Parteivorsitzende, die die Stimmungslage ihrer Funktionäre und der Basis realistisch einschätzen können, wissen, was auf Wahlparteitagen auf sie zukommt. CSU-Chef Markus Söder ahnte, dass der Parteitag Mitte Dezember 2025 in München kein Heimspiel werden würde. Und tatsächlich wurde er mit schwachen 83,6 Prozent im Amt bestätigt. Es war ein überraschend kräftiger Denkzettel, von dem sich Söder bis heute nicht erholt hat.

Friedrich Merz, der zu Beginn seiner Kanzlerschaft so wirkte, als schwimme er im Fahrwasser von Söder mit, geht hingegen deutlich gestärkt aus dem Parteitag seiner CDU in Stuttgart hervor: Er wurde mit knapp 91,2 Prozent der Stimmen als Vorsitzender wiedergewählt. Das sind rund 2,2 Prozentpunkte mehr als bei seiner Wahl auf dem Berliner Parteitag im Mai 2024.

Merz saß während der Auszählung der Wahlzettel nicht mehr auf dem Platz des Parteivorsitzenden auf der Bühne, sondern in den Reihen der Delegierten aus Nordrhein-Westfalen. Als das Ergebnis verkündet worden war, stand Merz auf und sagte nur: „Herzlichen Dank für das großartige Vertrauen. Ich nehme die Wahl an.“ Zum Vergleich: Angela Merkels schlechtestes Ergebnis bei einer Wiederwahl lag bei 88,4 Prozent (2004), ihr bestes bei 97,9 Prozent (2012). SPD-Co-Chef Lars Klingbeil bekam im vergangenen Sommer 64,9 Prozent.

Merz ahnte wohl, dass er keinen derart deftigen Denkzettel wie Söder oder Klingbeil bekommen würde: Die Prognosen in der Partei reichten vor der Wahl von 83 bis knapp über 90 Prozent. Jedes Ergebnis unter 85 Prozent wäre als schwere Niederlage gedeutet worden. Merz hat also die Erwartungen übertroffen. „Nervös, ich? Warum?“, antwortete er auf eine entsprechende Frage am Vorabend des Parteitags. Und dann erklärte er launig, dass er sich nun auf ein Bierchen freue, seine Fastenzeit habe er bereits im Januar absolviert. Merz wirkte gelöst und entspannt vor dem Treffen der 1001 Delegierten.

Gute Reden können Stimmungen auf Parteiversammlungen entscheiden. Während Söder auf dem Münchner Parteitag sprach, lasen Delegierte mit ausgebreiteten Armen Zeitung, sodass es jeder sehen konnte. Die Rede des CSU-Vorsitzenden war schwach für seine Verhältnisse. Sie war anstatt der üblichen Angriffe auf politische Gegner staatstragend angelegt. Das zündete nicht.

Merz‘ Rede in Stuttgart war ebenfalls staatstragend: Er zeichnete das große Bild, legte den Fokus auf Außenpolitik. Seine Rede wurde von CDU-Landesvorsitzenden, mit denen WELT sprach, etwa als „gut“, „solide“ oder „stark in der Außenpolitik“ bezeichnet. Der Generalsekretär einer Landes-CDU monierte gleichwohl: „Da fehlte ein wenig der rote Faden.“

Dennoch hatte Merz‘ Auftritt am Ende das gewünschte Ergebnis. „Das war keine Rede eines Vorsitzenden auf einem Parteitag. Das war eine Kanzlerrede, die der Partei ihre staatspolitische Verantwortung erklärt“, sagte eine CDU-Funktionärin. „Kein Klein-Klein, kein Eingehen auf Einzelaspekte der Delegierten, was wir gehört haben, war die große Linie“, sagt ein CDU-Landeschef. Das traf offenbar den Geschmack vieler Delegierter: Die Christdemokraten verstehen sich als Regierungspartei, stets in staatspolitischer Verantwortung und weitaus weniger als die SPD als Programmpartei, die ideologische Visionen verfolgt.

„Die SPD ist vielleicht so doof, wir nicht“

Merz‘ Rede war von den Delegierten mit zehnminütigem Applaus honoriert worden. „Glauben Sie nicht, dass das nun übergroße Begeisterung ausdrückt. Die Delegierten wissen einfach, was sie in der aktuellen Situation auf diesem Parteitag zu tun haben“, sagte der Vorsitzende eines CDU-Landesverbands WELT.

„Das Wahlergebnis ist ein Votum der Vernunft, nicht der Begeisterung“, meint ein Mitglied des Parteivorstands. „Die Lage Deutschlands und der CDU wird ja nicht besser, wenn wir den Vorsitzenden jetzt abstrafen. Die SPD ist vielleicht so doof, das mit ihren Vorsitzenden zu tun, wir nicht.“

Im Grunde tickt die CSU ähnlich. Allerdings sind die Christsozialen eher bereit, mit Vorsitzenden hart ins Gericht zu gehen, wenn die nach Delegiertenmeinung nicht liefern, als die Schwesterpartei. Merz müsse sich zudem nicht dem Vorwurf stellen, überheblich und abgehoben zu sein, eine One-Man-Show zu liefern, wie das bei Söder der Fall sei, meinten mehrere Delegierte. „Er will ja mehr bewegen im Sinne der Union, aber wir haben eben einen Koalitionspartner.“

Hinter dem sehr guten Ergebnis für Merz steht neben der Sehnsucht, die Streitereien der vergangenen Monate hinter der Partei zu lassen, auch ein taktischer Antrieb. „Wir haben Wahlen in fünf Bundesländern in diesem Jahr vor der Brust, die in Baden-Württemberg in zwei Wochen. Da schießen wir uns doch ins eigene Knie, wenn wir unserem Parteivorsitzenden ein schlechtes Ergebnis bescheren und ihn damit schwächen“, meint ein Delegierter. „Eine Partei, die sich auf ihren Chef abkanzelt, ist wenig attraktiv für Wähler.“

Außerdem soll der Parteivorsitzende durch das gute Ergebnis in seiner Funktion als Kanzler gestärkt werden: gegenüber dem Koalitionspartner SPD, aber auch mit Blick auf die selbstbewusste Schwesterpartei CSU. Beide Parteien hatten es in der Vergangenheit geschickt verstanden, die Schwächen in der Regierungsarbeit dem Kanzleramt und den CDU-Vertretern in der Regierung zuzuschieben. Als die Debatte um Kürzungen im Sozialbereich hochkochte, erklärte der Chef der CSU-Landesgruppe in der Unionsfraktion, Alexander Hoffmann, genüsslich: Es gebe „in dieser Regierung zwei Parteien mit einem S im Namen“. S für sozial.

Zu guter Letzt schauen die Delegierten mit einiger Sorge auf die weltpolitische Lage. „Frankreichs Präsident ist kaum mehr handlungsfähig, der britische Premierminister angeschlagen, in Polen lähmen sich Präsident und Premier und in Spanien ist der Premierminister auf die Stimmen von Kommunisten angewiesen. Sollten wir in einer solchen Lage und mit Blick auf den Druck durch die USA, Chinas und Russland den Regierungschef des letzten EU-Staats von Gewicht, also Deutschland, schwächen?“, fragt ein Bundesvorstandsmitglied. Und gibt sogleich die Antwort: Nein, nicht mit der CDU. „Es heißt regelmäßig, die CDU sei ein Kanzlerwahlverein. In Weltlagen wie derzeit ist das wohl gut so.“

Nikolaus Doll berichtet über die Unionsparteien und die Bundesländer im Osten.

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