Seit vier Jahren leben die Menschen in der Ukraine im Krieg. Sie haben Gliedmaßen verloren, Angehörige, ihre Existenzgrundlage und ihr Zuhause, aber nicht die Hoffnung. Dies sind einige ihrer Geschichten. Alle posieren mit Fotos, die sie in der Zeit vor dem russischen Einmarsch in ihre Heimat zeigen.
Tetjana Chimion, 47
Chimion tanzt Gesellschaftstänze, seit sie sechs Jahre alt ist. Sie nahm als Wertungsrichterin an internationalen Turnieren teil und unterrichtete Kinder in ihrem Studio in Slowjansk in der Region Donezk im Osten des Landes. „Wir glaubten, die Welt sei schön und gütig“, erzählt sie.
Heute ist Chimion Scharfschützin in der ukrainischen Armee. Ihre weißblonden Locken fallen über eine olivgrüne Jacke, als sie in einem Wald am Stadtrand von Kiew posiert. Ihr Ehemann hatte sich sofort freiwillig gemeldet und sie gedrängt, mit dem militärischen Dienst noch zu warten – vergeblich. „Wenn ich mich einmal entschieden habe, ist es sehr schwer, mich davon abzubringen.“
Sie absolvierte ihre Ausbildung in Europa und durchlief mehrere Einheiten, bevor sie einen ersten Kampfeinsatz erlebte. „Scharfschützin zu sein ist ein sehr kreativer Beruf, und ich bin ein kreativer Mensch“, sagt sie. „Gleichzeitig ist es sehr mathematisch, und ich liebe Mathematik.“ Chimion ist Mutter zweier erwachsener Söhne. Dass auch sie in den Krieg ziehen müssen, möchte sie nicht erleben.
Oxana Ossypenko, 43
Die Lehrerin Ossypenko und ihr Mann, der Schweißer Olexandr, zogen ihren Sohn Dawyd in der nordukrainischen Stadt Tschernihiw groß und wünschten sich ein zweites Kind. Ihr Sohn Hlib wurde 2020 geboren. Oxana sagt, es habe sich angefühlt wie ein Neuanfang: „Neuer Lebensmut, neue Pläne, ein frischer Start.“ Sie sparten für eine neue Wohnung und träumten von der Zukunft.
Doch am 3. März 2022 kostete ein russischer Luftangriff auf Tschernihiw Dutzende Menschen das Leben, darunter Olexandr, der bei der Territorialverteidigung diente. Seine Familie erfuhr erst über zwei Wochen später von seinem Tod und konnte es kaum fassen. „Ich lebte etwa eineinhalb Jahre lang mit dem Gefühl, dass er jeden Moment zur Tür hereinkommen könnte“, sagt Oxana. Hlib ist jetzt fünf Jahre alt und lebt länger ohne seinen Vater als mit ihm. „Er scheint langsam zu verstehen, dass sein Vater nicht mehr da ist“, sagt seine Mutter.
Ruslan Knysch, 20
Knysch war 16, als er im Morgengrauen des 24. Februar 2022 auf dem Balkon seiner Wohnung in Selydowe in Donezk den Beginn der russischen Invasion erlebte. Er beschreibt den Himmel damals als dunkel und beunruhigend. „Ich fühlte mich schutzlos und hilflos“, erinnert er sich.
Heute ist er 20 und ein Kriegsveteran. Im Februar 2024 meldete er sich freiwillig zum ukrainischen Militär, nachdem es in seiner Heimat mit seinen Ansichten zum Krieg angeeckt war. In der Region sympathisieren manche Einwohner mit Moskau. Im vergangenen Oktober wurde er bei einem Drohnenangriff in der Region Charkiw verwundet und verlor Arme und Beine. Während er seine Rehabilitation durchläuft und eine Reise in die USA plant, um sich Prothesen anfertigen zu lassen, hat er einen eigenen Weg gefunden, mit seiner Lage umzugehen. Er setzt auf schwarzen Humor, zitiert ukrainische Dichter und betont die Bedeutung des historischen Bewusstseins.
