Es fällt derzeit schwer, den Überblick zu behalten. Im Schatten der Zoll-Drohungen von Donald Trump bringt die EU neue Handelsabkommen auf den Weg. Aber kann das wirklich helfen, um Europas Wirtschaft zu stärken? Die Ökonomin Claudia Schmucker leitet das Zentrum für Geopolitik, Geoökonomie und Technologie bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). In dieser Funktion berät Schmucker auch die Bundesregierung.
WELT: Hat sich die Lage für Europa verbessert, seit das Oberste Gericht in den USA die Zollpolitik von Präsident Trump für teils verfassungswidrig erklärt hat?
Claudia Schmucker: Politisch ja, aber wirtschaftlich nein. Es ist gut, dass die Gewaltenteilung in den USA funktioniert. Aber kurz gesagt: Trump hat andere Rechtsgrundlagen, um Zölle zu erheben. Die Folge ist Unsicherheit, das ist das Allerschlimmste für Unternehmen. Diese haben lieber einen klaren Zoll, als dass sie gar nicht wissen, was kommt.
WELT: Europa bringt derzeit im Rekordtempo neue Handelsabkommen auf den Weg. Indien, Mercosur, Indonesien, Australien – zuvor war darüber oft Jahrzehnte ohne Ergebnis verhandelt worden. Warum geht das jetzt so schnell?
Schmucker: Diese Abkommen haben wir Trump und seiner aggressiven Handelspolitik zu verdanken. Die EU hatte bereits im Jahr 2007 in der Global Europe Strategie das Ziel formuliert, Handelsabkommen in Asien zu schließen. Die Verhandlungen mit Südamerika (Mercosur) begannen sogar schon viel früher, im Jahr 1999. Aber dann zeigte sich, wie kompliziert alles ist, weil die EU mit bis zu 30 Kapiteln in die Verhandlungen gegangen ist. Das führte dazu, dass viele Länder der Ansicht waren, dass die Verhandlungen mit Europa zu kompliziert und fordernd sind. Aber jetzt spüren auch diese Länder die Unsicherheiten des US-Marktes. Europa bietet Abnehmer in einem Binnenmarkt von 27 Mitgliedstaaten und bleibt damit attraktiv.
WELT: Das Mercosur-Abkommen ist noch nicht vom EU-Parlament ratifiziert.
Schmucker: Die Abgeordneten, die dagegen gestimmt haben, sind mittlerweile in der Defensive. Das Abkommen erlaubt eine vorläufige Anwendung, sobald der erste Mercosur-Staat das Ratifizierungsverfahren abgeschlossen hat. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hat dies bereits gefordert. Ich bin sicher, dass das Abkommen früher oder später in Kraft tritt, dafür ist es zu wichtig.
WELT: Welche Abkommen haben das größte Potenzial für Europa?
Schmucker: Nehmen wir Indien und Mercosur. Die südamerikanischen Länder Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay (Mercosur) haben bisher hohe Zollmauern für europäische Produkte, teilweise über 30 Prozent. Unsere Märkte sind komplementär, sie ergänzen sich. Das heißt, dass Europa durch das Abkommen einen sehr guten Exportmarkt vorfindet, etwa für Autos, Maschinen und chemische Produkte. Im Gegenzug importieren wir wichtige Rohstoffe aus der Region. Das ist ein wichtiger Schub für unsere Wettbewerbsfähigkeit.
WELT: Und Indien?
Schmucker: Beim Abkommen mit Indien ist Europa überraschend pragmatisch vorgegangen. Das bevölkerungsreichste Land der Welt ist ebenfalls mit hohen Zöllen abgeschirmt. Für Europa ist es angesichts der geopolitischen Lage wichtig, Zugang zu diesem Markt zu haben. Dafür hat es auf viele Bedingungen verzichtet – zum Beispiel, dass das Nachhaltigkeitskapitel (verbindliche Umwelt- und Sozialstandards in der Produktion, d. Red.) juristisch einklagbar ist. Auch wenn das Abkommen von üblichen Standards abweicht, ist es unglaublich wichtig.
WELT: Wird Indien eines Tages das neue China?
