Wahlkampf mitten im Karneval, härter geht’s nicht. An einem kalten, regnerischen Nachmittag haben Hexen den Ministerpräsidenten in einen Käfig gesperrt. Der Käfig ist etwas größer als eine Telefonzelle und aus dicken Holzlatten gezimmert, hinter denen Alexander Schweitzer steht, der Ministerpräsident. Durch die Schlitze sieht er ein paar Hundert kostümierte Menschen auf dem Dorfplatz. „Schmeißt mal einer was rein!“, ruft er und grinst, als hätte er den Spaß seines Lebens.

Schweitzer, ein hochgewachsener Mann von 52 Jahren, regiert Rheinland-Pfalz, seit Malu Dreyer im Sommer 2024 während der Legislaturperiode zurückgetreten ist. Nun kämpft er um seine politische Zukunft. Bei der Landtagswahl am 22. März will er sich von der Bevölkerung im Amt bestätigen lassen. Es wird eng.

Zwar stellt die SPD in Rheinland-Pfalz seit 35 Jahren den Ministerpräsidenten, in den Umfragen hat sie zuletzt aufgeholt. Doch es zeichnet sich ein knappes Rennen mit der CDU ab. Scheitert Schweitzer, dann verlieren die Sozialdemokraten eine ihrer letzten Bastionen. Der ohnehin schon brüchige Frieden im Willy-Brandt-Haus wäre in Gefahr. Und auf die Koalition von Bundeskanzler Friedrich Merz käme eine neue Belastungsprobe zu.

In Weiler, einer Ortschaft bei Bingen am Rhein, gibt Schweitzer alles, um das zu verhindern. Eine halbe Stunde bleibt er im Käfig, bevor er sich gegen eine Spende freikauft, so will es die lokale Fastnachtstradition. Auf dem Dorfplatz lächelt er mit Einhörnern und Hirschen in Selfiekameras. Als eine Gruppe Frauen ihm Schnaps anbietet, lehnt er dankend ab. „Bis zur Landtagswahl trink‘ ich ned“, sagt er. Dann fügt er hinzu, dass er „Pälzer“ sei, also Pfälzer, und als solcher sei sein „Konto“ stets im Plus. „Ich könnte zwei Jahre ned trinken und es wär‘ immer noch im Plus.“ Gelächter.

Schweitzer hat das Mantra seines Vorvorgängers Kurt Beck verinnerlicht, „nah bei de Leut“ zu sein. Es ist das Erfolgsrezept, mit dem die SPD in Rheinland-Pfalz, einem konservativen, katholischen Bundesland, immer wieder Wahlen gewonnen hat.

CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder könnte Schweitzer gefährlich werden

Der Mann, der Schweitzer gefährlich werden könnte, heißt Gordon Schnieder. Er ist Spitzenkandidat der CDU, zwei Jahre jünger und einen halben Kopf kleiner als Schweitzer, was immer noch sehr groß ist. An einem trüben Samstag schlendert der CDU-Mann über den Marktplatz von Landau, einer Stadt in der Pfalz. Vor einem der Stände kommt er mit einem Bäckermeister ins Gespräch.

Der Bäckermeister schimpft über die Verpackungssteuer, „so ein Wahnsinn“, Schnieder stimmt zu: „Kein Umweltschutz. Nur Gängelei.“ Dann geht es ins Klein-Klein der rheinland-pfälzischen Politik. Der Bäcker spricht über die Rolle der zuständigen Aufsichtsbehörde, und Schnieder zitiert ein Oberverwaltungsgerichtsurteil, wonach die Behörde den Kommunen keine konkrete Maßnahme wie eine Verpackungssteuer vorschreiben darf.

Wenn es kompliziert wird, läuft Schnieder zur Hochform auf. Einer seiner Mitarbeiter sagt, er sei „ein absoluter Zahlen- und Detailmensch“. Er selbst sagt: „Ich versuche, die Dinge auf der sachlichen Ebene zu durchdringen. Zu viele Emotionen sind in der Politik gefährlich.“ Mit einem leisen, unaufgeregten Wahlkampf will er schaffen, was vorherigen CDU-Kandidaten wie Julia Klöckner nicht gelungen ist. Keine großen Zuspitzungen, keine scharfen Angriffe. Er glaubt, die Menschen werden das belohnen.

Noch regiert in Rheinland-Pfalz eine Ampel-Koalition, die letzte in Deutschland. Bei der Wahl wird sie voraussichtlich ihre Mehrheit verlieren, die FDP dürfte an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Die AfD ist in Umfragen drittstärkste Kraft, sie punktet vor allem in Arbeiterstädten wie Kaiserslautern und Ludwigshafen. Das Duell um den ersten Platz entscheidet sich zwischen SPD und CDU, zwischen Alexander Schweitzer und Gordon Schnieder.