„Es gibt Momente, in denen es einen wirklich überwältigt“, sagt er. „Aber mir ist klar geworden, dass das Schicksal vielleicht seine eigenen Pläne hat.“
Jaroslaw Nehoda, 40
Nehoda und seine Frau Antonina hatten sich 20 Jahre lang ein Kind gewünscht, als ihre Tochter Adelina im vergangenen April gesund zur Welt kam. Die Familie kam oft in dem Haus zusammen, das Nehodas Großvater nach dem Zweiten Weltkrieg im Dorf Pohreby in der Region Kiew gebaut hatte. Der Vorort schien sicherer als die Hauptstadt. Und Nehoda wusste, dass seine Eltern Antonina bei der Versorgung des Neugeborenen unterstützen würden.
Am frühen Morgen des 22. Oktober traf eine russische Shahed-Drohne das Haus. Nehodas Frau, ihre sechs Monate alte Tochter und seine Nichte kamen ums Leben. „Wäre die Drohne nur einen halben Meter weiter weg eingeschlagen, wären sie alle noch am Leben“, sagt Nehoda, der die Nacht in Kiew verbracht hatte. Nun lebt er, wie er sagt, zwei Leben – eines voller Erinnerungen und ein anderes, um sich eine Zukunft aufzubauen. Doch es ist schwer. „Ich bin nicht mehr in meinen Zwanzigern“, sagt er.
Iwan Chmelnyzkji, 25
Chmelnyzkji arbeitete im Kundenservice großer Postdienste. Am Morgen des 24. Februar 2022 loggte er sich in das System ein und stellte fest, dass niemand sonst online war. Die ersten Explosionen in der Nähe seiner Stadt in der Region Kiew hatte er verschlafen. Kurz darauf versuchte er, sich freiwillig zum Militärdienst zu melden, wurde aber wegen fehlender Ausbildung abgewiesen. Monate später erzählte ihm ein Freund von einer freien Stelle beim staatlichen Katastrophenschutz.
Heute ist Chmelnyzkji Gruppenführer in einer Notfallrettungseinheit und hauptsächlich nach Raketen- und Drohnenangriffen im Einsatz. Er sagt, die Arbeit habe ihn abgehärtet. Anfangs hatte er Angst, auf instabile Trümmer zu treten. Mit der Zeit wich die Angst der Erfahrung. Er lebt in ständiger Alarmbereitschaft und schläft mit seinem Handy unter dem Kopfkissen. Manchmal übernachtet er zwischen den Schichten in Fahrzeugen. Selbst an seinen freien Tagen kann er innerhalb einer Stunde ausrücken.
„Das Schlimmste ist, dass das zur Normalität wird“, sagt er. „Kein Ukrainer mag das. Die Menschen sind müde. Müde – aber sie halten durch.“
Liudmyla Schytik, 77
Schytik und ihr ein Jahr älterer Ehemann Viktor hatten sich in der Stadt Wuhledar in Donezk ein Leben aufgebaut. Er arbeitete früher auf dem Bau in einem Kohlebergwerk. Sie war Buchhalterin.
Am 24. Februar 2022 stand Schytik vor ihrem Blumenbeet, als ein tief fliegendes Flugzeug mit lautem Getöse über sie hinwegdonnerte. Kurz darauf begann der Beschuss. Bäume wurden entwurzelt. Fast einen Monat lang harrten sie und ihr Mann im Keller aus, bevor sie evakuiert wurden und nichts als Dokumente in einer Plastiktüte mitnehmen konnten. Ihr Haus brannte später nieder.
Das Paar ist bereits neunmal umgezogen. Eine Wohnung in Kiew wurde im Oktober 2022 bei einem Raketenangriff beschädigt, und das Paar sowie die gemeinsame Tochter wurden durch Trümmer verletzt. Jetzt leben sie schon seit zwei Jahren in einer Sozialwohnung in der Nähe von Kiew. Dort dürfen sie insgesamt fünf Jahre lang bleiben. Wohin sie danach gehen sollen, wissen sie nicht.
„Anfangs konnte ich es nicht ertragen“, sagt Schytik über die ständigen Umzüge. Doch sie zwang sich, sich auf ihre Töchter und ihren Enkel zu konzentrieren. „Aber wir werden leben“, fügt sie lächelnd hinzu. „Wir werden nicht sterben.“
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