Schmucker: Das wird ein langer, mühsamer Weg. Deutschland hofft natürlich, dass es dort Autos produzieren und verkaufen kann. Aber der Markt ist kompliziert, Neu-Delhi verfolgt eine „Make in India“-Strategie, viele Bereiche wollen sie nicht öffnen. In Hightech und Mikrochips ist China sehr viel weiter. Aber Indien ist sehr gut im Dienstleistungssektor und auch im Tech-Bereich. Es ist im Rahmen des Abkommens daran interessiert, dass wir im Gegenzug unsere Märkte weiter für ihre Firmen öffnen. Gerade gab es eine große Konferenz zu Künstlicher Intelligenz in Indien. In diesen Bereichen gibt es ein großes Interesse an einer Partnerschaft – auch vonseiten der EU.
WELT: Während China und die USA auf ihre Wirtschaftsmacht setzen, um politische Ziele durchzusetzen, haben Sie ein Bündnis der Mittelmächte empfohlen, in dem eine regelbasierte Ordnung herrscht. Wie kann das aussehen?
Schmucker: Neben den bilateralen Abkommen, über die wir gesprochen haben, brauchen wir weitere Abkommen mit Staaten, um moderne Handelsregeln zu entwickeln. Die Welthandelsorganisation (WTO) ist nicht tot, 70 Prozent des Welthandels laufen nach ihren Regeln. Aber die sind veraltet, die meisten stammen aus den 90er-Jahren. Also schaut Europa nach neuen Partnerländern, um den regelbasierten Handel voranzutreiben. Das sind nicht die USA oder China, sondern eben Mittelmächte wie aus der transpazifischen Partnerschaft CPTPP, darunter Vietnam, Singapur, Kanada, Malaysia, Chile und Mexiko. Zusammen machen EU und die CPTPP-Staaten 37 Prozent des Welthandels aus und können so gemeinsam wichtige Regeln setzen. Dazu zählen moderne Regeln für digitalen Handel, Nachhaltigkeit, Dienstleistungen, Technologietransfer. Um gemeinsam resiliente Lieferketten aufzubauen, könnte zum Beispiel vereinbart werden, dass man gegenseitig keine Export-Beschränkungen in strategischen Sektoren verhängt. Die EU ist zurzeit sehr aktiv auf der Suche nach neuen Partnerschaften mit Mittelmächten und bleibt dabei – mit dem Binnenmarkt – ein attraktiver Partner.
WELT: Europa versucht, Standards bei Menschenrechten und Klimaschutz durchzusetzen. Für Kritiker stehen Vorgaben wie das Lieferkettengesetz aber für Überregulierung und unrealistische Anforderungen. Ist das noch zeitgemäß?
Schmucker: Europa muss umdenken. Viele Handelspartner – wie übrigens auch europäische Unternehmen – empfinden Vorgaben wie das Lieferkettengesetz als unfair, bürokratisch und paternalistisch. Dass der Eindruck entsteht, Europa laufe mit erhobenem Zeigefinger herum, ist ein Riesenproblem und wird auch unserer eigenen wirtschaftlichen Position nicht gerecht. Anstatt ihren Partnern einseitig unrealistische Vorgaben überstülpen zu wollen, sollte die EU sie lieber bei gleichwertigen Maßnahmen unterstützen.
WELT: Der französische Ökonom David Bavarez sagt, dass zum Beispiel China das Modell einer Kriegsökonomie verfolgt, in dem es mehr als um Wachstum darum geht, andere in Abhängigkeit zu bringen. Müsste Europa diesen Weg nicht auch gehen, um sich zu behaupten?
Schmucker: Das wollen wir nicht. Europas Wohlstand basiert darauf, dass wir langfristige Partnerschaften anstreben, von denen beide Seiten profitieren. Schauen Sie sich Indien an, das parallel ein Abkommen mit den USA und der EU geschlossen hat. Das Abkommen mit den USA ist unter Zwang entstanden, nachdem sie massiv von Washington mit Zöllen unter Druck gesetzt wurden. Es ist fraglich, ob das nachhaltig umgesetzt wird. Zwang bedeute auch Unberechenbarkeit. Die EU will hingegen nachhaltige und regelbasierte Abkommen, die auch Transparenz schaffen.
WELT: Aber ist das realistisch?
Schmucker: Wir sehen ja gerade, dass Länder Schlange stehen, mit uns regelbasierte Abkommen zu schließen. Wir sind momentan diejenigen, die als attraktive Partner gelten. Die Verhandlungen mit Malaysia und Indonesien haben sich lange Zeit hingezogen. Indonesien konnte nun im September 2025 abgeschlossen werden. Auch das Abkommen mit Australien wird voraussichtlich bald unterzeichnet. Die Abkommen sind wichtig, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir auch wettbewerbsfähige Produkte brauchen. Und hier hat insbesondere Deutschland zurzeit große Probleme.
