Nachdem am 12. November 1955 die ersten 101 Soldaten der Bundeswehr vereidigt worden waren, ging es rasch. Im Juli 1956 wurde die Wehrpflicht eingeführt, 1962 war die Truppe auf 375.000 Soldaten aufgewachsen. Das sei „ein sehr passendes historisches Exempel, das zeigt, was möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen“, sagte Generalleutnant Christian Freuding kurz nach seiner Amtseinführung als Inspekteur des Heeres im Oktober 2025.

Aktuell stehe die Bundeswehr mit der neuerlichen Notwendigkeit eines Aufwuchses „vor der gewaltigsten Aufgabe seit ihrer Gründung“, sagt Oberst André Wüstner, Chef des Bundeswehrverbandes. Doch nachdem der damalige Kanzler Olaf Scholz (SPD) Ende Februar 2022 eine Zeitenwende ausgerufen hatte, wuchs die Truppe bis Ende Dezember 2025 von rund 183.630 nur auf rund 184.200 Soldaten – in knapp vier Jahren also um rund 570.

Heute ziehen also offenbar noch nicht alle an einem Strang. So traut sich die Politik nicht an die Reaktivierung der Wehrpflicht, sondern setzt auf Freiwilligkeit. Auch damit gehe es voran, teilte das Verteidigungsministerium gerade mit, es gebe zum Jahresbeginn 2026 einen „Aufwärtstrend“. So sei das aktive Personal zum 31. Januar auf rund 186.400 Soldaten gestiegen, „einem neuen Höchststand“, darunter mehr als 13.500 freiwillig Wehrdienstleistende.

Was das Ressort nicht sagt: Es hätten bereits Ende Dezember 15.000 Wehrdienstleistende sein sollen, diese von Minister Boris Pistorius (SPD) gesetzte Zielmarke wurde mit 12.200 verpasst. In diesem Jahr sollen es laut Plan 20.000 werden. Und auch das wird nicht reichen: Angesichts der ausscheidenden Soldaten müssen pro Jahr 30.000 neue gewonnen werden – nur, um den Status quo zu halten. Und um die Einsatzbereitschaft an der Nato-Ostflanke zu steigern, braucht es über die bis zu einem Jahr Kurzzeit-Wehrdienstleistenden hinaus vor allem die länger dienenden Zeit- und Berufssoldaten. Deren Zahl lag zum Jahresende 2025 bei nur 172.000.

Ein „1956er-Moment“, wie Freuding ihn sich wünscht, ist bei der Zielmarke von 260.000 aktiven Soldaten und 200.000 Reservisten noch nicht in Sicht. Jedenfalls müssten dafür tatsächlich alle an einem Strang ziehen. Das allerdings geschieht nicht in ausreichendem Maße, wie der Aufbau der Litauen-Brigade zeigt. Der dauerhaft im Baltikum stationierte Verband soll im nächsten Jahr mit 4800 Soldaten einsatzbereit sein. Auch dabei gilt das Prinzip der Freiwilligkeit.

„Ich bin überzeugt“, sagte Generalinspekteur Carsten Breuer im Juli 2023 kurz nach der politischen Entscheidung zur Aufstellung der Brigade, dass mit den richtigen Rahmenbedingungen „die Frage nicht lauten wird, warum ich nach Litauen gehen sollte, sondern warum ich Litauen wieder verlassen sollte“.

Doppelter Sold, neue Kasernen, Mieterstattung – wenig Interesse

Nun, die Rahmenbedingungen sind geschaffen. Soldaten können ihren Sold in Litauen nahezu verdoppeln. Es gibt dort neue Kasernen, ersatzweise wird die Miete einer Wohnung erstattet. Die Litauer haben deutsche Kitas und Schulen eröffnet, bauen sogar eine Bahnlinie von der Hauptstadt Vilnius nach Rudninkai, einem von zwei Stationierungsorten der Brigade. Und dennoch ist es schwer, die Brigade freiwillig zu befüllen.

Bis Oktober 2025, als es um die Besetzung der Stäbe mit Offizieren ging, lief alles planmäßig. Doch jetzt geht es um die großen Personalgebinde mit Mannschaftssoldaten, die überall in der Truppe dringend gebraucht werden. Und da stockt es. Die Freiwilligenbewerbungen seien „nicht ausreichend“, heißt es in einer Vorlage, über die zuerst der „Spiegel“ berichtete. Der Sachstand Ende Dezember: Von den noch benötigten 1971 Soldaten hätten sich mit 209 Freiwilligen nur „rund zehn Prozent“ gemeldet.

Eine Ursache ist mangelnde Kommunikation: Eher lieblose Anschreiben des Personalamtes reichen nicht, es braucht persönliche Ansprache. Hektisch wird die mit einer Rundreise durch die Truppe jetzt nachgeholt. Auch die Anforderungen werden gesenkt: Statt der üblichen drei Jahre soll jetzt auch ein Jahr der Stationierung reichen. Und statt mit der ganzen Familie umzuziehen, wird auch die Möglichkeit des Pendelns in die Heimat am Wochenende beworben.

Das Hauptproblem aber ist, dass Freiwillige für Litauen wie Artilleristen, Pioniere, Aufklärer oder Logistiker in der restlichen Truppe tiefe Löcher reißen. Die Bereitschaft der Kommandeure vor Ort, unterstützend für das Prestigeprojekt des Ministers zu werben, ist folglich überschaubar. Erste Politiker denken schon laut darüber nach, die Entsendung nach Litauen notfalls auch verbindlich anzuordnen. Letztlich wird aber nur eine ausreichende Zahl von Soldaten in der gesamten Bundeswehr die Lage entspannen.

Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf, heißt es im Grundgesetz. Dass die Freiheit nur freiwillig verteidigt werden darf, ist eine politische Vorgabe.

Der politische Korrespondent Thorsten Jungholt schreibt seit vielen Jahren über Bundeswehr und Sicherheitspolitik.

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