Schweitzer ist verheiratet und hat drei Kinder. Er wuchs als Sohn eines Binnenschiffers und einer Hausfrau auf, seine ersten Lebensjahre verbrachte er auf einem Frachter zwischen Karlsruhe und Rotterdam. Er findet, Menschen dürften ihre Biografie nicht vorgeschrieben bekommen, Biografien müssten ermöglicht werden.

Gordon Schnieder stammt aus der Eifel, auch er ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist mit Politik aufgewachsen. Sein Vater gründete einen CDU-Ortsverband mit. Erst trat sein älterer Bruder in die Partei ein, der heutige Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, dann er selbst. Er findet, ein Staat müsse funktionieren, um das Vertrauen der Bürger zu gewinnen.

Wenn man Schweitzer fragt, was er von Schnieder hält, sagt er: „Ich finde, das ist ein gerader Kerl.“ Stellt man Schnieder die umgekehrte Frage, antwortet er: „Wir kommen seit Jahren ordentlich miteinander parat.“ Die beiden duzen sich.

Schnieder sagt, er habe noch nie einen Pullover gekauft, zu Hause trage er Hemd oder Poloshirt. Schweitzer hat in seinem Dienstwagen einen roten Kapuzenpulli, den er überstreift, bevor er an Haustüren klingelt. Wenn jemand öffnet, will er nicht im dunklen Anzug auf der Straße stehen.

Schweitzer koppelt sich von der SPD ab

In Andernach, nordwestlich von Koblenz, geht Schweitzer von Haus zu Haus, eine Steppjacke über dem Kapuzenpulli. Als er bei einem Mann einen Zollstock aus der Tasche ragen sieht, scherzt er: „Sind Sie gerade am Schaffen? Wir gehen mal schnell weiter, bevor wir mithelfen müssen.“ Als eine Frau in Karnevalskostüm öffnet, ruft er: „Sie sehen toll aus!“ Er floskelt sich mühelos durch diese 30-Sekunden-Gespräche.

Nach seiner kurzen Amtszeit genießt Schweitzer kein so hohes Ansehen wie Kurt Beck und Malu Dreyer. Trotzdem bekäme er bei einer Direktwahl 34 Prozent der Stimmen und Schnieder nur 17 Prozent. Die Kampagne schneidet er ganz auf sich zu, Genossen sprechen von einem „Gute-Laune-Wahlkampf“. Bundespolitiker der SPD zeigen sich in Rheinland-Pfalz kaum. Schweitzer koppelt sich von der Partei ab, er weiß, dass sie Ballast ist.

Sein Herausforderer kann sich das nicht leisten. An einem Mittwochabend im Februar betritt Gordon Schnieder in Trier einen voll besetzten Saal, an seiner Seite ein schlanker Mann mit runder Brille. Applaus brandet auf, 1000 Menschen erheben sich von ihren Plätzen. Schnieder lächelt, auch wenn der Beifall vor allem seinem Begleiter gilt, Bundeskanzler Friedrich Merz.

Ohne den Amtsbonus ist Schnieder auf solche Momente angewiesen, in seinem Wahlkampf tritt ein Bundespolitiker nach dem anderen auf. Aber aus Berlin kommt nicht nur Gutes. Schon vor Monaten forderte Schnieder, Union und SPD sollten die „öffentliche Zankerei“ um die Rente beenden, weil sie Vertrauen zerstöre. Die Diskussion um die „Lifestyle-Teilzeit“ nannte er eine „Schnapsidee“.

Als Oppositionspolitiker hat er es nicht leicht. Die rheinland-pfälzische SPD ist pragmatisch, in manchen Punkten gar nicht so weit entfernt von der CDU. In vielen Statistiken steht das Bundesland vergleichsweise gut da. Schnieder hat zwei Themen identifiziert, bei denen das anders ist: Bildung und Gesundheit. Rheinland-Pfalz sei das „Abstiegsbildungsland Nummer eins“, Gesundheitsversorgung dürfe „nicht von der Postleitzahl“ abhängen, betont er; es ist der Refrain seines Wahlkampfes. In seinen Reden nennt er Zahlen, reiht Beweisstück an Beweisstück. Die Zahlen sind seine Waffe, so wie Schweitzers gute Laune eine Waffe ist.

Den Wahlabend werden die beiden unter einem Dach verbringen, im Mainzer Abgeordnetenhaus. Die SPD feiert ihre Party im zweiten Stock, die CDU im dritten. Der Verlierer wird keinen weiten Weg haben, um seine Glückwünsche zu überbringen.

Sebastian Gubernator ist Nachrichtenredakteur und Korrespondent in Frankfurt am Main. Zurzeit berichtet er über den Wahlkampf in Rheinland-Pfalz.

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