WELT: Wie ist Ihre Prognose für den Wohlstand in Europa?
Schmucker: Derzeit nicht positiv. In Deutschland verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit, was unsere Exporte betrifft. Dies betrifft auch die Autoindustrie. Wir haben hohe Verschuldungen, wenig Wachstum. Ich sehe auch wenig Reformfortschritte. Was mich am meisten am Draghi-Bericht schockiert hat: In den USA kommt ein großer Teil des Wachstums von Unternehmen, die jünger als 50 Jahre sind. In Europa wurde hingegen in den vergangenen 50 Jahren kein Unternehmen neu gegründet, das heute eine Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden Euro erreicht hat. Unser Problem ist nicht nur die Abhängigkeit von China oder der Druck aus den USA. Uns fehlt ein Schwung neuer Ideen oder Technologien, die nur wir haben.
WELT: Kann Bundeskanzler Merz einen neuen Ton setzen und Europa in Handelsfragen sogar anführen?
Schmucker: Der Bundeskanzler kann eine Führungsrolle einnehmen. Das fängt damit an, dass er in Handelsfragen anders als sein Vorgänger Olaf Scholz auftritt. Bei der damaligen Bundesregierung war häufig die Strategie unklar. Mit ihren zahlreichen Enthaltungen auf europäischer Ebene – den sogenannten „German votes“ – sorgte sie oft für Irritationen. Merz hingegen bezieht in Handelsfragen klar Position. Ein geschlossenes Auftreten Europas ist dabei elementar, bleibt aber eine Herausforderung. Trotz aller Bekenntnisse stellen viele Mitgliedstaaten weiter nationale Interessen in den Vordergrund: Deutschland die Autoindustrie, Frankreich die Landwirtschaft, den Wein und Champagner. Das Ringen um das Mercosur-Abkommen hat das erneut gezeigt. Seit Trumps Gebietsansprüchen auf Grönland nehme ich allerdings ein Umdenken in der EU wahr, hin zu mehr Geschlossenheit.
WELT: Inwiefern?
Schmucker: Damit, dass Trump die territoriale Integrität eines Nato-Verbündeten infrage gestellt hat, hat er aus Sicht vieler Europäer eine rote Linie überschritten. Im äußersten Fall wäre Brüssel wohl bereit gewesen, das Anti-Coercion-Instrument einzusetzen.
WELT: Dieses Instrument erlaubt es der EU, auf politischen oder wirtschaftlichen Druck aus Drittstaaten mit Gegenmaßnahmen wie Zöllen oder Handelsbeschränkungen zu reagieren.
Schmucker: Ich habe unter den Europäern eine große Entschlossenheit wahrgenommen, dieses Instrument notfalls auch gegenüber Washington einzusetzen. In Gesprächen in Brüssel höre ich inzwischen deutlich schärfere Töne gegenüber den USA – die Stimmung ist regelrecht eisig. Die Europäer fordern vom US-Präsidenten nach den neuesten Zoll-Entwicklungen Klarheit und ein Ende der chaotischen Zollpolitik. Und sie tragen das inzwischen auch offensiv vor, auch in Person von Merz.
WELT: Der Bundeskanzler reist in der kommenden Woche nach Washington. Es geht darum, den Zoll-Deal mit den USA zu retten – der ohnehin nicht besonders vorteilhaft ist. Sind Europas neue Handelsabkommen ein Hebel für die Verhandlungen?
Schmucker: Ich vermute, dass die Hoffnung sein wird, dass der bereits ausgehandelte Turnberry-Deal vom Juli 2025 bleibt, der eine Deckelung der US-Zölle vorsieht. Wir haben beim Handel auch ja immer die Ukraine im Kopf – die Sorge, dass die USA ihre Unterstützung ganz aufgeben könnten. Insofern hat Europa schlechte Karten.
Diana Pieper ist Redakteurin im Ressort Außenpolitik. Für WELT berichtet sie über internationale Politik mit einem besonderen Fokus auf Südeuropa und die Themen Sicherheit und Verteidigung.
Philip Volkmann-Schluck ist Managing Editor und berichtet für WELT über internationale Politik mit einem besonderen Fokus auf den Nahen Osten, China und Südosteuropa.
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