu nutzen ⁠und die Regierung durch Massenproteste zu Fall zu bringen.

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„Es gibt Kontrollpunkte an jeder Straße und in jeder Gasse“, sagte Fariba Gerami. Sie arbeitet im Norden Teherans, ihr Mann betreibt ein kleines Café. Stromausfälle und die wiederholte Unterbrechung der Trinkwasser-Versorgung seit Beginn des Bombardements hätten ihre Ängste weiter geschürt. Nachts fürchteten sie und ihre Freunde, dass Diebe in ihre Wohnungen einbrechen könnten, sagte die 27-Jährige. Die Familie wolle den Iran verlassen, sobald die Sicherheitslage es zulasse. Sie machten sich aber Sorgen wegen der Sicherheit auf den Straßen.

„Ich habe Angst, auf die menschenleeren Straßen zu gehen, weil ständig Bomben vom Himmel fallen“, sagte auch Samireh, eine 33-jährige Krankenpflegerin, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Es seien nur noch so wenige Menschen auf der Straße, „dass es so aussieht, als hätte hier nie jemand gelebt“.

Schon den vierten Tag in Folge wird Teheran immer wieder von schweren Explosionen erschüttert, grauer Rauch steigt in den blauen Himmel. „Wenn wir den Lärm der Angriffe hören, spüren wir, wenn wir nah am Einschlagsort sind, wie Fenster und Türen wackeln“, berichtete ein 31-Jähriger namens Saghar.

Ein Iraner berichtet von weinenden Kindern und Panik in der Bevölkerung

Ähnlich äußerten sich zwei Iraner, die am Dienstag über einen Grenzübergang in der Türkei ankamen. Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, berichtete von weinenden Kindern. Bei den Angriffen seien auch zivile Gebäude ⁠getroffen worden, das schüre Panik ​unter den Einwohnern, sagte er.

Ein anderer ‌Mann sprach von weitverbreiteter Zerstörung: „Wir haben viele kaputte Gebäude gesehen, besonders auf dem Weg aus dem Land.“ Es gebe zahlreiche Autowracks und Straßen seien nicht mehr befahrbar. „Die Menschen sind in Panik und wollen das Land verlassen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen.“

Bei vielen, die Teheran nicht verlassen können, ist die Angst groß. Am Montag schlugen Geschosse in der Nähe eines Krankenhauses ein, das beschädigt wurde und evakuiert werden musste. Die Sorge um weitere zivile Opfer wächst auch angesichts des Angriffs auf eine Mädchenschule im Südiran in den ersten Stunden des Krieges. Behördenangaben zufolge sollen dabei 150 Menschen gestorben sein, die Zahl ließ sich nicht unabhängig verifizieren. Das Staatsfernsehen zeigte Bilder der Beerdigung, bei der kleine, in iranische Flaggen gehüllte Särge über eine Menschenmenge hinweg zu den Gräbern gereicht wurden.

„Welt, seht ihr das? Sie töten uns. Hört ‌unsere Stimme“, sagte Firuzeh Seraj unter Tränen in Teheran. „Meine zehnjährige Tochter ist Dialysepatientin, und wir sitzen in der Falle. ⁠Ich habe Angst, sie ins Krankenhaus zu bringen. Was, wenn sie es bombardieren? Warum bombardiert ihr ​uns?“

Vor einem Angriff in der Nacht zum Dienstag hatte die israelische Armee zur Evakuierung des Stadtgebiets aufgerufen, in dem der iranische Staatsrundfunk Irib seinen Sitz hat. Verbreitet wurde der Aufruf auf X, wegen der Internetblockade im Iran hat er aber nur wenige Menschen erreicht.

Der Iran bezifferte die Zahl der Toten unter Berufung auf den Roten Halbmond auf 787. Als Reaktion auf den US-israelischen Angriff startete Teheran eine Welle von Drohnen- und Raketenangriffen auf Länder in der ⁠Region. Dabei wurden militärische und zivile Ziele in Israel, Jordanien und den Golfmonarchien getroffen.

Die Nachricht vom Tod Ajatollah Ali Chameneis am Samstag hatte in Teilen Teherans spontane Feiern ausgelöst. Anhänger der Staatsführung hingegen hielten Trauerzüge ab. Zu landesweiten Aufständen wie Anfang Januar kam es aber nicht. Damals waren bei den Protesten Tausende Menschen von Sicherheitskräften getötet worden.

In Urmia, nahe ‌der türkischen und irakischen Grenze, berichtete eine ⁠Frau vom bislang ‌schwersten Beschuss in der Nacht zum Dienstag. „Ich hatte Todesangst. Es gibt ​keine Schutzräume. ⁠Keine Hilfe. Sie bombardieren überall“, sagte sie. Das ​Internet falle immer wieder aus, die Menschen deckten sich mit Lebensmitteln ein. Zwar seien Waren und Medikamente noch erhältlich, doch wachse die Sorge, dass die Vorräte bei einem ‌längeren ​Konflikt knapp werden könnten.

Hassan, ein pensionierter Armeeoffizier im Nordiran, gab dem getöteten Revolutionsführer Ali Chamenei die Schuld. Dessen Atompolitik habe den ‌Iran auf ‌Konfrontationskurs mit dem Westen gebracht. „Chamenei ist tot, aber die Folgen seines jahrelangen Starrsinns töten immer noch das iranische Volk“, sagte er. „Warum so viel Feindseligkeit gegenüber der Welt? Was hat uns dieses Atomprogramm gebracht außer Bombardement, Isolation und Elend?“

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