Die AfD-Bundestagsabgeordnete Martina Uhr hat ihren Lebensgefährten sowie die Tochter ihres Lebensgefährten in ihrem eigenen Bundestagsbüro angestellt. Dies zeigt eine WELT-Recherche.

Uhr war 2025 über die Landesliste der AfD Niedersachsen in den Bundestag eingezogen. Die niedersächsische Landesgruppe der Partei im Bundestag wird nach WELT-Informationen am Mittwochabend aufgrund des Falls zu einer Sondersitzung zusammenkommen. In der Sitzung soll beraten werden, zu welchen Konsequenzen die Landesgruppe die Abgeordnete auffordern will.

Auf der Website des Bundestags heißt es: ​„Personen, die mit den Abgeordneten verwandt, verheiratet oder verschwägert sind wie auch derzeitige oder frühere Lebenspartner dürfen nicht zulasten des Bundeshaushalts beschäftigt werden.“

Ähnlich ist dies im Abgeordnetengesetz formuliert. „Lebenspartner“ bezieht sich laut Bundestagsverwaltung allerdings nicht auf nicht-verheiratete Partner, sondern auf das vor der Einführung der „Ehe für alle“ existierende Institut der eingetragenen Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare. Im Bundestag ist es also nicht verboten, einen Partner im eigenen Büro zu beschäftigen, wenn es nicht um eine Ehe geht.

Das niedersächsische Abgeordnetengesetz für den dortigen Landtag ist strenger. Lebenspartner, „die mit einem Abgeordneten in eheähnlicher oder lebenspartnerschaftsähnlicher Gemeinschaft leben, stehen Ehegatten gleich“, heißt es darin. In Bayern betrifft dies laut dortigem Abgeordnetengesetz Partner, die „in einem gemeinsamen Haushalt so zusammenleben, dass nach verständiger Würdigung der wechselseitige Wille anzunehmen ist, Verantwortung füreinander zu tragen und füreinander einzustehen“.

Nach WELT-Informationen wurde in der vergangenen Woche in der Mitgliederdatenbank der AfD-Bundesgeschäftsstelle die Adresse von Uhrs Partner geändert. Dies geschieht meist auf Bitte des jeweiligen Mitglieds. WELT liegen Dokumente vor, aus denen hervorgeht, dass Uhr und ihr Lebensgefährte zuvor an derselben Wohnanschrift gemeldet waren.

„Die Adresse ist seit März letzten Jahres veraltet, und auch zu diesem Zeitpunkt waren es zwei unterschiedliche Wohnungen“, teilte die Bundestagsabgeordnete auf WELT-Anfrage mit. Fragen danach, wie sie begründe, dass sie ihren Lebensgefährten sowie dessen Tochter in ihrem Bundestagsbüro angestellt hat und wie sie dem möglichen Vorwurf begegnet, Beziehungspartner aus Steuermitteln zu begünstigen, ließ sie unbeantwortet.

Nach WELT-Informationen übernachteten beide beim Landesparteitag der AfD Niedersachsen im April 2024 sowie bei weiteren AfD-Veranstaltungen im selben Hotelzimmer. Die Beziehung ist innerhalb der Partei bekannt und wurde von mehreren Mitgliedern bestätigt.

Die Vorwürfe um ein angebliches „Terror-Reich“

Die niedersächsische AfD-Europaabgeordnete Anja Arndt hatte zuletzt in mehreren Briefen an den Bundesvorstand schwere Vorwürfe gegen die niedersächsische Landesspitze um Ansgar Schledde erhoben. Die Rede ist von korrupten Netzwerken sowie einem angeblichen „Terror-Reich“ des Landeschefs. Zudem behauptet Arndt, niedersächsische Bundestagsabgeordnete hätten 35 Prozent ihres Mitarbeiterbudgets für Parteiarbeit zweckentfremdet. Konkret soll Landeschef Schledde bestimmt haben, welche Mitarbeiter eingestellt wurden.

Daraufhin hatten sich mehr als 1500 Mitglieder – darunter auch fast alle niedersächsischen Bundestags- und Landtagsabgeordneten sowie Kreisvorsitzenden – mit dem Landesvorstand solidarisiert. In einem Brief, der ebenfalls an die Bundesspitze geschickt wurde, ist in Bezug auf die Europaabgeordnete Arndt von „bösartigen, verlogenen und haltlosen Vorwürfen“ die Rede.

WELT liegen zudem eidesstattliche Versicherungen aller niedersächsischen Bundestagsabgeordneten vor, die den Bundesvorstandsmitgliedern bei einer Sitzung am Montagabend zugegangen waren. Arndts Vorwürfe bezüglich Schleddes angeblicher Verfügungsgewalt über 35 Prozent oder einen Teil des Mitarbeiterbudgets „entbehren (...) jeglicher Grundlage“, heißt es darin. Unterschrieben hat das Dokument am vergangenen Samstag auch Martina Uhr.

Wie die „Bild“-Zeitung berichtet, hatte Uhr noch am 15. Februar eine „Zeugenaussage“ unterzeichnet, in der es gegenteilig heißt: „Hiermit bezeuge ich, Martina Uhr, die uneingeschränkte Erwartung seitens Hr. Ansgar Schledde, dass ich mich – sollte ich bei der BTW 2025 als MdB gewählt werden – an die 65% /35%- Regelung zu halten habe.“ Sie habe dann bemerkt, dass die vom Landeschef eingestellten Mitarbeiter „keine oder ungenügend viel Arbeit“ für sie erledigt und stattdessen Parteiarbeit gemacht hätten. Der Landesvorstand hatte dies bereits zuvor bestritten und erklärt, „zu keinem Zeitpunkt die Einstellungspraxis der frei gewählten Bundestagsabgeordneten beeinflusst oder Kenntnisse von solchen Eingriffen“ zu haben.

An diesem Mittwoch war bereits durch eine Recherche von „t-online“ bekannt geworden, dass auch der nordrhein-westfälische AfD-Abgeordnete Hauke Finger im eigenen Bundestagsbüro seine langjährige Lebensgefährtin beschäftigt.

Das Nachrichtenportal hatte in der vergangenen Woche außerdem aufgedeckt, dass dies auch den Fraktionsvize Stefan Keuter betrifft. Keuter muss nun einer Aufforderung der Fraktionschefin Alice Weidel nachkommen, bis zum kommenden Montag zu erklären, welche Konsequenzen er aus der Berichterstattung zieht.

In einem WELT vorliegenden Anhang zur Geschäftsordnung der AfD-Bundestagsfraktion heißt es unter dem Punkt „Ausschluss von Interessenkonflikten“, dass sich die Mitglieder verpflichten, „ihre offiziellen Kontakte nicht zur Erlangung von privaten Vorteilen“ einzusetzen. Insbesondere sollen die Abgeordneten bei Beschaffungen oder Beauftragungen für die Fraktion „keine ihnen nahestehenden Personen auf der Vertragspartnerseite“ einbeziehen.

Nahestehende Personen seien „insbesondere Ehepartner, nichteingetragene und eingetragene Lebenspartner, Geschwister, Geschwister der Ehe- oder Lebenspartner, Verwandte und Verschwägerte gerader Linie“. In der Fraktionssitzung am Dienstag zeigte sich Weidel laut Teilnehmern offen dafür, im Verhaltenskodex auch Regelungen für die Anstellung von Mitarbeitern zu finden. Öffentlich äußerte sich Weidel anders. Anwürfe der Medien seien „haltlos und völlig aufgebauscht“, sagte sie am Dienstagnachmittag vor Journalisten. An einer Krisensitzung des Bundesvorstands am Montagabend hatte sie nicht teilgenommen.

Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.

Pauline von Pezold ist Reporterin beim Newsletter „Playbook“ von „Politico“ Deutschland.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke